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Elektro-Autos: Wie viele Jobs fallen weg?

Elektro-Autos: Wie viele Jobs fallen weg? | Video verfügbar bis 01.02.2018

Inhalt in Kürze:


– Der Umstieg auf das Elektroauto in Deutschland bedeutet den Wegfall von Arbeitsplätzen, u. a. weil der Elektromotor weniger komplex ist.
– Experten progonostizieren: Es könnte jeden 4. Arbeitsplatz in der Branche treffen.
– Die Anforderungen an die Mitarbeiter ändern sich stark.
– Besonders hart trifft es die Zuliefer-Branche.

Elektro-Auto
Elektro-Autos verändern die Arbeitswelt.

Der Verbrennungsmotor stirbt, der Elektromotor kommt. Was das für die Auto-Hersteller heißt, erklärt Karlheinz Blessing, der Personalvorstand des VW-Konzerns. "In den nächsten fünf Jahren wird sich in der Automobilindustrie mehr verändern als in den vergangenen 50 Jahren."

Erfolgsprodukte, die keiner mehr braucht

Elektromobilität – Was bedeutet sie für den Arbeitsmarkt?
Diese Lage wird in Zukunft nicht mehr nötig sein.

Der Umstieg trifft Zulieferer noch härter, bedeutet das Aus für Erfolgsprodukte. Stefan Wolf, Vorstandsvorsitzender von ElringKlinger, nennt ein Beispiel für sein Unternehmen – die Lage für eine Zylinderkopfdichtung: "Dieses Teil hat uns als Unternehmen groß gemacht, in wenigen Jahren wird es davon nur noch ganz wenige geben."

Klar ist, dass Elektro-Autos viel einfacher zu produzieren sind. Laut Experten werden deshalb deutlich weniger Mitarbeiter gebraucht werden als bisher.

Was bedeutet der Wandel für die Hersteller?

Elektromobilität – Was bedeutet sie für den Arbeitsmarkt?
Veränderungen durch den Elektromotor

"Plusminus" besucht VW in Wolfsburg. In der Ausbildungswerkstatt liegen zwischen Autos mit Verbrennungsmotor und E-Autos nur wenige Meter. An beiden Antriebssystemen wird der Nachwuchs geschult. Personalvorstand Karlheinz Blessing trägt die Verantwortung für mehr als 600.000 Beschäftigte im Konzern in Zeiten eines historischen Wandels.

Bisher hat man es mit einem Verbrennungsmotor mit einem Chassis und vier Rädern zu tun. Doch das wird sich ändern. Und zwar ist nicht nur der Motor künftig ein ganz anderer, sondern es fällt auch das aufwendige Getriebe weg. Genauso wie die gesamte Abgastechnik. Daran hängen Zehntausende Arbeitsplätze.

Weniger Aufwand für den Elektromotor

Wie viele davon wegfallen – dazu hat Autoexperte Stefan Bratzel exklusiv für "Plusminus" eine Prognose erstellt. Er erklärt, warum es besonders die Motorenproduktion trifft: "Hier haben wir einen Verbrennungsmotor der neuesten Generation. Hochkomplex mit 1.000 Teilen. Da wird die Kompetenz von vielen Mitarbeitern gebraucht zum Bau des Aggregats. Auf der anderen Seite haben wir den Elektromotor, ziemlich simples Teil. Das besteht aus 50 Teilen und braucht dann eben auch deutlich weniger Mitarbeiter in der Produktion."

Elektromobilität – Was bedeutet sie für den Arbeitsmarkt?
Die benötigte Arbeitskraft für den Elektromotor ist deutlich geringer.

Weniger Mitarbeiter gebraucht

Die Faustformel: Statt sieben Mitarbeiter für die Herstellung eines Verbrennungmotors nur noch ein Mitarbeiter beim Elektromotor. Derzeit hat die Branche in Deutschland noch mehr als 800.000 Beschäftigte. In den nächsten Jahren beschleunigt sich der Arbeitsplatzabbau immer mehr.

Experten–Prognose für die Hersteller

Noch arbeiten mehr als 500.000 Menschen bei den deutschen Autoherstellern. Ist jedes 2. Auto ein E-Auto, werden 410.000 Arbeitskräfte gebraucht. Nach der Komplettumstellung bleiben nur 380.000 Arbeitsplätze übrig.

Das Tempo bestimmen viele Faktoren: Die Politik legt Klimaziele fest, Städte diskutieren Fahrverbote, China plant E-Auto-Quoten. Der Diesel-Skandal hat den Druck nochmals erhöht.

Chancen für die Mitarbeiter

Elektromobilität – Was bedeutet sie für den Arbeitsmarkt?
Auf alle Mitarbeiter der Auto-Branche kommen neue Aufgaben zu, neue Fähikeiten sind gefragt.

