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Moderne Landnahme: Wie Konzerne mit Ackerland spekulieren

PlayLandwirt weist auf Spekulantenland
Wie Konzerne mit Ackerland spekulieren | Video verfügbar bis 18.01.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

– Ackerland wird zunehmend von Unternehmen als Kapitalanlage erworben.
– Dadurch sind die Bodenpreise erheblich gestiegen.
– Ein Gesetz gibt Landwirten zwar ein Vorkaufsrecht, doch Anleger können die Regelung leicht umgehen.

Ein Traktor mit Pflug spiegelt sich in einer Wasserpfütze am Rande eines Ackers.
Großunternehmen haben Ackerflächen als Spekulationsobjekt für sich entdeckt.  | Bild: Imago

Carlo Horn ist Landwirt aus Leidenschaft, vor 20 Jahren baute er einen Bio-Betrieb auf, in seiner Blütezeit hatte der 15 Arbeitsplätze. Doch weil das dazugehörige Land verkauft wurde, verlor er alles. Horn züchtete hier mit viel Leidenschaft Uckermärker, die regionale Fleischrindrasse, und Weideenten in Bioqualität. Doch obwohl seine Tierzucht bis zuletzt florierte, sind die Ställe auf seinem Hof mittlerweile leer. Er musste alles verkaufen, "weil unser Grund und Boden unter unserem Arsch an Investoren verkauft wurde."

Betrieb auf gepachtetem Boden

Was ist passiert? Als Carlo Horn in Grünheide nahe Berlin einen insolventen früheren LPG-Betrieb kaufte, erwarb er nur die Gebäude, Maschinen und einen Tierbestand. Der gesamte Grund und Boden war dagegen an die Alteigentümer zurückgegeben worden. Von denen konnte er das benötigte Land aber pachten und das schien eine solide Existenzgrundlage zu sein.

Acker als Kapitalanlage

Doch für ihn und andere Landwirte hat sich die Lage geändert, seit in den letzten Jahren Investoren kommen und für das Land extrem gute Preise bieten. Carlo Horn ärgert sich nicht nur über den verlorenen Boden: "Jahrzehntelang haben wir dieses idyllische Tal ökologisch bewirtschaftet. Jetzt kommt jedes Jahr ein neuer Investor, wie hier dieser Spediteur, kauft uns den Acker weg, kommt mit der Pflanzenschutzspritze und spritzt unseren biologisch bewirtschafteten Acker mit Glyphosat tot, und damit ist er nicht der einzige. Wir haben mittlerweile Steuerberater, wir haben Heizungsanlagenbauer und wir haben einen Biogasanlagenbetreiber."

Kurzum: Wohlhabende Menschen kaufen sich Acker als Kapitalanlage. Und Landwirte wie Carlo Horn stehen nach 20 Jahren vor dem Nichts.

Verdoppelt und verdreifacht

Andreas Tietz vom Thünen-Institut
Andreas Tietz vom Thünen-Institut hat die Entwicklung der Bodenpreise untersucht.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

In einem umfangreichen Forschungsprojekt hat Andreas Tietz vom staatlichen Thünen-Institut in Braunschweig die Entwicklung der Eigentumsverhältnisse aller landwirtschaftlichen Betriebe in zehn repräsentativen Landkreisen untersucht und hat dabei folgende Beobachtung gemacht: "In Zeiten, in denen auf anderen Anlagegebieten keine Zinsen zu erzielen sind, gewinnt eben Land an Attraktivität und viele Anleger versuchen da rein zu kommen. Wir merken das im Westen an den Preissteigerungen, die inzwischen zu einer Verdopplung der Landpreise seit zehn Jahren geführt haben. In den neuen Bundeländern haben sich die Landpreise sogar verdreifacht."

Bedenkliche Entwicklung

Kurt-Henning Klamroth, Präsident des Deutschen Bauernbundes
Kurt-Henning Klamroth, der Präsident des Deutschen Bauernbundes, sieht eine Entwicklung zu feudalistischen Zuständen.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Kurt-Henning Klamroth, der Präsident des Deutschen Bauernbundes, sieht aufgrund dieser Entwicklung ernste Konsequenzen, vor allem für Ostdeutschland: "Das, was sich zur Zeit in den neuen Ländern an Landverschiebung abspielt, hat es seit der Völkerwanderung in unseren Breiten nicht mehr gegeben. Wenn das jetzt weitergeht wie bisher, dann sitzen die Herrscher über unser Land nicht mehr in den Dörfern, sondern irgendwo in den Großstädten, in irgendwelchen Verwaltungsgebäuden und haben hier ihre – ich bin jetzt ganz zynisch – Lakaien im Dorf, die für sie die Arbeit machen. Die Wertschöpfung aus unserem Land, hier in den neuen Ländern, findet nämlich nicht mehr hier statt, sondern sie findet anonymisiert irgendwo anders steuerbegünstigt, also auch noch zu Lasten der Gesellschaft, ihren Niederschlag."

