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Wie steht es um die Hygiene in deutschen Krankenhäusern?

Hände eines Arztes werden desinfiziert
Wie steht es um die Hygiene in deutschen Krankenhäusern?

Beinamputation nach Routine-Eingriff

Dirk Busch brach sich bei einem Sturz von einer Leiter den Unterschenkel und musste in einer Klinik operiert werden. Eigentlich ein Routine-Eingriff – doch dann kamen Keime in sein Bein. Nach eigener Aussage wurde das Bein innerhalb von vier Wochen zehnmal geöffnet, zehnmal gespiegelt. Mit Schwämmen und Vakuumpumpen wurde gegen das Wundwasser vorgegangen. Doch die Situation spitzte sich zu. Um sein Leben zu retten, wird ihm das Bein amputiert.

Gefährliche Keime in Kliniken

Busch ist einer von etwa 800.000 Patienten, die sich jährlich mit gefährlichen Keimen in Kliniken anstecken. Genaue Zahlen kennt niemand. Denn wie viele Patienten die gefährlichen Krankenhauskeime bekommen, wird von den Kliniken nicht veröffentlicht. Die Gefahr sich anzustecken, so vermutet Experte Walter Popp, wächst von Jahr zu Jahr. "Wir sehen ja einen Anstieg insbesondere multiresistenter Keime, die teilweise mit Antibiotika überhaupt nicht mehr zu behandeln sind", so Professor Popp von der Gesellschaft für Krankenhaushygiene. "Das heißt, das Risiko, die Gefahr hat sich erhöht und gleichzeitig ist die Reinigung schlechter geworden."

Mit dem Infektionsschutzgesetz von 2011 sollten bis Ende 2016 verbindliche Regelungen für ausreichendes Hygienepersonal geschaffen werden. Eingeflossen sind dabei die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts. Laut Gesundheitsministerium wurde die Frist auf Bitten der Länder zwischenzeitlich bis Ende 2019 verlängert.

Anmerkung der Redaktion

Wir hatten auf unserer Plusminus-Seite eine interaktive Karte für Sie vorbereitet, die Ihnen zeigen sollte, ob die Krankenhäuser entsprechend der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts ausreichend Hygiene-Personal, nämlich Krankenhaushygieniker, Pflegefachkräfte, hygienebeauftragte Ärzte und hygienebeauftragte Pflegekräfte vorhalten und ob sie damit die Mindestkriterien für Hygiene erfüllen.

Hierzu stellen wir richtig: Diese Karte fußte auf den Zahlen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) für 2014, die flächendeckend abbilden sollen, wie es um die Hygiene in deutschen Krankenhäusern steht.

Nach der Berichterstattung haben wir mehrere Hinweise auf Widersprüchlichkeiten mit Blick auf die Zahlen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) erhalten. Unter anderem habe es offenbar technische Schwierigkeiten bei der Datenübermittlung an den G-BA gegeben. Außerdem kam es aufgrund von Landesverordnungen in einigen Bundesländern zu Missverständnissen in der Auswertung der Daten, mithin in Einzelfällen auch zu Fehlern in unserer Karte.

So haben etwa einige Kliniken in 2014 Hygienepersonal beschäftigt, dies jedoch mitunter nicht angegeben, da nicht alle Berufe in den länderspezifischen Verordnungen gefordert oder empfohlen werden.

Nach eingehender Prüfung haben wir uns entschieden, die Karte daher aus dem Netz zu nehmen. Da grafische Darstellungen im Fernsehbeitrag ebenfalls auf den Daten des G-BA fußten, verbreiten wir auch diesen Beitrag nicht weiter.

Wir bedauern sehr, dass es in Einzelfällen zu missverständlichen Angaben kam und wir derzeit keine Möglichkeit sehen, umfassende Transparenz für die Patienten herzustellen.
Der G-BA hat uns gegenüber versichert, dass man die Hinweise in Einzelfällen überprüfen will. Wir möchten aber an dem Thema dran bleiben und versuchen, Transparenz herzustellen. Wir finden: Der Patient hat darauf ein Anrecht in diesem –bei der Krankenhausauswahl so wichtigen Punkt– und muss sich ein Urteil auf einer verlässlichen, einheitlichen Datengrundlage bilden können. Dafür haben die Verantwortlichen leider bislang noch nicht gesorgt.