Aber was heißt der Umbruch für die Beschäftigten bei VW? Der Konzern verspricht, die Mitarbeiter auf dem neuen Weg mitzunehmen. Doch es gibt eine Bedingung. VW-Personalvorstand Karlheinz Blessing erklärt diese: "Wir erwarten, dass ihr euch weiterentwickelt, dass ihr euch qualifiziert. Wir stellen dafür auch die Möglichkeiten zur Verfügung. So dass ihr bereit seid, auch einen anderen Arbeitsplatz anzunehmen."

Überlebenskampf für Zulieferer

Für viele Zulieferer steht sogar die Existenz auf dem Spiel. "Plusminus" schaut sich die Situation des schwäbischen Traditionsunternehmen ElringKlinger an. Die Zylinderkopfdichtung des Weltmarktführers steckt fast in jedem deutschen Auto. Jedoch wird dieses Teil nach und nach verschwinden. Der gelernte Industriemechaniker Udo Roth arbeitet bei ElringKlinger und ahnt, was auf ihn und seine Kollegen zukommt: "Ich denke, dass es meinen Arbeitsplatz so wie bisher in Zukunft nicht mehr geben wird. Aber ich gehe davon aus, dass ich dann hier in dem Betrieb oder woanders trotzdem was anderes machen kann und was anderes herstelle."

Neues Produktportfolio

Die Zukunft hat in der Nachbarhalle schon begonnen: Hier werden Bauteile für die Batterie produziert. Es ist der Einstieg in den Umstieg. Aber von den 8.500 Mitarbeitern insgesamt sind aktuell gerade mal 100 im Bereich E-Mobilität tätig. Das soll sich ändern. Für Firmenchef Stefan Wolf gibt es zu diesem Weg gar keine Alternative: "Wenn wir nur bei unserem alten Produktportfolio geblieben wären, das zu 100 Prozent in den Verbrennungsmotor geht, dann hätte das Unternehmen in 10 bis 15 Jahren keine Überlebenschance. Das erfordert Investitionen, das kostet Geld und geht vielleicht auch auf die Ertragskraft des Unternehmens, das ist klar. Aber das ist wichtig und richtig."

Experten-Prognose für die Zulieferer

In der Zuliefer-Branche werden viele Arbeitsplätze wegfallen. Noch sind es 310.000 Beschäftigte. In der Übergangsphase 270.000. Werden nur noch E-Autos produziert, bleiben 220.000 übrig, also fast ein Drittel weniger.

Elektromobilität – Was bedeutet sie für den Arbeitsmarkt?
Elektromobilität – Was bedeutet sie für den Arbeitsmarkt?

IT-Fähigkeiten für die Konstruktion

Künftig werden bei Mitarbeitern auch ganz andere Qualifikationen gefragt sein, das gilt besonders für die Konstruktion. Bei dem Ingenieurdienstleister Edag in Fulda entstehen im Auftrag der Auto-Industrie die Bauteile der Zukunft. Einen Arbeitsplatzabbau fürchtet hier zwar keiner, doch Firmenchef Jörg Ohlsen braucht Mitarbeiter mit anderen Qualifikationen für das Auto der Zukunft: "Wir werden viel mehr Leute brauchen, die aus dem klassischen IT-Umfeld kommen. Wir werden den Switch aus dem letzten Jahrzehnt von Mechanik zu Elektronik jetzt noch weiter gehen – im Sinne von IT und Software."

Experten-Prognose für die gesamte Autobranche

Elektromobilität – Was bedeutet sie für den Arbeitsmarkt?
Jeder 4. Arbeitsplatz würde wegfallen, wenn nur noch Elektroautos produziert werden.

Der Elektroantrieb setzt jetzt zum Siegeszug an. Wenn irgendwann nur noch E-Autos produziert werden, bedeutet das für die Autobranche insgesamt: Statt 814.000 Mitarbeiter wie heute nur noch 600.000. Das sind 26 Prozent weniger, also rund jeder 4. Arbeitsplatz.

Herausforderung "Autonomes Fahren"

Und es kommen noch ganz andere Umwälzungen auf die Branche zu, auf die es sich, so der Auto-Experte Prof. Stefan Bratzel, vorzubereiten gilt. "Wir haben nicht nur das Thema Elektromobilität. Sondern wir haben gleichzeitig den Trend zum autonomen Fahren mit den Endziel Roboter-Taxis. Und wir haben das Thema neuer Mobilitätsdienstleistungen, wo neue Player wie Uber oder Google ins Spiel kommen. Und diese drei Trends können die Grundfeste der Automobilindustrie erschüttern." Deutschlands wichtigste Industriebranche steht vor dem größten Wandel ihrer Geschichte. Und das heißt auch: Die Arbeitsplätze verändern sich wie nie.

Autor: Steffen Clement

Stand: 08.02.2017 14:54 Uhr

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