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Wie steht es um die Hygiene in deutschen Krankenhäusern?

PlayHände eines Arztes werden desinfiziert
Wie steht es um die Hygiene in deutschen Krankenhäusern?

Beinamputation nach Routine-Eingriff

Dirk Busch brach sich bei einem Sturz von einer Leiter den Unterschenkel und musste in einer Klinik operiert werden. Eigentlich ein Routine-Eingriff – doch dann kamen Keime in sein Bein. Nach eigener Aussage wurde das Bein innerhalb von vier Wochen zehnmal geöffnet, zehnmal gespiegelt. Mit Schwämmen und Vakuumpumpen wurde gegen das Wundwasser vorgegangen. Doch die Situation spitzte sich zu. "Die haben gesagt 'Warten wir jetzt noch drei, vier Tage, dann geht das in den Blutkreislauf komplett rein, dann kommt es zu einer Sepsis und dann ist Ihnen nicht mehr zu helfen'", so Busch. Um sein Leben zu retten, wird ihm das Bein amputiert.

Gefährliche Keime in Kliniken

Busch ist einer von etwa 800.000 Patienten, die sich jährlich mit gefährlichen Keimen in Kliniken anstecken. Genaue Zahlen kennt niemand. Denn wie viele Patienten die gefährlichen Krankenhauskeime bekommen, wird von den Kliniken nicht veröffentlicht. Die Gefahr sich anzustecken, so vermutet Experte Walter Popp, wächst von Jahr zu Jahr. "Wir sehen ja einen Anstieg insbesondere multiresistenter Keime, die teilweise mit Antibiotika überhaupt nicht mehr zu behandeln sind", so Professor Popp von der Gesellschaft für Krankenhaushygiene. "Das heißt, das Risiko, die Gefahr hat sich erhöht und gleichzeitig ist die Reinigung schlechter geworden."

Gegen die Gefahr sollen Hygiene-Experten vorgehen. Sie sind dafür zuständig, Keiminfektionen in einer Klinik zu vermeiden. Sie kontrollieren, schulen Mitarbeiter und überwachen die richtige Desinfektion zum Beispiel von Patientenbetten. Die Hygieniker sollen außerdem Infektionsstatistiken führen. Das ist wichtig, um die Ursache von Keimausbrüchen zu finden. Deshalb empfiehlt das Robert-Koch-Institut bei Kliniken ab 400 Betten einen Hygieniker.

Wie ernst nehmen die Klinken die Empfehlungen?

"Plusminus" liegen gemeinsam mit dem Recherchezentrum CORRECTIV noch nicht veröffentlichte Zahlen vor, wie wenig Hygienepersonal bundesweit in den Kliniken 2014 tatsächlich eingesetzt wurde. Das Ergebnis: Mehr als jedes vierte Krankenhaus in Deutschland erfüllt die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts nicht und beschäftigt demnach zu wenig Hygienepersonal. So fehlt zum Beispiel im Jahr 2014 in Berlin, Bremen und Thüringen in weit über einem Drittel der Kliniken Hygienepersonal. In Sachsen und im Saarland scheint man das Thema "Hygiene" etwas ernster zu nehmen. In Hamburg sind nur zehn Prozent der Kliniken im Bereich Hygiene unterbesetzt. Insgesamt ist das dennoch ein ernüchterndes Ergebnis.

Grafik zum fehlenden Hygienepersonal
Das Infektionsgesetz sieht Hygiene-Experten in Krankenhäusern vor. Bundesweit fehlen 26% Hygienepersonal.

Die großen bundesweiten Unterschiede überraschen den Hygiene-Experten Walter Popp. Sie belegen, dass die Empfehlungen regelrecht ignoriert werden. Besonders beunruhigend: Auch in großen Kliniken mit vielen Patienten gibt es zu wenig Hygienepersonal. "Da wissen wir ja auch, dass es ganz große Häuser gibt, die das bis heute noch nicht haben", sagt Popp. "Und da muss sich natürlich auch die Politik fragen, warum sie so was hinnimmt, das einfach über fünf Jahre hinweg in großen Häusern nichts passiert ist."

460 Millionen Etat für Hygienepersonal

Mit dem Infektionsschutzgesetz von 2011 sollten bis Ende 2016 verbindliche Regelungen für ausreichendes Hygienepersonal geschaffen werden. Eingeflossen sind da die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts. Gesundheitsminister Gröhe stellte Anfang 2015 außerdem einen 10-Punkte-Plan zur Bekämpfung multiresistenter Keime in Kliniken vor, der zum Ziel hatte, bis Ende 2016 mehr Hygienepersonal einzustellen.  Das Erreichen des Ziels wurde "auf Bitten der Länder zwischenzeitlich bis Ende 2019 verlängert", teilte das Gesundheitsministerium Plusminus und CORRECTIV mit. Das fehlende Hygienepersonal in Deutschlands Kliniken wird vom Ministerium so erklärt: "Aufgrund des hohen Bedarfs waren auf dem Arbeitsmarkt trotz erfolgter Qualifizierungsmaßnahmen nicht ausreichend Hygienefachkräfte verfügbar. Grund hierfür war unter anderem, dass die Aus- und Fortbildung zeitintensiv ist", heißt es vom Gesundheitsministerium auf Nachfrage.

