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Brandrisiko Mehrfachstecker

PlayEine Mehrfachsteckdose
Brandrisiko Mehrfachstecker | Video verfügbar bis 08.03.2018

– Mehrfachsteckdosen sind äußerst verbrauchsintensiv.
–Wer mehrere gleichzeitig verwendet, risikiert eine Überhitzung und Brände.
– "Plusminus" gibt praktische Tipps, wie Sie das Risiko minimieren können.

Sie steht vor den Trümmern ihrer Existenz: Hier hat Anja Lehnertz mit ihren Kindern gewohnt, ein glückliches Leben geführt. Bis zu dem Tag im letzten Jahr, als die alleinerziehende Hebamme einen Anruf bekam, dass ihr Haus brennt. Die Feuerwehr konnte nur noch ein Übergreifen auf andere Gebäude verhindern. Anja Lehnertz und ihren Kindern blieb praktisch nichts mehr:

"Ich stand mit den Sachen vorm Haus und irgendwann sagte der Feuerwehrmann: „Sie müssen so langsam begreifen, dass das, was sie anhaben, auch alles ist, was sie haben“. Wir waren am ersten Tag erst mal fünf Unterhosen für jeden kaufen, man hat wirklich nichts mehr."

Hohes Risiko durch unsachgemäße Verwendung

Glücklicherweise war niemand aus der Familie zuhause. Doch drinnen zerstörte das Feuer alles: Einrichtung, Kleider, persönliche Erinnerungsstücke. Der Schaden: insgesamt fast 500.000 Euro. Auslöser: Eine Mehrfachsteckdose hatte sich überhitzt. Anja Lehnertz erzählt:

Eine Mehrfachsteckdose

"Hier stand ein normales Ein-Meter-Bett, wie das so ist. Und dann sieht man hier, wo das alles so rausgenommen ist, hier war die Steckdose dann mit dem Elektrokabel, und die lag dann einfach hier so auf dem Boden. Und da fing es eben an zu kokeln. Und dann war hier durch die Matratze wahrscheinlich die heißeste Stelle. Und dann geht es ganz schnell."

Dass  Brände durch Mehrfachsteckdosen ausgelöst werden, passiert immer wieder. Meistens ist eine unsachgemäße Verwendung schuld. Wer zu viele verbrauchsintensive Geräte dranhängt, geht ein hohes Risiko ein. Jürgen Ripperger vom Verband der Elektrotechnik VDE:

"Passieren kann das, wenn man die Steckdose überlastet, und das ist oftmals der Unwissenheit geschuldet. Denn auf der Steckdose gibt es eine Angabe. Und diese Angabe heißt in aller Regel 3.500 Watt. Das ist die Leistung. Und die sollte man natürlich niemals überschreiten.“

Mehrfachstecker nicht verstecken

Wie schnell das gehen kann, zeigt uns Jürgen Ripperger im Labor. Bereits nach wenigen Minuten ist die Dose rund 200 Grad heiß. Wir brechen ab, bevor die ersten Flammen aus dem Gerät schlagen. Jürgen Ripperger erklärt:

Angekokelte Steckdose

"Immer bei solchen extremen Überlastungen – Überlastung heißt, höher, als das, was der Hersteller zulässt -  kann diese Situation, wie wir sie gesehen haben eintreten, insbesondere wenn die Produkte gealtert sind. Kommen noch räumlich Situationen dazu, dass die Stauwärme nicht weg kann oder es liegen brennbare Materialien in räumlicher Umgebung, dann ist ein Brand nicht ausschließbar.“

Dummerweise werden die Geräte aus optischen Gründen fast immer versteckt. Unterm Vorhang, hinterm Schrank oder Bett. Dann staut sich die Wärme erst recht. Und das Feuer findet sehr schnell Nahrung.

Einzelverbrauch der Geräte beachten

Aber wer weiß das schon? Wie viele Geräte kann man anschließen, ohne die Steckdose zu überlasten? Experten wissen schon lange: Die meisten Laien haben keine Vorstellung davon, wie viel Strom die einzelnen Geräte ziehen. So verbraucht ein Kaffee-Vollautomat 1.450 Watt und ein Wasserkocher 2.200 Watt. Werden beide zusammen eingeschaltet, ist der Mehrfachstecker schon überlastet.

Waschmaschine und Trockner ziehen oft zwischen 2500 und 3000 Watt. Deshalb gehören sie an getrennte Wandsteckdosen. Und was häufig vergessen wird: Wo mehrere Steckdosen hintereinander angeschlossen sind, addiert sich die Belastung schnell zu einem viel zu hohen Gesamtwert.

Markenprodukte kaufen

Aber auch die Qualität des Materials spielt eine Rolle. Experten warnen insbesondere vor zu alten Geräten. Oft liegen sie Jahrzehnte unterm Schrank und sind dort eine permanente Gefahrenquelle. Ralf Diekmann vom TÜV Rheinland klärt auf:

Eine Hand auf einer Waschmaschine

"Alte Mehrfachsteckdosen werden mit der Zeit nicht besser, das heißt, das Material hat auch einen Alterungsprozess. Das fängt an bei den Zuleitungen, die werden brüchig. Über die Zeit korrodieren auch Teile von diesen Mehrfachsteckdosen, dann kann es auch wieder zu einer Überhitzung kommen und im schlimmsten Fall einen Brand auslösen.“

Also am besten mal eine Bestandsaufnahme machen und die Altware erneuern. Aber nicht durch Billigimporte oder No-Name Produkte. Die erfüllen oft nicht die technischen Standards. Besser zu Markenprodukten greifen. Und die sollten haben:

  • Das CE-Zeichen
  • Das Prüfsiegel eines anerkannten Instituts
  • Angaben zum Hersteller
  • Die Höchstbelastung – und am besten auch ein GS-Zeichen

Leitungsnetz nicht ausschlaggebend

Auf die Sicherungen im Schaltkasten darf man sich nicht verlassen. Ralf Diekmann vom TÜV:

Zwei Stecker in einer Mehrfachsteckdose

"Das Leitungsnetz zuhause, das ist zwar eine gewisse Rückversicherung, erkennt aber nicht alle Probleme. Also ein FI-Schalter ist dazu da, um Menschen zu schützen vor Stromschlägen. Und das Leitungsnetz, das in der Wand verlegt ist, das ist bisweilen gar nicht überlastet, wohl aber eine schlecht konstruierte Mehrfachsteckdose. Und die fängt irgendwann an zu qualmen und dann fehlt nur noch ein Funke und dann haben Sie einen Brand.“

Materielle und ideelle Verluste

Genau so war es auch bei Anja Lehnertz: Das Hausnetz blieb auf voller Leistung, weil es den Brand der Mehrfachsteckdose nicht erkannt hatte. Und jetzt? Anja Lehnertz erzählt:

"Hier sind zwei meiner Kinder geboren worden. Ich hab von zwei Kindern null Fotos mehr, weil die alle mit in diesem Zimmer in einem Wandschrank waren, der mit verbrannt ist. Ich sag immer, die Seele meines Hauses, die ist verloren gegangen.“

Von den finanziellen Sorgen ganz abgesehen: Weil der Hausrat unterversichert war – wie in fast jeder Familie – bleibt sie auf einem guten Teil ihres Schadens sitzen. Nichts wird mehr so sein wie es war.

Ein Beitrag von Sigrid Born und Nicole Würth

Stand: 09.03.2017 11:55 Uhr

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