SENDETERMIN Mi, 08.11.17 | 23:15 Uhr | Das Erste

Arbeitslohn – Warum wir zu wenig verdienen

Arbeitslohn – Warum wir zu wenig verdienen | Video verfügbar bis 08.11.2018

– Noch nie waren so viele Menschen in Arbeit. Doch Experten sagen: Es gibt eine Lohnlücke von 16 Prozent. 
– Gerade Geringverdiener zählen zu den großen Verlierer, ihr Reallohn ist sogar gesunken.
– Gründe sind unter anderem der große Niedriglohnsektor und Tarifflucht. 

Die Löhne in Deutschland sind zu niedrig. "Plusminus" sucht die Lohnlücke. Wie viel Prozent sind da in der Vergangenheit liegengeblieben – 3,9 % oder gar 16 %? Während bei unserer Straßenumfrage die Schätzungen stark schwanken, gibt uns Volkswirt Gustav Horn eine exakte Antwort. Er hat die seit 2001 entstandene Lohnlücke berechnet. Der Direktor des Forschungsinstituts der Gewerkschaften landet bei einer erstaunlichen Zahl: "Ein Maßstab, um das richtige Lohnniveau herauszufiltern, ist es, wenn man es in Beziehung setzt zum Inflationsziel der EZB von knapp 2 %. Also sollten auch die Lohnkosten unter Berücksichtigung der Produktivitätszuwächse auch um 2 % pro Jahr steigen. Wenn man das als Maßstab nimmt, dann sind die Lohnzuwächse in Deutschland um 16 % hinter dem zurückgeblieben, was eigentlich erforderlich gewesen wäre."

16 Prozent Lohnlücke?

Was ist da los? Warum steigen unsere Löhne nicht mehr? Kommt jetzt die Stunde der Arbeitnehmer oder bleibt’s beim Lohnparadox? Und hier suchen wir Antworten: "Plusminus" trifft die Bosse der beiden Lager mit ihren ganz unterschiedlichen Sichtweisen: Rainer Hoffmann, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, und Arbeitgeber-Präsident Ingo Kramer.

Arbeitlohn – Ist er zu gering?
Arbeitlohn – Ist er zu gering?

Von beiden wollen wir wissen, ob unsere Löhne jetzt kräftig steigen müssen? Ingo Kramer, der Arbeitgeberpräsident, sieht das so: "Wir haben seit Jahren in Deutschland Lohnsteigerungen, die oberhalb der Produktivitätssteigerung liegen. Das heißt: Wir verteilen jetzt schon mehr, als wir an zusätzlicher Wirtschaftskraft erwirtschaften." Der DBG-Vorsitzende Reiner Hoffmann hat eine ganz andere Meinung: "Die Unternehmen haben glänzende Zahlen, so dass die Arbeitnehmer auch am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt werden müssen."

Geringverdiener sind die großen Verlierer

Auch wenn die Löhne zuletzt zugelegt haben – hinter den Arbeitnehmern liegen bittere Zeiten. Das zeigt der Blick auf den Reallohn, also wenn man vom Lohnplus noch die Inflation abzieht. Da gab es seit 2000 immer wieder Jahre, in denen die Reallöhne sogar gesunken sind. Erst in den vergangenen 5 Jahren gab es immer ein Plus.

Im Vergleich zum Jahr 2000 verdient die unterste Gruppe real 12,9 % weniger, die oberste Lohngruppe aber 6,4 % mehr. Geringverdiener sind also die großen Verlierer.

Was sagen die beiden Lager zu dieser Rechnung. Muss sich die Lohnschere schließen? Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann meint ja: "Hier sind auch wir gefordert, den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen. Und wir müssen dadurch auch die tiefe Spaltung des Arbeitsmarktes – mit einem Niedriglohnsektor, wo 22 % oder 7 Millionen Menschen sich für unter 9,60 Euro die Stunde verdingen – diesen Niedriglohnsektor müssen wir trocken legen." Ingo Kramer, der Vertreter der Arbeitgeber, sieht kein Problem: "Ich glaube, wir haben noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik so viele Menschen am Aufschwung beteiligt. Da sehe ich jetzt kein Defizit."

Ingo Kramer, Arbeitgeberpräsident
Ingo Kramer, Arbeitgeberpräsident

Tarifbindung begünstigt immer weniger Menschen

Aber immer weniger profitieren von Tariferhöhungen. Gerade im Dienstleistungssektor, wo die Einkommen ohnehin niedrig sind. Im Westen arbeiten nur noch 59 Prozent aller Beschäftigten mit einem Tarifvertrag. Im Osten sank die Quote sogar auf nur noch 47 %.

Zu der Frage, ob die Tarifflucht gestoppt werden muss, hat Reiner Hoffmann vom DGB eine eindeutige Meinung: "Wir erleben, dass die Arbeitgeber sich zunehmend ihrer sozialen Verantwortung entziehen und nicht in einem Arbeitgeberverband organisiert sind. Also, die Tarifbindung muss deutlich erhöht werden, denn sonst können wir zwar erfolgreich Tarifverträge abschließen, wenn diese aber für immer weniger Menschen gelten, dann können wir uns damit nicht abfinden." Ingo Kramer, der Arbeitgeberpräsident, will bei dieser Frage auch die Interessen der Unternehmen gewahrt wissen: "Ich fände es besser, wenn mehr Unternehmen einem Tarifverband beitreten würden. Aber dazu müssen die Umstände passen. Wir müssen aufpassen, dass wir mit unseren Tarifverträgen auch die Interessen der Wirtschaft bündeln können. Und wo die Gewerkschaften einen Weg einschlagen, der an diesen Interessen vorbeigeht, da schwindet die Tarifbindung."

Ingo Kramer, Arbeitgeberpräsident
Reiner Hoffmann, DGB-Vorsitzender

Fazit:

Klar ist: Nur weil die Wirtschaft brummt und der Arbeitsmarkt fast leergefegt ist, gehen die Löhne noch lange nicht durch die Decke.

Autor: Steffen Clement

Stand: 09.11.2017 09:05 Uhr