Ob die Klinik, in der Dirk Busch behandelt wurde, ausreichend Hygienepersonal hatte, kann er nicht sagen. Aber er hat in der Zeit etwas anderes beobachtet. Bei der Reinigung der Patientenzimmer sei zum Beispiel oft geschlampt worden. "Ich habe einmal mit einer Putzkraft gesprochen", erinnert sich Busch. "Sie hat mir dann auch gesagt, dass sie unter einem unwahrscheinlichen Zeitdruck stehen, da sie nur so und so viel Minuten Zeit haben für ein Zimmer beziehungsweise für die Station."

Insider berichten von Missständen

Wir gehen dem Vorwurf nach und reden mit mehreren Klinik-Mitarbeitern deutschlandweit. Auch mit welchen, die in der Reinigung arbeiten. "Konsequenzen gibt es nicht, wenn Reinigungskräfte, die fast alle nur Zeitverträge haben, schlecht arbeiten. Alle sind zufrieden, wenn sie ihre Station und noch eine halbe Station dazu schaffen", sagt der Insider. "Die, die gesagt haben: 'Das mache ich nicht, so kann ich nicht gründlich putzen', die waren plötzlich nicht mehr da." Wir erfahren auch von brisanten Situationen. "Ich muss neue Leute anlernen, die häufig kein Deutsch sprechen. Du zeigst ihm das, wie er ein Reinigungsmittel dosieren soll und er sagt nur: 'Ja, ja'", sagt ein anderer Insider. "Das kann schlimm enden. Bei einer Überdosierung hast du eine kleine Chemiebombe, die in den Augen weh tut. Und ist es zu wenig, dann hast du das Problem, dass die Bakterien nicht richtig absterben."

An einer Klinik in Hemer kümmert sich Hans-Peter Kemmer, ärztlicher Direktor, persönlich um das Thema Hygiene. Obwohl die Klinik es nach den Empfehlungen nicht müsste, hat er mehrere Hygienefachkräfte. Seine Reinigungskräfte sind festangestellt und werden regelmäßig geschult. Und als eine der ersten Kliniken arbeitet man dort mit Bettencodes, die helfen sollen, infizierte Keimbetten von unbedenklichen zu unterscheiden. Denn auch so können Patienten angesteckt werden. "Die Gefahr besteht natürlich, dass, wenn der Aufbereitungsprozess nicht ordentlich durchgeführt wird, ich möglicherweise ein Bett zur Verfügung stelle, welches nicht einwandfrei aufbereitet ist", so Kemmer. Per Scanner können die Infektionsdaten abgerufen werden. Die Reinigungsmitarbeiter wissen so, ob vorher ein Keimpatient in dem Bett lag. Je nach Keimgefährlichkeit wird dann anders desinfiziert.

Interview mit Dr. Ruth Schultze-Zeu: Hygienefehler in Krankenhäusern | Video verfügbar bis 11.01.2018

Meilenstein für Patienten

Dirk Busch hat inzwischen eine Rechtsanwältin eingeschaltet – und will klagen. Dass schlampige Hygiene der Grund für die Amputation war, kann er vor Gericht nicht beweisen. Trotzdem ist er zuversichtlich. Denn ein Beschluss des Bundesgerichtshofes vom Herbst letzten Jahres bringt Bewegung in den Fall. Demnach muss die Klinik beweisen, dass zumindest ausreichend und gut geschulte Reinigungskräfte in der Klinik gearbeitet haben. "Wenn der Patient vorträgt, dass im Krankenhaus Hygienefehler passiert sind, dann muss das Krankenhaus umfassend darlegen, dass es alle Regeln der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention eingehalten hat", sagt Rechtsanwältin Ruth Schultze-Zeu. "Gelingt dem Krankenhaus nicht, das darzulegen, dann hat der Patient bewiesen, dass ein Hygienefehler vorliegt. Das ist ein Meilenstein für den Patienten."

Es gibt Hoffnung für Dirk Busch. Und vielleicht bewegt zumindest das Urteil, dass Kliniken in Zukunft das Thema Hygiene ernster nehmen.

Autorin: Pia Busch

Stand: 20.01.2017 16:35 Uhr