SENDETERMIN Mi, 03.05.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Wie Kunden per Handy abgezockt werden - WAP-Billing

PlayEin Mann telefoniert mit seinem Handy.
Wie Kunden per Handy abgezockt werden - WAP-Billing | Video verfügbar bis 03.05.2018

- Ungefähr neun Millionen Handynutzer wurden bereits Opfer von unerwünschtem WAP-Billing
- Mobilfunk-Nutzer werden gezielt in eine Falle gelockt und machen eigentlich gar nichts falsch
- Experten schätzen den jährlichen Schaden durch ungewolltes WAP-Billing auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Tendenz weiter steigend.
- Alle Mobilfunkbetreiber haben Verträge mit Drittanbietern, in deren Auftrag sie Gelder einziehen

Jeder Handynutzer kennt das. Unerwünschte Seiten. Unerwünschte Werbung beim Surfen im Internet. Mit einem Klick sind sie weg. Irrtum! Ein solcher Klick kann teuer werden. Auch hinter harmlos aussehenden Seiten oder Anzeigen können Bezahlfallen lauern.

Jeden Tag steuert sie große Busse durch die Freiburger City. Und auch privat ist Hildegard E. eher der furchtlose Typ. Sie hat gelernt sich zu wehren. Auch als ihre monatlichen Handyrechnungen plötzlich gut 30 Euro höher ausfielen als üblich. "Ich war sauer, ganz einfach, weil man mir nicht einfach Geld wegnimmt für etwas, was ich nicht bestellt habe. (...) Ich konnte es nur noch nicht einordnen. Was hier eigentlich nicht in Ordnung ist."

Als sie endlich bei der Hotline durchkam, hieß es dort, die Rechnungen seien korrekt. Sie habe kostenpflichtige Dienste in Anspruch genommen. Hildegard E.: "Vermutlich über Werbebanner. Mein Mann hat Fußballergebnisse geschaut und da sind Werbebanner aufgekreuzt. Und die hat er weggedrückt in gutem Glauben, dass sie wirklich weg sind. Und ohne erkennbare Zeichen war das wohl ein Abo."

Perfide Abzocke – Zahlungspflicht nach Wegklicken

Ein Abo ohne es zu merken? Durch Wegklicken von Werbung? Experten kennen das Problem und sie wissen: Die Nutzer werden gezielt in eine Falle gelockt und machen eigentlich gar nichts falsch.

Michael Link, Redaktion c’t-Magazin:

»Es ist im Gegenteil so, dass ganz normale Pop-Ups, wie sie zum Beispiel bei Spielen passieren, ganz schnell dazu führen, wenn man sie wegklicken will, dass man dann schon allein durch das Wegklicken eine Zahlungspflicht auslöst. Und das ist das perfide daran.«

Der Nepp funktioniert über das sogenannte WAP-Billing. Eine Bezahlfunktion aus der Steinzeit des Handys. Ein Klick reicht und dem Drittanbieter wird vom Mobilfunk-Unternehmen die Telefonnummer übermittelt. Darüber kann dieser seine angeblichen Dienstleistungen beim Betreiber in Rechnung stellen. Und der zieht das Geld über die Handyrechnung ein. Oft bevor der Kunde überhaupt etwas gemerkt hat.

Michael Link, Redaktion c’t:

»Das WAP-Billing war ursprünglich dazu gedacht, Tickets zu kaufen, zum Beispiel zum Parken oder für kleine Beträge. Mir ist heutzutage allerdings keine einzige sinnvolle Anwendung für dieses WAP-Billing mehr bekannt. Heutzutage dient das WAP-Billing eigentlich nur noch als Spielwiese für unseriöse Abzocker.«

Das lukrative Geschäft der Mobilfunkbetreiber mit Drittanbietern

Alle Mobilfunkbetreiber haben Verträge mit Drittanbietern, in deren Auftrag sie Gelder einziehen. Und das tun sie keineswegs aus (reiner) Nächstenliebe.

Michael Link, Redaktion c’t:

»Die Mobilfunkanbieter verdienen Millionen damit, Drittanbieter-Leistungen abzurechnen. Denn sie bekommen für jede eingetriebene Forderung bis zu 60 Prozent.«

Marcel K. ist seit vielen Jahren Kunde bei Vodafone. Alle Handys der Familie laufen über seinen Vertrag. Viel zu spät hat er gemerkt, dass zu viel abgebucht wurde. Über das Handy seines Sohnes wurden angeblich mehrere Abos abgeschlossen. Gesamtkosten: rund 1.000 Euro. Marcel K.: "Bei ein paar Spielen ist manchmal so Werbung aufgetaucht. Die habe ich auch immer wieder weggedrückt."

Die Fallen lauern überall. Serviceleistungen, werbefinanzierte Spiele, Streamingangebote, Klingeltöne. Meist wissen die Betroffenen gar nicht, was genau eigentlich abgerechnet wurde. Ungefähr neun Millionen Handynutzer wurden bereits Opfer von unerwünschtem WAP-Billing. In den Verbraucherzentralen ist es ein Dauerthema. Wichtig: Allein durch Wegklicken eines Angebotes kommt kein gültiger Vertrag zustande.

