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Verkehrspolitik auf Abwegen: Weniger Güterzüge, mehr Brummis

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Verkehrspolitik auf Abwegen: weniger Güterzüge, mehr Brummis | Video verfügbar bis 08.06.2017

Müssen sich Autofahrer bald auf noch mehr Stau-Chaos auf den Straßen einstellen? Nach aktuellen Schätzungen wird der LKW-Verkehr bis 2030 noch einmal um 40 Prozent zunehmen. Während in der Schweiz Dank Gotthard-Basistunnel noch mehr Güter auf die Schiene verlagert werden können, sinkt der Anteil in Deutschland. Jetzt sollen bei uns auch noch Güterbahnhöfe geschlossen werden.

Güterbahnhof
Immer häufiger werden Güterbahnhöfe geschlossen.

Seit vielen Jahren versprechen Politiker, mehr Güter von der Straße auf die Schien zu verlagern. Aus Klimagründen, aber auch wegen der vielen verstopften Straßen. Doch der Güterverkehr auf den Straßen nimmt seit Jahrzehnten drastisch zu. Immer häufiger werden auf Autobahnen oder Bundesstraßen sogar zwei Spuren von Lkw genutzt.

"Mittlerweile platzten die Raststätten alle aus allen Nähten", berichtet Professor Heiner Monheim. Deshalb laufe derzeit bundesweit ein riesen Ausbauprogramm. "Man kann das zunächst mal verstehen", sagt der Verkehrswissenschaftler. "Aber viel sinnvoller wäre natürlich eine Politik zu machen, die das Problem an der Wurzel anfasst, die die Schiene ertüchtigt, sehr viel mehr übernehmen zu können."

Vorbild Schweiz

So wie es die Schweiz macht. Um mehr Güter auf die Schiene zu bekommen, haben die Eidgenossen den Gotthard-Basistunnel gebaut und kürzlich mit viel Politprominenz eingeweiht. Kanzlerin Angela Merkel ist gekommen, der französische Präsident François Hollande und der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi.

Der längste Eisenbahntunnel der Welt gehört zur Neuen Alpentransversalen (Neat). Er ermöglicht erstmals, das Gotthardmassiv fast ohne Steigungen zu passieren. Eine enorme Erleichterung für schwere Güterzüge. Der Tunnel liegt auf Europas wichtigstem Güterkorridor. Zwischen Rotterdam im Norden und Genua im Süden. Die Transportleistung in der Schweiz wird sich damit fast verdoppeln.

Doch was passiert, wenn die Züge Deutschland erreichen, wo die Gleiskapazität bei weitem nicht ausreicht? Deutschland hat der Schweiz vor 20 Jahren zugesagt, die völlig überlastete Rheintalstrecke von Basel bis Karlsruhe von zwei auf vier Gleise zu erweitern. Doch ein Großteil der 182 Kilometer langen Strecke ist immer noch zweigleisig. Ein echter Flaschenhals. Folge: Viele Unternehmen nutzen bei der Fahrt in den Süden lieber die deutsche Autobahn.

Interview: Welche Bedeutung hat der Gotthard-Basistunnel? | Video verfügbar bis 09.06.2017

Flaschenhals Rheintal

Einer der Väter des Gotthard-Basistunnels ist der langjährige Schweizer Verkehrs- und Umweltminister Moritz Leuenberger. Er hat Deutschland und Italien 1996 erklärt, dass deren Zulaufstrecken zum Gotthard zeitgleich mit dem Basistunnel fertig gestellt werden müssten. „Dazu wollten wir unsere Nachbarn in die Pflicht nehmen“, erinnert sich der Politiker, der auf deutscher Seite mit Verkehrsminister Matthias Wissmann verhandelt hatte. (Wissmann ist heute Präsident des Verbandes der Automobilindustrie.) "Wir haben zwei Staatsverträge abgeschlossen", sagt Leuenberger, "mussten dann aber sehen, nach diesen Unterschriften ist nicht mehr so viel gegangen".

Deutscher Vertragsbruch

Das ist zurückhaltend formuliert. Man könnte es auch Vertragsbruch nennen. So werden die meisten Güter weiter auf deutschen Straßen transportiert. In Freiburg, also kurz vor der Grenze zur Schweiz, werden dann zumindest einige wenige Güter samt Lkw auf die Schiene verladen. "Rollende Landstraße" heißt das System, das in beiden Richtungen angeboten wird. Die Sattelzüge rollen dabei auf Eisenbahnwagen durch die Schweiz.

