SENDETERMIN Mi, 08.11.17 | 23:15 Uhr | Das Erste

Neue Zigarettentrends – wirklich gesünder?

E-Zigarette – wirklich gesünder? | Video verfügbar bis 08.11.2018

– Rauchen ist uncool geworden, die Tabakindustrie kämpft um neue Methoden, ihren Tabak zu verkaufen. Dabei soll die E-Zigarette als Lifestyle-Produkt helfen.
– Ob das wirklich gesünder als herkömmliches Tabakrauchen ist, weiß derzeit niemand ganz genau.
– Schadstofffrei ist es jedenfalls nicht.
– Dem Staat entgehen Steuereinnahmen, auch Ekelbilder müssen nicht abgedruckt werden.       

Mittlerweile weiß es jeder: Rauchen ist tödlich. Und es macht süchtig. Die Folge: Rauchen ist nicht mehr cool. Doch jetzt kommt der weltgrößte Tabakkonzern Philip Morris mit der angeblichen Lösung um die Ecke: iqos – die vermeintlich bessere Alternative. Ganz Deutschland ist mit Plakaten zugepflastert. Philip Morris will raus aus der Schmuddelecke und verkauft das neue Rauchen als Lifestyle. Apple hat es vorgemacht und auch bei Nespresso schaut sich iqos eine Menge ab. Das alte Rauchen, die Kippe, die steht vor dem Aus.


Das sagt sogar Philip Morris selbst, in Person des Vorstandsvorsitzenden André Calantzopoulos: "Ich glaube, dass schon bald der Zeitpunkt kommen wird, an dem wir das Ende der Zigaretten-Ära einläuten werden." Kein Wunder: 2002 rauchten die Deutschen gut 145 Milliarden Zigaretten. 2016 waren es nur noch 75 Milliarden. Das Geschäftsmodell des Tabak-Riesen Philip Morris verglüht langsam, ein Neues muss her. 

Und das sieht so aus: "Plusminus" besucht einen iqos-Store in Frankfurt. Sieben Stück gibt es bislang deutschlandweit. Hier wird die Lösung nicht nur verkauft, hier wird das "neue" Rauchen zelebriert. Beim Kauf des Tabaksticks fällt uns sofort auf: Der Verkäufer ist gar nicht Philip Morris selbst. Auf der Quittung steht es schwarz auf weiß: "Avantgarde Gesellschaft für Kommunikation – eine Marketingagentur mit Sitz in München."

Ganz clean?


Wenn die Werbeagentur zum Zigarettenverkäufer wird, dann soll das Einkaufen ein Erlebnis sein. Die Kippe ist uncool geworden, Zeit für eine neue, coole Idee. Die Beratung dauert mindestens eine halbe Stunde. 99 Euro kostet das Gerät, auf das 1.400 Patente angemeldet sind und dessen Verpackung eher an ein Smartphone erinnert. 

In Würzburg treffen wir Professor Karsten Kilian. Er lehrt Marken- und Medien-Management und bewertet für uns die Werbestrategie des Tabakgiganten. Der Markenstratege der Hochschule Würzburg-Schweinfurt erklärt: "Das ist keine klassische Werbung oder Broschüre für eine Zigarette. Das ist ein Lifestyle-Produkt, was hier präsentiert wird, das auch entsprechend aufwendig gedruckt ist mit halbtransparentem Papier. Sehr puristisch, mit wenigen Stilelementen. Ganz clean."


Ekelwerbung ist bei der E-Zigarette keine Pflicht.
Ekelwerbung ist bei der E-Zigarette keine Pflicht.

Wie "clean", also sauber, das neue Produkt ist, das steht außen auf der Verpackung: "Rauchen ist tödlich." Denn in den Mini-Zigaretten, die dann elektronisch erhitzt werden, befindet sich auch bei der vermeintlichen Neu-Erfindung Tabak. Ist ja auch irgendwie logisch bei einem Tabakkonzern. 


Keine harmlosen Lifestyle-Produkte 


Prof. Kilian erklärt: "Das Problem des Tabakkonzerns ist letztendlich, die wollen Tabak verkaufen. Und denen ist es egal, ob das gerollt ist oder in irgendeinem Gerät drin ist. Die Absatzmenge Tabak muss stimmen. Und momentan, der Markt schrumpft, es sind immer weniger Raucher da und deswegen versuchen sie mit iqos eine neue Lösung zu präsentieren, die auch wieder dafür sorgt, dass sie, aus Ihrer Sicht idealerweise, mehr Tabak verkaufen."

Der Hersteller verweist auf eigene Studien. Demnach gelangen beim 300 Grad heißen Stick weniger Schadstoffe in die Lunge, als bei der alten Kippe, bei der der Tabak mit bis zu 900 Grad verbrannt wird. 


Im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg treffen wir Biologin Katrin Schaller. Was hält sie vom neuen Tabakprodukt des Zigarettenkonzerns? Die Expertin erklärt: "Die sind im Moment schwierig zu beurteilen, die Produkte, weil es fast ausschließlich von Herstellern durchgeführte Studien gibt, die nahelegen, dass es weniger Schadstoffe sind. Aber es ist deswegen nicht schadstofffrei, es sind keine harmlosen Lifestyle-Produkte." Wie schädlich die vermeintlich neuen Zigaretten sind, das weiß bislang niemand. Es fehlen unabhängige Langzeitstudien. 


Rauchen bleibt tödlich


Rauchen ist und bleibt schädlich.
Rauchen ist und bleibt schädlich.

Interessant ist aber: Der Philip Morris-Vorstandsvorsitzende André Calantzopoulos gibt selbst zu: "Heat-Sticks sind keine ungefährlichen Produkte. Sie enthalten Nikotin und machen abhängig." Und trotzdem wirkt iqos auf den Werbeplakaten rein und sauber, die Mini-Zigaretten als gesündere Alternative. Und es kommt noch besser. Nach deutschem Steuerrecht gelten diese Zigaretten als Pfeifentabak, weil man sie ja nicht direkt in den Mund steckt. Für den Tabakkonzern hat das nur Vorteile. Bei Pfeifentabak müssen auf der Verpackung keine Ekelbilder abgedruckt sein.

Und für eine Schachtel Kippen, die im Laden sechs Euro kostet, zahlt der Konzern 3,88 Euro Tabaksteuer. Für ein Päckchen Tabaksticks, ebenfalls 6 Euro teuer, fallen nur 1,05 Euro Steuern an.



Und die Politik? Lässt das durchgehen. Einzig die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler sagt: "Es ist fraglich, ob die steuerliche Gleichsetzung mit dem klassischen Pfeifentabak so von Dauer sein kann."

Weniger Raucher, das heißt für Tabakkonzerne weniger Gewinne. Um diesen Trend aufzuhalten, versucht die Branche alles. Rauchen soll wieder attraktiv werden, sauber und edel sein. Tödlich bleibt es trotzdem.


Autoren: Moritz Zimmermann, Barbara Berner

Stand: 10.11.2017 13:07 Uhr