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Taumelnder Riese – Wer braucht noch die Deutsche Bank?

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Taumelnder Riese - Wer braucht noch die Deutsche Bank? | Video verfügbar bis 16.03.2017

"Plusminus" ist unterwegs nach Eschwege, ein ehemaliges Zonenrandgebiet und weit weg von glitzernden Bankentürmen. Wir wollen wissen: Wie viel Deutsche Bank steckt noch in Deutschland? Wir fangen beim Privatkunden an. Die Deutsche-Bank-Filiale liegt meist mitten im Herzen einer deutschen Fußgängerzone. Dort ist sie auch in Eschwege zu finden. Doch in Eschwege wird schnell klar: Beim Privatkunden ist die Sparkasse vorn gegenüber der Platzhirsch.

Die Deutsche Bank zeigt mit ihren Filialen bald weniger Präsenz. Sie wird rund 200 von 730 Filialen schließen. In Eschwege gibt es sie seit 52 Jahren, zufriedene Kunden inklusive. Ein Passant sagt: "Hier in Eschwege ist die Kundenbetreuung sehr gut. Was da in der Chefetage abgeht, hat mit den Leuten hier vor Ort nichts zu tun."

Im Privatkundensektor werden die Karten "neu gemischt"

Deutsche Bank spiegelt sich auf einer Fassade
Die Deutsche Bank stellt sich neu auf.

Sparkassen und Volksbanken haben beim Privatkunden die Nase vorn. Aber Andreas Hackethal, Bankenprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität, sieht nicht, dass die Deutsche Bank sich von dieser Klientel verabschieden möchte: "Genau in dem Markt werden momentan die Karten neu gemischt. Wir haben Nullzinsen. Das ist eine Herausforderung für alle Banken. Zudem fegen die Regulierung und die Technologie gerade durch den Bankensektor. Das sind ganz gute Voraussetzungen, um sich neu aufzustellen und um Banking neu zu denken. Hier ist die Deutsche Bank ganz gut positioniert", sagt Hackethal.

Auch wenn sie Filialen schließt, ist die Deutsche Bank immer noch eine starke Marke. Das ist ein Vorteil in Umbruchzeiten, wenn viele ihre Bankgeschäfte lieber am Computer oder am Handy erledigen.

Minimaler Marktanteil bei Kommunalfinanzierung

Wir forschen weiter. Welche Bedeutung hat die Deutsche Bank für die Kommunen, zum Beispiel für Hagen? Man sollte annehmen, hier sind sie nicht gut auf die Großbank zu sprechen. Bei Geschäften auf Anraten der Deutschen Bank verlor Hagen vor Jahren fast 40 Millionen Euro. Stadtkämmerer Christoph Gerbersmann sagt: "Die Stadt Hagen hat rund 1,1 Milliarden Euro Kassenkredite. Wir mussten Kredite aufnehmen, um das laufende Geschäft, das wir betreiben, finanzieren zu können. Es gibt immer weniger Banken, die bereit sind, auch Kommunen in unserer Lage Kassenkredite zu geben. Die Deutsche Bank ist so eine Bank." Der Hagener Kämmerer Gerbersmann kann es sich gar nicht erlauben, auf die Dienste der Frankfurter zu verzichten. Hagen ist ein Beispiel für all die hochverschuldeten Kommunen, wo Banken nicht gerade Schlange stehen, um Geld zu verleihen.

"Bei der Kommunalfinanzierung sind die Landesbanken traditionell die ganz starken Player. Die Deutsche Bank ist hier nicht führend. (...) In dem Moment, wo sich Landesbanken oder andere Player aus diesem Geschäft zurückziehen, ist die Deutsche Bank durchaus da und schließt hier auch Lücken", sagt Hackethal. Doch die Betonung liegt auf Lücken. Der Marktanteil der Deutschen Bank im Segment Kommunalfinanzierung liegt bundesweit im einstelligen Prozentbereich.

Netz für den Mittelstand wieder enger knüpfen

Vom klammen Hagen geht es ins prosperierende Baden-Württemberg. Hier ist der Mittelstand zu Hause. So ein heimlicher Weltmeister ist auch die Firma Vollert in Weinsberg. 270 Mitarbeiter, die alles herstellen, womit sich schwere Lasten bewegen lassen. Die Abwicklung des Zahlungsverkehrs, einfache Finanzierungen macht Vollert mit der Landesbank Baden Württemberg und der Kreissparkasse. Wird es komplizierter, braucht es andere.

