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Russland: Die Fußballweltmeisterschaft und Kadyrows Spiel

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Russland: Die Fußballweltmeisterschaft und Kadyrows Spiel | Bild: dpa
Eine Moschee in Grosny
Eine Moschee in Grosny | Bild: BR

Grosny – mit Milliarden aus Moskau herausgeputzt. Auferstanden aus Schutt und Asche. Russische Truppen hatten die Stadt in zwei Vernichtungskriegen fast dem Erdboden gleichgemacht. Wo früher ausgebombte Häuserskelette standen, ragen heute Wolkenkratzer und Fünf-Sterne-Hotels in die Luft, eine Skyline wie in Abu Dhabi oder Dubai. Man hat das Gefühl, in der arabischen Welt zu sein.

Die Stadt ist zwar kein Spielort bei der Fußballweltmeisterschaft, doch Republikchef Ramsan Kadyrow, hat sich selbst ins Spiel gebracht. Er hat die ägyptische Mannschaft eingeladen, bei ihm im Nordkaukasus Quartier zu beziehen. Eine Entscheidung, die weltweit kritisiert wird. Kritik, die an Kadyrow abprallt. Der wegen seiner Gewaltherrschaft berüchtigte Republikchef lässt sich mit dem Starspieler der Ägypter, Mohamad Salah, feiern, ein Angebot, das der seinem tschetschenischen Gastgeber nicht ausschlagen kann.

Kadyrow und der Sport

Ramsan Kadyrow mit Mohamad Salah
Ramsan Kadyrow mit Mohamad Salah | Bild: BR

Gerne schmückt sich Kadyrow mit internationalen Stars. Gerne gibt er sich als großer Sportler. Für den 30-jährigen Tschetschenen Nurid und seine Fangruppe ist Salah, der Stürmer vom FC Liverpool, eine Art Halbgott: "Ihren Lieblingsspieler haben sie bislang nur im Fernsehen gesehen. Diese Begegnung werden sie in ihrem ganzen Leben nie mehr vergessen."

Sport wird in der Krisenregion, in der Kadyrow mit eiserner Hand regiert, groß geschrieben – für junge Tschetschenen oft der einzige Weg, aufzusteigen und das Land zu verlassen: "Wir sind sehr erfreut, dass die ägyptische Nationalelf bei uns zu Gast ist. Das sind unsere Brüder und vielleicht wird Mohammed Salah der beste Spieler des Turniers, ein großer Erfolg für uns."

Russische Menschenrechtsorganisationen kritisieren die ägyptische Mannschaft: Wie könne man sein Trainingslager in einem Land aufschlagen, in dem Regimekritiker und Homosexuelle verschleppt, gefoltert und hinterrücks ermordet werden.

Keine Menschenrechte in Tschetschenien

Ruslan Kutajew
Ruslan Kutajew | Bild: BR

Im Januar wurde Oyub Titijew, der Letzte, der sich überhaupt noch traute, die Wahrung der Menschenrechte in Tschetschenien einzufordern, festgenommen. Man hatte dem ehemaligen Lehrer Drogen untergeschoben, ihn gefoltert. Ihm drohen nun bis zu zehn Jahre in einer Strafkolonie in Tschetschenien. Einer, dem Ähnliches widerfahren ist: Ruslan Kutajew. Als er eine Konferenz in Tschetschenien abhält, um der Frage nachzugehen, warum so viele Tschetschenen in Ausland geflohen sind, wird er gekidnappt und über Wochen gefoltert. Auch ihm wurden Drogen untergeschoben. Nach fast vier Jahren Strafkolonie kam er frei. Er beschreibt die Schreckensherrschaft Kadyrows so: "Jeder weiß, dass in Tschetschenien jederzeit Fremde die Tür in deinem Haus aufbrechen und reinstürmen können. Sie können dann alles mit dir machen und du bist machtlos. Dabei wollen die Menschen einfach nur ruhig leben. Sie wollen nicht in diesem neuen Luxus versinken. Sie wollen keine potemkinschen Dörfer, diese Fassaden, die nur Schein sind."

Tor zur arabischen Welt

Doch Kadyrow lockt nicht nur Topspieler, sondern zunehmend auch Kapital aus der arabischen Welt an. So sichert er Putins Einfluss im Nahen Osten. Vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate investieren in die lokale Wirtschaft der muslimischen Kaukasusrepublik und haben dieses Nobelhotel finanziert, in dem zukünftig Geschäftsleute absteigen können. Während der WM residiert hier die ägyptische Mannschaft, abgeschirmt durch ein riesiges Aufgebot an Sicherheitskräften.

Der Manager ist ein gebürtiger Tschetschene, der in Syrien aufgewachsen ist. Der Einfluss der arabischen Welt wachse in Tschetschenien. Taj Eddin Sultan, Hotelmanager: "Das Hotel ist inspiriert durch die Kultur der Vereinigten Arabischen Emirate. Es ging darum, einen Teil der Kultur nach Grosny zu übertragen."

Mittlerweile werden auch andere Immobilien mit Geld aus der arabischen Welt finanziert: eine muslimische Universität und Moscheen. Erstmals gibt es nun auch Direktflüge in die Vereinigten Arabischen Emirate. Immer mehr Tschetschenen lassen ihre Kinder an arabischen Universitäten studieren.

Fußballfan Nurid Kaimow: "Ramsan Kadyrow hat enge Beziehungen zur arabischen Welt, die in unserer Republik zu spüren sind. Arabische Geschäftsleute kommen zu uns, unsere fahren zu ihnen. Unsere Beziehungen werden immer enger."

Und das wird immer wichtiger für Russland. Putin nutzt Kadyrow, um Russlands Einfluss im Nahen Osten auszubauen und sich gegenüber dem Westen durchzusetzen.

Alexej Malashenko
Alexej Malashenko | Bild: BR

Islamwissenschaftler Alexej Malashenko: "Für Putin stellt Ramsan so etwas wie eine gewisse Brücke dar zwischen Russland und der muslimischen Welt. Zwar etwas wackelig, trotzdem tritt Ramsan immer prominenter auf. Er reist durch die arabische Welt, zeigt sein Gesicht und unterstützt so Russlands Politik in Syrien."

Und dafür lässt Putin den Präsidenten Tschetscheniens gewähren. An eine Verbesserung der Menschenrechtslage ist also kaum zu denken.

Autorin: Birgit Virnich, ARD Moskau

Stand: 18.06.2018 09:49 Uhr

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