Die Schiene hat in der Schweiz Vorfahrt, auch beim Güterverkehr: Während in Deutschland gerade einmal 17 Prozent auf der Schiene transportiert werden, sind es in Österreich 30, in der Schweiz 41 Prozent.

Rastatter Tunnel

Nur wenige Tage vor der Eröffnung des neuen Gotthard-Tunnels feiern Bahnchef Rüdiger Grube und Verkehrsminister Alexander Dobrindt im Rheintal. Eine riesen Bohrmaschine, die die Stadt Rastatt untertunneln soll, wird getauft. Ein gut vier Kilometer kurzes Stück für den viergleisigen Ausbau der Eisenbahnstrecke in der oberrheinischen Tiefebene.

Verkehrsminister Dobrind verbreitet Feierlaune: "Das ist ein Signal auch an unsere Partner gerade auch in der Schweiz, dass wir zügig weitermachen, wenn es um den Zulauf zum Gotthardtunnel geht."

Doch eigentlich hätte hier schon vor 15 Jahren gebohrt werden müssen. Insgesamt sind in Deutschland seither lediglich die Strecken zwischen Baden-Baden und Offenburg fertig sowie der Katzensteintunnel bei Efringen-Kirchen.

Blamage für Deutschland

Eine Blamage für Deutschland, sagt Winfried Hermann, der grüne Verkehrsminister in Baden-Württemberg: "Wir sind etwa 20 Jahre im Verzug. Das ist eigentlich peinlich. Das ist nicht in den letzten drei Jahren versäumt worden, sondern in den letzten Jahrzehnten versäumt worden. Man hat zu lange auf andere teure Bauwerke gesetzt und hatte kein Geld und keine Ingenieurskompetenz, um dieses Projekt hier zu bauen."

Und wann wird die 182 Kilometer lange Rheintalbahn nun fertiggestellt sein? Bahnchef Grube wagt keine Prognose: "Also ich möchte mich da jetzt nicht festlegen. Sie wissen, wie komplex heute solche infrastrukturellen Großprojekte sind. Sie haben aber Recht: Die Ausbaustrecke Karlsruhe – Basel, das geht auch mir nicht schnell genug oder uns nicht schnell genug."

Offiziell nennt das Verkehrsministerium mittlerweile das Jahr 2035. 20 Jahre später als vereinbart. Laut Bundesverkehrsministerium soll der Vollausbau sogar erst 2041 vollendet sein.

Bahn: "Verlagerung auf Lkw"

Der deutsche Güterschienenverkehr befindet sich weiter auf Talfahrt. Die Bahn will:- über 3000 Arbeitsplätze streichen- 212 Güterbahnhöfe nicht mehr anfahren- Regionalverwaltungen auflösen und- 200 Lokomotiven verkaufen.

Angst macht den Beschäftigten auch, dass in wenigen Jahren 300 Lokomotiven und 18.000 Güterwagen verschrottet, aber nur wenige ersetzt wurden. Außerdem steht ein Viertel der rund 100 Instandhaltungswerke vor dem Aus.

In einem internen Papier der Deutschen Bahn AG ist sogar von "Verlagerung auf Lkw" die Rede. Dabei muss man wissen, dass die Bahn mit DB Schenker die größte Lkw-Spedition Europas betreibt. Auch DB-Schenker verstopft unsere Autobahnen.

"Der Stau wird nicht sympathischer, wenn er auf einer sechsspurigen Autobahn ist", sagt Professor Monheim," und er wird auch nicht sympathischer, wenn er auf einer sechsspurigen Autobahn ist. Wir werden immer im Stau landen." Aus dem Stau führe aber "nur ein massiver Ausbau der Kapazität im Schienennetz".

DB Schenker fährt Gigaliner

Ausgebaut wurde in Deutschland stattdessen das Straßennetz. Und wenn sich die Lkw-Lobby durchsetzt, fahren hier Gigaliner bald im regulären Betrieb. Die Transporte werden so um ein Drittel billiger. Wieder ein Konkurrenznachteil für die Schiene, kritisiert die Deutsche Bahn AG seit Jahren. Neuerdings aber setzt sie selbst Riesen-Trucks ein.

40 Prozent mehr Lkw-Verkehr bis 2030

Der Lkw-Verkehr, so die Prognose der Bundesregierung, soll bis 2030 um vierzig Prozent zunehmen. Wenn die Politik nicht rasch umlenkt, wird das Chaos auf den Straßen noch unerträglicher.

Autor: Hermann Abmayr

Stand: 21.06.2016 10:17 Uhr