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China: Fahrräder in China

Abschied vom Königreich der Fahrräder

Weltspiegel

China: Größter Parkplatz der Welt | Video verfügbar bis 25.11.2032

Früh am Morgen – hunderte Fahrräder und E-Bikes. Ich fahre zur Arbeit – auf einer breiten abgetrennten Spur für die Zweiräder. Aber schnell werden wir gestoppt. Freie Fahrt gibt es nur für ein paar Hundert Meter.

»Fahrradparadies China, das war einmal. Heute dominieren die Autos und Fahrräder stehen in der Hackordnung ganz unten.«

Ein täglicher Kampf. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Das Auto hat immer Vorfahrt – und Autos gibt es viele. Mehr als fünf Millionen sind in Peking registriert.

Selbst das Parken ist schwierig. Private Sicherheitsdienste bewachen Plätze und Laternenmasten. Fahrräder sind nicht gern gesehen.

Das war in China einmal anders. Das Fahrrad war ein Prestigeobjekt, Mitgift, Wohlstandssymbol. Wer ein Fahrrad hatte, war jemand.
Heute steht der Stolz von damals im Museum. Gesammelt hat sie Herr Wang, er ist 78 und immer noch passionierter Fahrradfahrer. Sein erstes Fahrrad hat ihn vier Monatslöhne gekostet und wurde von allen bewundert. Seine Kinder und Enkel sind längst aufs Auto umgestiegen.

Wang Mingxi, Fahrradsammler

»Die Jungen von heute wissen gar nicht mehr, wie man Fahrrad fährt. Sie wollen alle Auto fahren, und es reicht auch kein chinesisches Auto, das ist nicht gut genug, sie nehmen einen Kredit für ein besseres. Sie wollen einen VW, einen Mercedes oder Audi.«

Peking erstickt im Verkehr – als Fußgänger oder Radfahrer muss man mutig sein. Und als Autofahrer geduldig. In der Hauptverkehrszeit kann es eine Stunde dauern, um vier Kilometer zu überwinden.

Aber es ist bequem und warm. Zhang Lizheng fährt seit vielen Jahren. Früher ging alles schnell. Das erste Auto stand für Fortschritt. Aber mittlerweile überwiegt das Negative.

Zhang Lizheng

»Es gibt zu viele Autos, Autofahren ist sehr nervig. Und wegen der Staus weiß man nie, wann man irgendwo ankommt.«

Deswegen hat sich Zhang Lizheng ein gutes Fahrrad gekauft. Und wenn Smog ist, fährt sie mit Maske. Mit dem Fahrrad ist sie schneller und sie kann zuverlässig ihre Zeit planen – und dabei auch ein bisschen Sport treiben. Das Auto nimmt sie nur noch, wenn sie es wirklich braucht.

Zhang Lizheng

»Immer mehr Jüngere fangen wieder an Fahrrad zu fahren, auf trendigen Rädern. Aber es gibt auch welche, die fahren deswegen nicht, weil Fahrradfahren kein gutes Image hat. Sie denken, wenn Du ein Auto hast, dann zeigt das, dass du erfolgreich bist.«

Liuke ist auch ein Fahrradfan und hat das Autofahren wieder aufgegeben. Zeitverschwendung, sagt er. Radfahren ist für ihn Lifestyle, es ist cool, ein Trend – gut für die Umwelt und die eigene Fitness. Sein neues Retro-Rad ist aus England importiert, ein Hingucker.

In der staatlichen Fahrradfabrik in Tianjin arbeiten sie der Zeit hinterher. 500 Angestellte – statt wie früher 7000 und der Umzug in einen Vorort steht bevor, die Miete an diesem Standort ist zu teuer – kurz, es läuft nicht so gut. Fliegende Taube heißt das Rad, ein klingender Name in China, eine berühmte Marke – damals. Ein solches Fahrrad in den 60er oder 70er Jahren war Luxus, wurde vererbt. Heute – in der Mehrheit billige Massenware – auf der Suche nach dem Ruhm von einst.

Wang Dajian, Feige Fahrradfabrik

»Ich frage einen, der seit vierzig Jahren hier arbeitet: Früher war die „Fliegende Taube“ der Stolz Chinas jetzt fahren alle Autos, was bedeutet das für Sie? Ich bin frustriert, sagt er. Aber ich kann es verstehen. Der Lebensstandard ist höher, die Leute wollen andere Verkehrsmittel.«

Dass es auf den Straßen Chinas nicht so weitergehen kann, sehen sie als Hoffnungsschimmer. Vielleicht gelingt ihnen die Erneuerung mit moderneren Rädern und neuen Konzepten.

Für die Stadt Peking bauen sie Leihfahrräder. Seit ein paar Monaten ist das System im Test. Und es läuft gut – ein Nachteil nur, dass für die vielen Nicht-Pekinger ein kleiner Genehmigungsmarathon zu bewältigen ist, um eine Ausleihkarte zu bekommen.

All die Initiativen, Fahrräder wieder attraktiv zu machen, täuschen aber nicht über den Verkehr hinweg – und die Schwierigkeit, sich in ihm zu bewegen. Fahrradwege werden zugeparkt, Rechtsabbieger nehmen sich ihre Vorfahrt. Es gilt das Recht des Stärkeren.

Vielleicht ist die Geduld der Autofahrer aber trotzdem irgendwann am Ende, wenn der Weg zur Arbeit ein Viertel des Tages einnimmt. Und der Smog die Städte ganz verdunkelt.

Autorin: Ariane Reimers

Stand: 22.04.2014 14:50 Uhr

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