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Teamwork kann Leben retten

Teamwork kann Leben retten | Video verfügbar bis 17.10.2019 | Bild: WDR
Ärzte am OP-Tisch
Jede Operation gelingt nur im Team. | Bild: WDR

Ob beim Rettungseinsatz vor Ort, in einer Notfallambulanz oder bei einer Routine-Operation in der Klinik: Patienten werden von Teams behandelt. Doch Studien zeigen: Es hapert oft beim Teamwork zwischen Ärzten, Pflegern und Krankenschwestern. Und das gerade in kritischen Situationen, in denen es auf reibungslose Zusammenarbeit besonders ankommt. Immer mehr Kliniken richten daher Simulationszentren ein, in denen Notfall- und OP-Teams geschult werden. Einer der Vorreiter ist dabei das Universitätsspital Zürich.

Lebensnahe Simulationen

 Simulationszentrum, Blick vom Steuerraum in den OP
Die Teamtrainer beobachten, wie die Teams funktionieren. | Bild: WDR

Unter Federführung der Anästhesisten hat das Unispital Zürich ein Simulationszentrum aufgebaut, in dem unter anderem ein praxisnah eingerichteter OP-Vorraum für Teamtrainings genutzt wird. Es gibt auch einen "Patienten": eine High-Tech-Puppe, die aus einem Nebenraum ferngesteuert wird. Die Trainer können den Blutdruck variieren, die Herzfrequenz, können die Puppe schwitzen, erbrechen - und sogar sterben lassen. Geleitet werden die Trainings von der Psychologin Michaela Kolbe und dem Oberarzt der Züricher Anästhesie Bastian Grande. Sie können durch eine einseitig verspiegelte Scheibe die Teams aus Ärzten und Schwestern im Trainingsraum beobachten - und sie durch Steuerung der Puppe immer wieder neuem Notfall-Stress aussetzen. Die Szenarios orientieren sich dabei an realen Fällen des Klinikalltags, vom plötzlichen Herzinfarkt des Patienten bis zum Versagen der künstlichen Beatmung. Die Teilnehmer am Training wissen allerdings nie, was auf sie zukommt.

Reanimation ist Teamwork

Arzt drückt auf Brustkorb der Puppe
Die Herzdruckmassage erfordert zu viel Kraft für einen alleine. | Bild: WDR

Eine typisches Trainingszenario: die Reanimation. Der Herzschlag des Patienten wird plötzlich unregelmäßig und setzt schließlich ganz aus. Die Teamtrainer erleben dabei immer wieder Erstaunliches: Obwohl jede Reanimation ein standardisiertes und in schriftlichen Leitlinien festgelegtes Vorgehen vom Team erfordert, unterlaufen Ärzten wie Schwestern schwere Fehler. So wird oft zu geringer Druck bei der Herzmassage ausgeübt. Es vergeht auch regelmäßig wertvolle Zeit, weil die Koordination unter den Teammitglieder nicht funktioniert. Also wer macht was? So ist die Herzdruckmassage körperlich sehr anstrengend. Um den notwendigen Druck auf den Brustkorb über mehrere Zyklen aufrecht erhalten zu können, reicht selbst die Kraft eines sportlichen Arztes nicht aus. Das Team müsste also rotieren. Doch häufig geschieht dies nicht. Offenbar kostet viele Ärzte eine Aussage wie "Ich habe keine Kraft mehr, kannst du übernehmen" Überwindung. Der Satz "Ich weiß nicht weiter, wer hat einen Rat?" kommt erst recht zu selten über die Lippen.

Offene Kommunikation entscheidend für Teambildung

Hand eines Patienten
Trainierte Teams retten mehr Leben. | Bild: WDR

Ein Grund für die Kommunikationshürden ist laut Michaela Kolbe das immer noch häufig in hierarchischen Kategorien verhaftete Denken vieler Ärzte. "Götter in Weiß", so abgegriffen der Ausdruck scheint, er umschreibt manches Ärzteverhalten im Team dennoch treffend. Ein weiteres Problem: Die Notfallteams sind fast immer spontan zusammengewürfelt, es sind keine festen, eingespielten Gemeinschaften. Doch wenn es auf jede Sekunde ankommt, dann geht wertvolle Zeit verloren, wenn unterschwellig Rangkämpfe ablaufen oder wenn aus Unsicherheit die Kommunikation untereinander hakt.

Das Rezept der Züricher Teamtrainer lautet daher: regelmäßiges Training. Ihrer Meinung nach sind die beste Medizin und die besten Leitlinien wertlos, wenn nicht gleichzeitig Ärzte und Pflegekräfte genau wissen, wie sie sie im Team umsetzen müssen. Je nach Notfall sind die Erfordernisse dabei verschieden: In sehr komplexen Situationen kann es hilfreich sein, wenn einer das Sagen hat und klare Anweisungen gibt. Ein anderer Notfall kann wiederum das Gegenteil erfordern: das strikte Aufteilen der Verantwortung im Team. Und das heißt: Auch der Chefarzt gibt Kompetenzen ab, ob an den Assistenzarzt oder die Pflegekraft.

Mehr Patientensicherheit

Die Entwicklung der Teamarbeit bedeutet eine Art Kulturwechsel im Krankenhaus. Schulungen einzelner Mitarbeiter reichen daher nicht aus, um gut funktionierende Notfallteams zu etablieren. Deshalb geht das Unispital Zürich jetzt einen Schritt weiter: Alle Ärzte, Pfleger und Schwestern werden verpflichtet, an Simulationstrainings teilzunehmen - ein europaweit einmaliges Projekt. Das kostet Zeit und Geld im durchrationalisierten Medizinbetrieb. Doch internationale Studien zeigen: Es lohnt sich. Trainierte Teams retten mehr Leben als untrainierte, das haben Vergleichsstudien gezeigt. In großen Kliniken lassen sich demnach durch verbessertes Teamwork 20 Todesfälle und mehr pro Jahr vermeiden. Und auch das zeigen die Untersuchungen: Der Stress-Level der Teammitglieder sinkt deutlich. Das steigert die Arbeitszufriedenheit.

Autor: Thomas Liesen (WDR)

Stand: 13.11.2014 13:03 Uhr