"Gewissen braucht überzeugende Argumente."

Frank Plasberg über den TV-Event mit "Hart aber fair"

Richard Gärtner (Matthias Habich, li.) und sein Rechtsanwalt Biegler (Lars Eidinger) pochen auf das Recht auf selbstbestimmtes Sterben.
Richard Gärtner und sein Rechtsanwalt Biegler pochen auf das Recht auf selbstbestimmtes Sterben. | Bild: ARD Degeto/Moovie GmbH / Julia Terjung

Nach "Terror – Ihr Urteil" kommt mit GOTT ein weiterer Film von Ferdinand von Schirach ins Programm des Ersten, an dessen Ende die Zuschauer*innen aufgefordert sind, ein Urteil abzugeben. Als Moderator müssen Sie die anschließende Gesprächsrunde auf dieses Urteil hin, das Sie ja zuvor nicht kennen, entsprechend ausrichten. Was ist in dieser Konstellation die besondere Herausforderung für Sie und die Redaktion von "hart aber fair"?

Wir wollen den Zuschauer*innen diesmal noch etwas mehr Zeit zum Abstimmen geben und gleichzeitig technisch aufrüsten. Die überwältigend hohe Beteiligung bei "Terror – Ihr Urteil" hat gezeigt, dass auch die leistungsstärkste Digitaltechnik zum Engpass wird, wenn Hunderttausende zugleich abstimmen wollen. Die Konstellation bei uns im Studio wird ähnlich sein wie im Film. Ein hochrangiger Vertreter der Kirche, eine Ärztin oder ein Arzt, der die Sicht der Bundesärztekammer schildert, sicherlich auch ein Verfechter der Sterbehilfe. Und vielleicht auch: eine Medizin-Ethikerin, ein Verfassungsjurist. Wenn das Fernsehpublikum abgestimmt hat, wird die Diskussion weitergehen: Was würde so ein Votum, wenn es Gesetzeslage wird, im Land verändern? Was hätte das für Auswirkungen auf die Gesellschaft, auf die Betroffenen? Und das sind nicht nur die Menschen mit Sterbewunsch, sondern auch die Angehörigen, die Ärzte, die nun beim Sterben assistieren sollen.

Im Film wendet sich die Vorsitzende des Ethikrats am Ende bezüglich der Entscheidungsfindung direkt an das Publikum. Dabei betont sie, dass die Basis der Entscheidung nicht eine rechtliche Abwägung sein soll, sondern eine ethische. Was verändert sich in der Gesprächsführung, wenn es bei diesem Thema nicht nur hart aber fair um den Austausch von Fakten und Argumenten geht, sondern um Gewissensfragen und existentielle Lebensgrundsätze, die eigentlich nur schwer diskutierbar und verhandelbar sind?

Zum einen: Es geht natürlich auch um Fakten und Argumente. Nur ein Beispiel: Wie oft ist so ein Wunsch, sterben zu wollen, eine rein rationale Entscheidung, wie oft ist eine seelische Erkrankung die Grundlage? Und wie kann man das eine vom anderen unterscheiden? Das sind Fragen, zu denen es wissenschaftliche Antworten gibt. Zum anderen: Auch viele andere politische Entscheidungen sind nicht nur mit Fakten und Argumenten begründet, sondern haben eine ethische Grundierung, zum Beispiel in der Sozialpolitik. Wie sehr ist der Staat verpflichtet, Schwächeren zu helfen? Bei dieser Frage geht es genauso um Gewissensfragen, um existentielle Grundsätze des Lebens. Und warum sind Fragen des Gewissens schwer diskutierbar? Das Gewissen ist doch nichts Angeborenes. Gewissen bildet sich. Schult sich an Falsch und Richtig. Braucht überzeugende Argumente, um sich zu festigen. Wir betreten da also mit unserer Sendung kein Neuland. Zumal wir die Frage des ärztlich begleiteten Suizids über die Jahre schon mehrfach zum Thema hatten. Aber jetzt haben wir eben diesen großartigen Film als Vorbereitung unserer Diskussion und die Abstimmung der Zuschauer*innen. Das macht für uns diesen Fernsehabend einmalig.

Kann oder soll man sich als Moderator bei einem solchen Gewissensthema eigentlich professionell "mäßigen" (moderare), das heißt sich von der eigenen inneren Haltung frei machen?

Wenn ich denn schon eine eigene feste innere Haltung bei diesem Thema gefunden hätte, dann wäre es vielleicht schwierig – aber auch nicht schwieriger als bei aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Ich finde, Handwerk ist für unsere Sendung immer noch wichtiger als Haltung.

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