Vorsicht vor den "Herren" – über die Recherchen

Daniel Harrich mit General Pervez Musharraf
General Pervez Musharraf, ehemaliger pakistanischer Staatspräsident und Oberbefehlshaber der pakistanischen Streitkräfte, und Autor Daniel Harrich. | Bild: SWR

Spielfilm und Dokumentation des Themenabends zeigen die Verbindungen zwischen Geheimdiensten und Terrorzellen. Wie brisant die Recherche war, beschreibt Doku-Redakteur Thomas Reutter:

Aus einem arabischen Staat erreichte mich vor sechs Wochen folgende Nachricht: "Ist es in Ordnung, wenn ich für den Nachmittag meinen Live-Standort per WhatsApp mit Dir teile? Es gibt keinen Grund zur Sorge, bin aber mit dieser Gruppe Herren lieber vor- als nachsichtig." Absender war Daniel Harrich, der Autor von "Spur des Terrors". Während der gesamten Dreharbeiten standen wir in engem Kontakt.

Geht es zum Interview – oder in eine Falle?

Die nächste Nachricht: "Bitte nur in zwei Fällen agieren: 1. Ich melde mich bis 16 Uhr nicht. 2. Mein Standort wechselt grundlegend, ohne dass ich etwas schreibe." Es war 8:53 Uhr unserer Zeit. Bei der "Gruppe Herren" handelte es sich um Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes ISI. Das wusste ich ja. Sie sollten den Filmemacher zu einem besonderen Interview-Partner bringen: General Pervez Musharraf, der abgesetzte Präsident Pakistans. Der Ex-Diktator wird international per Haftbefehl gesucht und nennt pakistanische Terrorgruppen "Hilfsorganisationen". Will dieser Mann dem SWR wirklich ein Interview geben, oder will die "Gruppe Herren" womöglich einen westlichen Schnüffel-Journalisten in eine Falle locken?

Verhaftet im Kongo

Für letzteres meinte Daniel Harrich mit "agieren": sofort das Auswärtige Amt einschalten. Was das bedeutet, war mir klar. Im vergangenen Mai war ich selbst beim Drehen im Kongo verhaftet und verhört worden. Damals musste mein Redakteur Hans Michael Kassel für mich in Berlin anrufen. Die Deutsche Botschaft holte uns wieder raus. Diesmal hätte ich von Baden-Baden aus alles in Bewegung gesetzt, um Daniel Harrich im Notfall zu helfen. Doch diesmal gab es zum Glück nichts zu "agieren". Um 15:51 Uhr bekam ich ein Foto: der flüchtige Ex-Diktator und der Filmemacher stehen nach dem Interview beisammen, dazu ein Smiley mit schwarzer Sonnenbrille.

Schriftzug Bundesnachrichtendienst, Berlin
Mit wem sollen unsere Geheimdienste zusammenarbeiten? | Bild: picture alliance/imageBROKER

Eine Doku über die Verstrickungen unserer Geheimdienste in die islamistische Terrorszene redaktionell zu betreuen, ist nicht ganz alltäglich. Ich hatte zwar auch schon mit Simone Reuter zusammen die Redaktion für das große Arte-Doku-Projekt "Schattenwelt BND", aber diesmal ist wieder alles anders. Diesmal geht es darum, eine langjährige intensive Kooperation unseres Geheimdienstes in Frage zu stellen, die Zusammenarbeit zwischen dem Bundesnachrichtendienst und dem pakistanischen ISI.

Geheimdienstler reden erstaunlich offen

Unsere These: Genau diese Partnerschaft hat den islamistischen Terror stark gemacht. Haben westliche Geheimdienste – auch der BND – Terrorzellen unterstützt, die Anschläge gegen uns verüben? Eine nicht sonderlich Image fördernde Fragestellung für Dienste, die eigentlich den Terror abwehren sollen. Wir konnten nur die übliche Mauer des Schweigens erwarten. Aber letztlich gelang es Daniel Harrich nicht nur, ehemalige BND-Präsidenten und den zuständigen Sonderbeauftragten der Bundesregierung vor die Kamera zu bringen, sondern auch den ehemaligen CIA-Direktor General Mike Hayden und eine ganze Reihe Ex-Agenten. Erstaunlich ist auch, wie offen sie sprechen.

Vergleichen mit dem, was Edward Snowden geleakt hat

Die Aussagen mussten wir nun abgleichen mit dem, was die anderen sagen, vergleichen mit dem, was Gerichtsakten hergeben, was Edward Snowden aus dem Innersten der NSA geleakt hatte. Bei allen Interviews mussten wir redaktionell hinterfragen: Welche Interessen verfolgt der Gesprächspartner mit dem, was er sagt? Welche Motive hat er? Was lässt sich unabhängig überprüfen? Nur ein Bruchteil von dem, was wir wissen, können wir senden. Informationen, die nicht abgesichert sind, lassen wir weg. Keine Spekulationen. Und wo Fragen offen sind, markieren wir das klar.

Mit der Doku wollen wir eine breite Diskussion anstoßen: Mit wem sollen unsere Geheimdienste zusammenarbeiten? Der Zweck heiligt die Mittel, heißt es ja immer. Oder wie Gerhard Schindler (BND-Präsident von 2011 bis 2016) im Interview sagt: Wenn Sie einen Auftrag zu erfüllen haben, müssen Sie Ihr Gewissen ein Stück weit hinten anstellen. Aber wo ist die rote Linie? Darf ein demokratischer Staat wie die Bundesrepublik Deutschland wirklich mit Terror-Paten kooperieren, um an Informationen zu kommen? Wenn diese Doku dazu beitragen würde, dass die Bundesregierung und der BND besonders fragwürdige Partnerschaften kritisch überprüfen, wäre das ein großer Erfolg.

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