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Indien: Ein Künstler als Klempner – Kampf um jeden Wassertropfen

Indien: Ein Künstler als Klempner

»Hallo? Gibt es bei ihnen ein Leck? Tropft der Wasserhahn? Wir kommen mal rein!«

Drei Fremde stehen vor der Tür. Aabid – eigentlich Künstler, dazu ein Klempner und eine Assistentin. Und schon sind sie in der Küche.

Ihr Ziel: der Wasserhahn. Tropft er oder tropft er nicht?

Aabid Surti
Aabid Surti

Aabid Surti:

»Jeder Tropfen bedrückt mich, weil Wasser ist für mich blaues Gold. Wenn nur ein Tropfen verschwendet wird, tut es mir weh.«

Nun wird geschraubt. Die Dichtung funktioniert nicht mehr - nicht wirklich neu für die Familie, aber groß gestört hat es sie nicht.

Mustafa Akbar Ali Shadriwala:

»Ich habe das schon gewusst, dass der Hahn tropft. Ich dachte, vielleicht ist das was locker. Und dann habe ich einfach immer vorsichtig auf und zu gedreht.«

Dabei kostet es doch nur 50 Rupien – 60 Cent, eine neue Dichtung einzubauen. Die drei lösen das Problem, kostenlos, müssen aber nochmal wiederkommen.

Aabid:

»Das ist jetzt nur eine Übergangslösung. Du besorgst jetzt ein neues Ventil. Dann meldest du dich wieder. Ich hole den Klempner. Wir tauschen es aus.«

Aabid, der Künstler, macht das seit sechs Jahren. Er hat genug Geld, manchmal bekommt er Spenden. Das fließt ins Projekt. Aber auch der Klempner verlangt nichts. Und die Frau im Team soll Vertrauen bilden, denn sie klingeln an fremden Türen – und sind nicht immer willkommen.

Aabid Surtis Team unterwegs
Aabid Surtis Team unterwegs

Einen Dienstwagen haben die drei nicht. Gearbeitet wird immer am Sonntag. Denn dann sind die Leute zu Hause. Ihr gemeinsames Ziel: Nicht weniger, als die Welt zu verbessern – ein bisschen.

Aabid Surti:

»Die Gesellschaft hat uns so viel gegeben. Du brauchst Wasser, musst du nur den Hahn aufdrehen. Meine Großmutter musste noch Meilen laufen, für einen Eimer Wasser. Heute gibt es alles im Überfluss. Aber was gibst du der Gesellschaft? Ich zahle etwas zurück.«

Aabid kam als Kind nach Mumbai. Die Familie war arm und lebte auf der Straße. Wenn er heute in sein altes Viertel zurückkehrt, kommen die Erinnerungen: Eine halbe Stunde pro Tag lief damals das Wasser. Er weiß noch, wie quälend der Durst sein kann: Tage, Nächtelang. Das hat ihn tief geprägt.

Aabid Surti:

»Am frühen Morgen stand meine Mutter in der Schlange für einen Eimer Wasser. Da waren immer Kämpfe. Da kam jemand, hat sich vorgedrängelt. Dann gab es Streit, Prügeleien. Und am Ende hatte niemand Wasser. Wenn ich dann meine Freunde besuchte und ich sah nur einen Tropfen, der verloren ging; das tat mir so weh. Aber alle anderen verstanden mich nicht. Sie sagten: ‚Was regst du dich so auf, es sind doch nur Wassertropfen.‘«

Wasserhähne repariert er nur stundenweise. Sonst zieht er sich in seine Wohnung zurück und zeichnet. Aabid ist Künstler. Seine Comicfiguren sind in Indien berühmt.

Seine Wohnung nennt er Ghetto. Er ist so etwas wie ein verheirateter Junggeselle. Frau und Kinder kommen hier nicht her. Sie leben – so sagt Aabid – ein Fünf-Sterne-Luxusleben.

Aabid Surti
Aabid Surti

Aabid kann damit nichts anfangen, braucht seine Freiheit.

Aabid Surti:

»Wenn du allein lebst, bist du frei. Kannst tun, was du willst. Wenn eine Frau hier ist, dann will sie vielleicht ins Kino. Oder irgendwas anderes. Und du kannst ja nicht immer 'Nein‘ sagen. Sie war gnädig mit mir, lebt alleine mit unserem Sohn. Sie hat mir meine Freiheit geschenkt.«

Das kam früher bei der Freiheit raus: Wilde Kunst. Egal, was andere sagen.

Heute nutzt dieser Mann die Freiheit auch, um Wasserhähne zu reparieren. Aber wozu das alles? Können Tropfen so wichtig sein?

"Ja“, sagt Aabid: "Aus einem werden viele.“

Am Ende des Monats sind es schon hundert Liter. In einem Haushalt, in Mumbai Millionen.

Schon wieder die Dichtung. Aber diesmal war sie nur locker.

Mohammad Zakir, Klempner:

»Ja, das war es schon. Durch das kleine Leck hat es getropft. Nun ist alles wieder fest. Jetzt tropft gleich nichts mehr.«

Aabid Surti mit Kindern
Aabid Surti mit Kindern

Aabid könnte sich eigentlich zurücklehnen. Seine Idee läuft von alleine. Aber einfach rumsitzen, das kann er nicht. Er ist 78, aber alles andere als müde.

Aabid Surti:

»Die Kraft kommt, wenn du gutes tust. Wenn du anderen hilfst, dann lädt die Natur die Batterien wieder auf.«

Aabid will keine Ausreden hören. Dass das alles eh nichts bringt. Viele sagen ja: "Warum die Umwelt schützen?“ Indien hat genug andere Probleme.

Veränderung beginnt tröpfchenweise. Was er kann, sagt Aabid, können andere auch.

Aabid Surti:

»Wenn du die Welt ändern willst, ändere dich selbst, dann gibt es schon einmal einen Bastard weniger.«

Aabid ahnt, er braucht dafür mehr als ein Leben, aber auch das ist kein Grund, nichts zu tun.

Autor: Gábor Halász / ARD Neu Delhi

Stand: 15.04.2014 10:38 Uhr

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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Bayerischen Rundfunk produziert.