Gespräch mit Christian von Castelberg (Regie)

»Es ist immer mein Hauptanliegen, aus den Figuren im Drehbuch wirkliche Menschen zu machen.«

Christian von Castelberg
Regisseur Christian von Castelberg | Bild: dpa

Im Kommissariat herrscht Krisenstimmung; nicht nur, aber auch wegen der aufgeflogenen Affäre zwischen Vivian Bukow und Thiesler. War es schwierig, an diesem emotionalen Tiefpunkt wieder einzusteigen in die Arbeit mit den Stammschauspielern?

Nein, das war toll! Je tiefer und existenzieller es ist, was in einem Film verhandelt wird, umso lieber ist es mir! (lacht) Auch wenn ich ganz generell immer gern eine Portion Humor in die Sachen reinbringe und eine Mischung aus Melancholie, Tragik und Humor anstrebe. Ich finde, dass dieser Film eher ein Anneke-Film ist, wenn ich das – bei all meiner Liebe zu Charly – mal so sagen darf. Ihre Figur durchlebt mit diesem alten Fall, der sie einholt, ein großes Drama. Und Anneke hatte beim Dreh Momente, in denen ich dachte, dafür müsste sie einen Preis kriegen! Wie sie da spielt, das ist der Hammer! Damit meine ich nicht nur die Szene am Hafen gegen Ende, wo sie so schreit, sondern auch die Szenen in der Klinik, die Art, wie sie mit diesem Patienten umgeht. Ich freue mich sehr, dass die Schauspieler selbst ebenfalls zufrieden sind mit dem Ergebnis. Mir persönlich ist immer am wichtigsten, dass die Figuren gut sind, aber wenn man dazu auch noch solche Dinge hinkriegt und das nicht auf Kosten der Authentizität geht, dann ist das natürlich super. Insofern bin ich schon ein bisschen stolz auf diesen Film.

"Sturm im Kopf" entfaltet die Hintergründe, die zur Ermordung eines Rostocker Herstellers für Offshore- Windräder geführt haben. Wie sind Sie an die Sache herangegangen?

Da im "Polizeiruf 110" aus Rostock die kontinuierlich weitererzählten Geschichten der Kommissare eine wichtige Rolle spielen, gab es hier viele Handlungsstränge. Die Ehe von Bukow, die Vergangenheit von König beim LKA, die Affäre von Thiesler und so weiter. All diese kleinen Sidekicks müssen genügend emotionalen Raum haben, dürfen den eigentlichen Fall aber nicht erdrücken. Dieser Fall wird hier von zwei Seiten aufgerollt: Da ist zum einen der Mann, der sein Gedächtnis verloren hat, und seine Ehegeschichte. Und zum anderen dieser Typ, der für den Ermordeten die heißen Kartoffeln aus dem Feuer holen musste und jetzt als Mann fürs Grobe eingesetzt wird. Das alles ist recht komplex ineinander verschachtelt. Ich habe versucht, die einzelnen Situationen glaubhaft und nachvollziehbar zu gestalten. Meine Aufgabe ist es, den emotionalen und sachlichen Kern der einzelnen Szenen zu finden.

Sie wählen einen rasanten Einstieg, der in sehr kurzen Ausschnitten bereits Eindrücke vom weiteren Handlungsverlauf vermittelt. Was bezwecken Sie damit?

Am Beginn der eigentlichen Handlung gibt es drei Szenen, bevor Bukow und König selbst auf den Plan treten. Ich wollte die beiden Ermittler aber ganz vorn haben, damit der Zuschauer sofort weiß, wo er ist, nämlich im "Polizeiruf" Rostock. Außerdem ist diese Bilderfolge so ein bisschen als Wake-up-Call gedacht, der gleich signalisiert, dass der ruhige Anfang mit der Waldszene trügerisch ist und sich das Ganze nach hinten hin sehr dramatisch entwickelt.

Die Episodenhauptrolle wird von Christian Friedel gespielt. Wie haben Sie diese Figur ohne Vergangenheit mit ihm erarbeitet?

Die Rolle mit Christian Friedel zu besetzen, war ein Vorschlag der Casterin Mai Seck. Ich kannte sein Gesicht vom "Weißen Band" von Haneke und fand es sehr speziell, aber ich wäre nicht auf die Idee gekommen, ihn in dieser Rolle zu sehen. Die Arbeit mit ihm war ein Traum. Christian Friedel ist so fein und so gescheit und auch sehr interessiert, Dinge auszuprobieren. Es war wirklich wunderbar, mit ihm zu arbeiten. Jemanden mit einem Gedächtnisverlust zu spielen ist ganz heikel. Das ist so ähnlich, wie wenn man betrunken spielt, was oft wahnsinnig peinlich ist. Wie spielt man so etwas, ohne dass es blöd wirkt, haben wir uns gefragt und lange darüber diskutiert. Man kann ja nicht einfach nur wie ein Gemüse durch die Gegend laufen. Sicher, am Anfang, direkt nach seinem Unfall, torkelt Max Schwarz durch die Stadt, aber da ist er noch stark traumatisiert. Sonst benimmt er sich eigentlich ganz normal, nur dass er sehr besorgt ist. Er könnte ein Mörder sein, weiß aber selbst nicht mehr, was passiert ist; das macht ihm natürlich zu schaffen. Abgesehen von der Angst und der Sorge ist er aber offen und kommunikativ, was die Ermittler zunächst irritiert, weil sie es für möglich halten, dass er nur simuliert. Das ist eine spannende Mischung, und ich finde, Christian Friedel spielt das ganz hervorragend.

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