Hans-Jörg Vollert, der Chef des Anlagenbauers sagt: "Das hier sind zum Beispiel Anlagen zur Herstellung von Eisenbahnschwellen. Da sind wir momentan dran an einem Projekt nach Pakistan. Da müssen wir eine Bietergarantie rauslegen. Das sind Geschäfte, die machen wir typischerweise mit der Deutschen Bank, weil die Deutsche Bank in Pakistan eine Vollbanklizenz hat." Wie viele Mittelständler schätzt der Unternehmer Vollert an der Deutschen Bank ihre starke Präsenz und das Know-How im Ausland. Geht es nur um klassische Kredite, tun andere, wie die Commerzbank, viel mehr. Der Bankenexperte Hackethal sagt dazu: "Man sieht jetzt ganz schön, dass die Deutsche Bank da umsteuert und wieder in die Regionen hineingeht. Dort hat sie die Mittelstandstandorte über die letzten Jahre verdreifacht."

Eine 'deutsche' Bank für deutsche Unternehmen

Und wie sieht es bei den ganz großen Unternehmen der deutschen Wirtschaft aus? "Plusminus" schaut auf den Dax-Konzern Merck aus Darmstadt. Merck stellt Pharmazeutika, Flüssigkristalle für Flachbildschirme und Laborbedarf her. Vor kurzem hat Merck in diesem Segment ein amerikanisches Unternehmen für 17 Milliarden US-Dollar gekauft. Die größte Akquisition der Unternehmensgeschichte wollte Merck nur mit der Deutschen Bank tätigen.

Mercks Finanzvorstand Marcus Kuhnert sagt: "Wir sind zu 70 Prozent in Familienhand. Nur 30 Prozent sind öffentlich über die Börse gelistet. Das ist eine Rechtsform, die an den angelsächsisch geprägten Kapitalmärkten in kein Muster passt. Die Deutsche Bank als ein deutsches Unternehmen kennt unsere Struktur. Sie kennt auch die Wirkungsweise von deutschen exportorientierten Unternehmen." Merck musste den Kaufpreis in Dollar bezahlen. Mehr als ein Jahr zog sich die Übernahme hin. Die Deutsche Bank half, das Risiko eines schwankenden Dollarkurses abzusichern.

"Insbesondere im Geschäft für Unternehmensaufkäufe und Fusionen wird das bedeutsam. Schaut man sich dort die Ranglisten an, stellt man fest, dass die Deutsche Bank tatsächlich die einzige deutsche Bank ist, die dort unter den Top 20 in Europa und besonders in Deutschland firmiert", sagt Andreas Hackethal. In diesem Geschäftsfeld ist die Deutsche Bank die einzige Bank auf Augenhöhe mit den großen amerikanischen Investmentbanken.

Internationale Vernetzung gefährlich

Die Frage "Wozu braucht der Staat die Deutsche Bank?" bringt uns zurück zur Bundesfinanzagentur nach Frankfurt. Von hier aus besorgt sich der Staat Geld, indem er sich verschuldet und Bundesanleihen herausgibt. Damit die Anleihen auf den Finanzmarkt kommen, braucht es die Großbanken. Die Deutsche Bank ist hier eine von vielen, hat aber keine herausragende Stellung.

Die Türme der Deutschen Bank
Die Deutsche Bank gilt als global systemrelevant. Wackelt das Finanzsystem, wackelt auch die Deutsche Bank und umgekehrt.

Nach wie vor ist sie aber das mit Abstand größte deutsche Finanzinstitut. Wie kaum eine andere Bank ist sie im internationalen Finanzsystem vernetzt. Das macht sie gefährlich. Bankenexperte Hackethal warnt: "Wenn es eine Krise (…) gäbe, dann ist die deutsche Bank besonders betroffen. Das heißt, sie ist auch der größte Risikofaktor im Vergleich zu den anderen Banken. Deswegen ist sie ein notwendiger Ansprechpartner auch für die Politik."

Unser Fazit: Die Deutsche Bank ist in Deutschland überall im Geschäft, aber nur selten dabei führend. 30 Prozent ihrer Erträge erwirtschaftet sie hierzulande. Auf dem Heimatmarkt ist also noch Luft nach oben.

Autor: Stefan Jäger

Stand: 17.03.2016 12:39 Uhr

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