Ackerland in Schiffbauerhand

Fakt ist: Rund ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe in Ostdeutschland befinden sich inzwischen in den Händen artfremder Investoren. Die Lirs GmbH in Möckern östlich von Magdeburg etwa wurde samt Schnapsbrennerei verkauft. 4700 Hektar Land, also 47 Quadratkilometer gehören heute zur Hälfte der Lürssen Werft. Die Lürssen-Werft, ein Familienunternehmen in vierter Generation ist Weltmarktführer beim Bau von Luxus-Motorjachten und stellt als erfolgreiches Rüstungsunternehmen auch Schnellbote und Fregatten her. Nun ist Familie Lürssen offenbar noch landwirtschaftlich aktiv. Was das für die umliegenden Dörfer bedeutet, sieht man unter anderem in dem kleinen Ort Isterbies. Während der Ort einst von seinen Höfen, dann von seiner LPG lebte, leben heute fast nur noch Rentner hier und die örtlichen Kneipen sind schon lange geschlossen. Der Betrieb der Lürssens bewirtschaftet zwar Tausende Hektar Land, benötigt aber dafür nur noch ein paar Mitarbeiter. Der Rest reist zur Erntezeit für wenige Tage an und verschwindet dann wieder.

Lukrative Lücken im Gesetz

Nördlich von Magdeburg findet sich ein weiteres Beispiel. Die Äcker bei Calvörde gehörten dem verschachtelten und intransparenten Landwirtschaftskonzern KTG. Nach dessen Pleite wurde das Land weiterverkauft. Der neue Eigentümer ist die Munich Re, einer der größten Rückversicherer weltweit. Auf die "Plusminus"-Anfrage, wie viel Land der Versicherer mittlerweile erworben habe, heißt es nur, es sei eine Fläche im niedrigen vierstelligen Hektarbereich.

Eigentlich sollte das sogenannte Grundstückverkehrsgesetz den Landkauf durch Finanzinvestoren begrenzen. Solche Käufe müssen vorab von den Behörden genehmigt werden. Landwirte, die wie Carlo Horn das Land selbst bewirtschaften, haben danach ein Vorkaufsrecht. Doch das Gesetz hat Lücken, wie Andreas Tietz vom Thünen-Institut erklärt: "Wenn ein Investor sich ein Unternehmen kauft, das selbst Land besitzt, dann gilt dieses Grundstückverkehrsgesetz nicht. Die Behörde bekommt nicht mal eine Nachricht, dass dieses Unternehmen verkauft wird. Der Investor kann es völlig ohne eine Genehmigungspflicht kaufen und ist damit indirekt Eigentümer von viel Fläche geworden."

Steuerspar-Trick

So kaufen Finanzinvestoren nach und nach die landwirtschaftlichen Flächen auf. Und es gibt noch einen Trick, mit dem ein Investor viel Geld sparen kann. Auch der wurde von Munich Re genutzt: Man kauft nicht den ganzen landwirtschaftlichen Betrieb, sondern nur einen Anteil in Höhe von 94,9 Prozent. Wer nämlich weniger als 95 Prozent der Unternehmensanteile erwirbt, muss für das Land, das mit dem Unternehmen verbunden ist, keine Grunderwerbssteuer zahlen.

Die Munich Re bewirtschaftet die Flächen, die sie gekauft hat natürlich nicht selbst. Sie hat mehr als 200 Quadratkilometer Land an die Deutsche Agrar Holding verpachtet. Deren Haupteigentümer ist die Gustav-Zech-Stiftung, die einer Bremer Familie gehört. Zweck der Stiftung ist einer eigenen Pressemitteilung zufolge: "die nachhaltige finanzielle Absicherung der Familie Zech."

Am Gesetz vorbei?

Landwirt Carlo Horn am Schreibtisch
Carlo Horn hätte "sein" Land gern erworben.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Auch Carlo Horn wollte mit seinem Bauernhof eigentlich langfristig die finanzielle Zukunft seiner Familie sichern. Vor allem die Rinderzucht in Bioqualität mit erfolgreicher Direktvermarktung brachte gute Erträge. Doch daraus wurde nichts, weil das Land, das er gepachtet hatte, vom Alteigentümer an die Naves Vermögensverwaltung GmbH mit Sitz in Berlin verkauft wurde. Dahinter steckt unter anderem ein Graf Castell zu Castell. Bei diesem Kauf durch einen Finanzinvestor hätte der Landwirt laut Gesetz ein Vorkaufsrecht gehabt. Carlo Horn hätte das Land auch gerne erworben, doch daraus wurde nichts: "Das Landratsamt wollte eine Bankbürgschaft haben. Eine Bankbürgschaft eine Woche vor Weihnachten zu erstellen mit Bilanzprüfung und Co. ist ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb haben wir einen Kredit aufgenommen, haben den auf ein Treuhandkonto auszahlen lassen, sind mit dem Kreditvertrag und dem Kontoauszug zum Landratsamt marschiert und konnten den Kaufpreis inklusive Nebenkosten in bar nachweisen. Trotzdem hat unser Landrat auf die Bankbürgschaft bestanden und den Verkauf an einen Immobilienspekulanten genehmigt."

Die Sache liegt jetzt bei Gericht. Das soll im April entscheiden, ob der Verkauf überhaupt rechtmäßig war. Nachdem der Pachtvertrag mittlerweile gekündigt wurde, soll die Familie Horn nun den Hof verlassen. Das Land in Grünheide liegt nah an Berlin. Gleich neben dem Hof befindet sich eine neue Einfamilienhaus-Siedlung. Wenn der Hof der Familie Horn zu Bauland wird, wäre das für den Investor ein unglaublich lukrativer Deal.

Autoren: Michael Houben, Christiane Cichy, Björn Menzel

Stand: 18.01.2018 15:30 Uhr