Eva Ludwig, Verbraucherzentrale Merzig:

»Ein wirksamer Vertragsschluss setzt voraus, dass der Verbraucher über den Preis informiert wird und dass er eine Schaltfläche, den Button, anklickt, kostenpflichtig Bestellen oder Kaufen oder Ähnliches.«

Was tun, wenn man in die Falle getreten ist?

Allerdings halten sich dubiose Anbieter nicht an die Spielregeln. Behaupten aber im Nachhinein, alles sei korrekt gelaufen und kassieren ab. Was also tun, wenn man in der Falle steckt? Verbraucherschützer empfehlen: Sofort das Abo kündigen, den Vertrag anfechten und eine Sperre für Drittanbieter einrichten. Die verhindert eine Weitergabe der Telefonnummer und macht es Anbietern künftig unmöglich, über das Handy abzurechnen.

Sehr kompliziert ist es allerdings, schon bezahltes Geld wiederzubekommen. Denn die Mobilfunkbetreiber verweisen ihre Kunden gerne an den Drittanbieter.

Michael Link, Redaktion c‘t:

»Das Problem ist nur, der sitzt im Ausland, ist oft nur der Zahlungsdienstleister und verweist wiederum auf weitere Anbieter, die wieder im Ausland liegen. In der Regel werden selbst die größten Mühen häufig völlig wirkungslos verpuffen.«

Die Firmen setzen darauf, dass der hohe Aufwand in keinem Verhältnis zu den meist eher geringen Beträgen steht. Verbraucherschützer empfehlen, sich direkt an den Mobilfunkanbieter zu wenden. Wenn der sich weigert, wie bei Hildegard E., sollte man eine Rücklastschrift veranlassen. Das ist binnen acht Wochen problemlos möglich. Der Ärger ist damit aber keineswegs ausgestanden.

Hildegard E.:

»Es war nicht erledigt. Dann kamen diverse Mahnungen von Mobilcom debitel. Also, dass ich zu zahlen hätte. Und dann mit Zins und Zinseszins. Und sie haben mir halt gedroht, mit SCHUFA-Einträgen, mit Kontopfändung und dann letztendlich mit Sperrankündigung.«

Drittanbieterschutz muss neu geregelt werden

Hildegard E. ließ sich nicht beeindrucken. Mobilcom-Debitel sperrte ihren Anschluss und beauftragte ein Inkassobüro. Aus ursprünglich 30 Euro wurden am Ende rund 900 Euro. Die sofort eingerichtete Drittanbietersperre habe die angeblich bereits bestehenden Abos "nicht automatisch beendet". Experten schätzen den jährlichen Schaden durch ungewolltes WAP-Billing auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Tendenz weiter steigend. Dabei wäre es ganz einfach, Handynutzer besser zu schützen.

Michael Link, Redaktion c’t:

»Ein wirksamer Schutz wäre die Drittanbietersperre. Und zwar nicht so, wie es jetzt zurzeit geregelt ist. Nämlich, dass der Kunde sie erst aktivieren muss, sondern indem sie von vornherein immer stets aktiv ist.«

Doch so weit wollte der Gesetzgeber nicht gehen. Letzten Donnerstag hat der Bundestag nur dem so genannten "Redirect-Verfahren" zugestimmt. Das bedeutet: Künftig werden die Kunden, "denen ein Abo angeboten wird, zunächst auf eine Internetseite umgeleitet, auf der sie den Zahlungsvorgang ausdrücklich bestätigen müssen."

Zu spät für Familie K. Sie sehen wenig Hoffnung in einem teuren Rechtstreit und bleiben wohl auf ihrem Schaden sitzen. Hildegard E. dagegen hat nicht nachgegeben. Nach zwei Jahren Streit hat Mobilcom Debitel auf alle Forderungen verzichtet. Offiziell: "im Sinne der Kulanz". Mit dem neuen Gesetz von vergangener Woche sind die Kunden künftig etwas besser geschützt. Für den großen Wurf hat es leider nicht gereicht.

Hilfe bei ungewollten Abos gibt es von den Verbraucherzentralen. Auf dieser Seite https://www.verbraucherzentrale.de/smartphoneabzocke finden Sie Tipps und Musterbriefe zur Kündigung unerwünschter Abos, zu Einrichtung einer Drittanbietersperre und zur Rückforderung unberechtigt eingezogener Beträge.

Ein Beitrag von Ingo Blank

Weiterführende Links

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV)
Schutz vor unberechtigtem WAP-Billing gestärkt: 
http://www.bmjv.de/SharedDocs/Artikel/DE/2017/0428201_WAP_Billing.html
;jsessionid=48EE12238120BC04541D8D3A613AEEA0.2_cid297

Verbraucherzentralen:
Smartphones: Alleskönner mit Risiko: 
https://www.verbraucherzentrale.de/Smartphones-Alleskoenner-mit-Risiko

Stand: 08.05.2017 11:23 Uhr