Produzentin Corinna Eich im Gespräch

»Ein eindrückliches Fernseh-Gesamtkunstwerk.«

Heinrich Breloer im Gespräch mit Burghart Klaußner während der Dreharbeiten.
Heinrich Breloer im Gespräch mit Burghart Klaußner während der Dreharbeiten. | Bild: WDR/Bavaria Fiction / Stefan Falke

"Brecht" ist Ihr erstes Projekt mit Heinrich Breloer. Worin lag für Sie der besondere Reiz, einen solchen historischen Zweiteiler über einen deutschen Klassiker zu produzieren? Ist das für eine studierte Germanistin nicht ein Glücksfall?

Brecht hat nicht nur Heinrich Breloer, sondern auch mich immer begleitet. Durch meine Wurzeln im Theater und durch mein Literaturstudium war er mir als wichtigster deutscher Dramatiker des 20. Jahrhundert stets präsent. Die Chance, Heinrich Breloers großen Zweiteiler über Brecht zu produzieren, erschien mir von Anfang an als glückliche Fügung. Klar, dass hier ein Stück Fernsehgeschichte entstehen würde, zumal Breloer für diese Krönung seines Lebenswerkes zu seinen eigenen Wurzeln zurückkehren wollte, nämlich zu der von ihm mitbegrün deten Form der Doku­Fiktion. Es wurde für ihn, aber auch für mich eine Zeitreise.

Für "Brecht" wurde sehr viel als historische Kulisse nachgebaut; Szenen- wie Kostümbilder sind genau rekonstruiert. Worin bestand logistisch und organisatorisch die größte Herausforderung bei der Realisierung?

Heinrich Breloer hätte am liebsten alles an Original motiven in Augsburg und Berlin gedreht. Doch diese Motive existieren entweder in der historischen Form nicht mehr oder sind kaum bespielbare Denkmäler und Museen oder sie hätten nur mit sehr hohem Kostenaufwand zurückverwandelt werden können. Dies obendrein nicht im Look einer kurzen historischen Zeitspanne, sondern über fast vier Jahr zehnte und zwei Weltkriege hinweg. Wir mussten also eine bezahlbare Lösung finden, die authentische Architektur, geographische Erreichbarkeit und hohe handwerkliche Professionalität auf überschaubarem Raum vereinigte. Diese Bedingungen erfüllte – wieder einmal – Prag. Unser Team bildete mit den Kollegen der Barandov Studios eine traumhafte Einheit. Nur so konnten nicht nur logistische und organisatorische, sondern vor allem die künstlerischen Herausforderungen bewältigt werden.

Bei einem dokufiktional angelegten Film wie "Brecht" gibt es ja immer zwei Ebenen – die Spielszenen und dahinter die historischen Szenen. Wie groß war der Aufwand, diese in Heinrich Breloers Filmen so entscheidende zweite dokumentarische Ebene im Film adäquat abbilden zu können?

Heinrich Breloer stellt an sich und die Produktion höchste Ansprüche. Er verlangt, dass die Akkuratesse seiner Arbeit nicht nur im geschriebenen Dialog, sondern auch im Production Design und im komplementären Doku­Anteil zum Ausdruck kommt. Obendrein meint er seine Warnung "Meine Filme entstehen im Schneideraum!" wörtlich. Bis zur letzten Sekunde sind Umstellungen und Neubewertungen möglich, die durch nach und nach eintreffendes Dokumaterial provoziert werden. Also haben wir vom ersten Drehbuchkonzept an bis zur finalen Schnittversion nach immer neuen, von Breloer gewünschten Bildquellen geforscht und die Rechte erworben. Manchmal gab es nur Audio quellen, zum Beispiel ein Interview mit Helene Weigel u. a. über ihre Ehe mit Brecht. Da blieb dem Regisseur Breloer nichts Anderes übrig, als das Hörfunkdoku ment eins zu eins von der WeigelDarstel lerin Adele Neuhauser nachspielen zu lassen. Dieses kleine Solo ist für mich einer der eindrucksvollsten Momente im zweiten Teil: Doku­Fiktion pur.

Worin liegt für Sie weiterhin die Bedeutung, aufwändige Event-Zweiteiler wie "Brecht" für das Fernsehen zu realisieren?

Doku­Fiktion hat ihre ureigene Faszination auf den Zuschauer. Wenn es um Authentizität geht, reicht sie sogar weit über gelungene fiktionale Großproduktionen hinaus. Und gerade jene Zeiten, in denen das bewegte Bild erst an seinen Anfängen stand, interessieren uns heute wieder besonders. Technisch bedeutete der Film damals einen der Digitalisierung vergleichbaren Technologie­Sprung, den wir heute "disruptiv" nennen, also umstürzend. Dass die Zeiten damals auch politisch und gesellschaftlich disruptiv waren, lässt sich kaum eindrucksvoller erzählen als an der Figur Brecht. Und ich kenne keinen anderen Erzähler, der aus Fakten und wahrhaftiger Fiktion ein so eindrückliches Fernseh­Gesamtkunstwerk erschaffen kann wie Heinrich Breloer. Ich betrachte es als großzügiges Geschenk der ARD an sich selbst, diesen Zweiteiler ermöglicht zu haben. Und ich hoffe, dass mit der Ära Breloers nicht auch bald die Ära der öffentlich­ rechtlichen Doku­Fiktion­ Events endet, sondern mit neuem Schwung fortgeführt wird.

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