Durch eine finanzielle Unterstützung will der Bund die Kliniken "motivieren", sich um Hygienepersonal zu bemühen. Rund 460 Millionen Euro stehen dafür bereit. Ob die Klinik, in der Dirk Busch behandelt wurde, ausreichend Hygienepersonal hatte, kann er nicht sagen. Aber er hat in der Zeit etwas anderes beobachtet. Bei der Reinigung der Patientenzimmer sei zum Beispiel oft geschlampt worden. "Ich habe einmal mit einer Putzkraft gesprochen", erinnert sich Busch. "Sie hat mir dann auch gesagt, dass sie unter einem unwahrscheinlichen Zeitdruck stehen, da sie nur so und so viel Minuten Zeit haben für ein Zimmer beziehungsweise für die Station."

Insider berichten von Missständen

Wir gehen dem Vorwurf nach und reden mit mehreren Klinik-Mitarbeitern deutschlandweit. Auch mit welchen, die in der Reinigung arbeiten. "Konsequenzen gibt es nicht, wenn Reinigungskräfte, die fast alle nur Zeitverträge haben, schlecht arbeiten. Alle sind zufrieden, wenn sie ihre Station und noch eine halbe Station dazu schaffen", sagt der Insider. "Die, die gesagt haben: 'Das mache ich nicht, so kann ich nicht gründlich putzen', die waren plötzlich nicht mehr da." Wir erfahren auch von brisanten Situationen. "Ich muss neue Leute anlernen, die häufig kein Deutsch sprechen. Du zeigst ihm das, wie er ein Reinigungsmittel dosieren soll und er sagt nur: 'Ja, ja'", sagt ein anderer Insider. "Das kann schlimm enden. Bei einer Überdosierung hast du eine kleine Chemiebombe, die in den Augen weh tut. Und ist es zu wenig, dann hast du das Problem, dass die Bakterien nicht richtig absterben."

Multiresistente Erreger in Krankenhäusern
Durch Multiresistente Erreger steigt das Risiko einer Infektion.

An einer Klinik in Hemer kümmert sich Hans-Peter Kemmer, ärztlicher Direktor, persönlich um das Thema Hygiene. Obwohl die Klinik es nach den Empfehlungen nicht müsste, hat er mehrere Hygienefachkräfte. Seine Reinigungskräfte sind festangestellt und werden regelmäßig geschult. Und als eine der ersten Kliniken arbeitet man dort mit Bettencodes, die helfen sollen, infizierte Keimbetten von unbedenklichen zu unterscheiden. Denn auch so können Patienten angesteckt werden. "Die Gefahr besteht natürlich, dass, wenn der Aufbereitungsprozess nicht ordentlich durchgeführt wird, ich möglicherweise ein Bett zur Verfügung stelle, welches nicht einwandfrei aufbereitet ist“, so Kemmer. Per Scanner können die Infektionsdaten abgerufen werden. Die Reinigungsmitarbeiter wissen so, ob vorher ein Keimpatient in dem Bett lag. Je nach Keimgefährlichkeit wird dann anders desinfiziert.

Interview mit Dr. Ruth Schultze-Zeu: Hygienefehler in Krankenhäusern | Video verfügbar bis 11.01.2018

Meilenstein für Patienten

Dirk Busch hat inzwischen eine Rechtsanwältin eingeschaltet – und will klagen. Dass schlampige Hygiene der Grund für die Amputation war, kann er vor Gericht nicht beweisen. Trotzdem ist er zuversichtlich. Denn ein Beschluss des Bundesgerichtshofes vom Herbst letzten Jahres bringt Bewegung in den Fall. Demnach muss die Klinik beweisen, dass zumindest ausreichend und gut geschulte Reinigungskräfte in der Klinik gearbeitet haben. "Wenn der Patient vorträgt, dass im Krankenhaus Hygienefehler passiert sind, dann muss das Krankenhaus umfassend darlegen, dass es alle Regeln der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention eingehalten hat", sagt Rechtsanwältin Ruth Schultze-Zeu. "Gelingt dem Krankenhaus nicht, das darzulegen, dann hat der Patient bewiesen, dass ein Hygienefehler vorliegt. Das ist ein Meilenstein für den Patienten."

Es gibt Hoffnung für Dirk Busch. Und vielleicht bewegt zumindest das Urteil, dass Kliniken in Zukunft das Thema Hygiene ernster nehmen.

Autorin: Pia Busch

Stand: 16.01.2017 12:13 Uhr