SENDETERMIN Mi, 19.07.17 | 22:45 Uhr | Das Erste

Importierte Gebrauchtwagen aus den USA: Jeder vierte ist ein getarntes Wrack

Wie aus einem Totalschaden ein günstiger Gebrauchtwagen wird | Video verfügbar bis 19.07.2018

Jeder vierte in Deutschland gehandelte Gebrauchtwagen aus den USA hat einen verschleierten Totalschaden. Die Käufer wurden beim Erwerb von professionellen Banden abgezockt. Dies geht aus einer Auswertung von Carfax Vehicle History Report. Das kostenpflichtige amerikanische Verbraucherportal, das auch in Deutschland  tätig ist, hat in den vergangenen Jahren amtliche Daten von 900.000 Fahrzeugen überprüft, die die USA in Richtung Europa verlassen haben. Carfax hat Zugriff auf detaillierte Informationen zur Fahrzeuggeschichte jedes in den USA zugelassenen Autos.

Gebrauchter Audi zum Schnäppchenpreis

In der Datei taucht auch der Audi S5 von Alessandro und Antonio Mele aus München auf. Sie hatten den Sportwagen im Oktober 2016 auf einem Online-Portal gefunden. Dort wurde er von einem Händler aus Kassel als zwei Jahre altes, unfallfreies Fahrzeug für 34.900 Euro angeboten. Für Vater und Sohn Mele war das ein Schnäppchen, zumal sie den Preis noch auf 34.000 drücken konnten. "Das Auto hatte viele Extras und wäre mindestens 40.000 Euro wert gewesen", erinnert sich Antonio Mele.

Doch bald zeigten sich erste Macken. Erst ging das Radio nicht, dann die Navigation – und schließlich streikte der ganze Wagen. Unter der Motohaube machten die beiden eine bedenkliche Entdeckung: Schweißnähte an der Karosserie und im gesamten Motorraum. Sind sie an einen Unfallwagen geraten?

In den USA nicht mehr straßentauglich

Die Aufschrift "Supercharged" deutet auf ein Importfahrzeug hin, denn das steht für die Sportvariante des Audis in den USA. Das überprüft Christian Wittmann von Carfax für uns. Anhand der Fahrzeugidentifikationsnummer bestätigt sich die Vermutung. Das Auto hat einen sogenannten "Salvage Title". "Das ist die amerikanische Bezeichnung dafür, dass ein Fahrzeug einen wirtschaftlichen Totalschaden erlangt hat. Es darf in den USA auch so nicht mehr verkauft werden", erklärt Wittman.

Geschrottet, versteigert und verschifft

Die Fahrzeughistorie offenbart darüber hinaus, dass der Audi bereits 2013 zugelassen wurde und nicht erst 2014, wie der Händler aus Kassel angegeben hatte. Am 22. Dezember 2015 hatte der Wagen dann in New York einen offenbar schweren Auffahrunfall und wurde noch am gleichen Tag zum Totalschaden erklärt. Weil er danach nicht mehr auf die Straße durfte, wurde er am 23. Februar 2016 auf einer sogenannten Salvage Auktion versteigert und im März in die litauische Hafenstadt Klaipeda verschifft.

Spurensuche in Klaipeda

Blick auf den Hafen von Klaipeda
Klaipeda ist einer der wichtigsten Umschlagplätze für US-Unfallwagen.

Klaipeda ist neben Riga einer der wichtigsten Umschlagplätze für US-Unfallwagen. Hier fahren wir zu der Firma UAB Autodemas, die im deutschen Kaufvertrag auftaucht und die den Audi in den USA erworben hat. Was ist hier mit dem Auto des späteren Käufers aus München passiert? Zunächst sind wir mit unserer Kamera unerwünscht, dann werden wir zum Büro der Firma geschickt, das sich an einer anderen Stelle der Stadt befindet. Als wir dort ankommen, werden wir von einem Mitarbeiter der Geschäftsführung empfangen, der auf unseren Besuch gut vorbereitet ist. "Dieser Kaufvertrag ist gefälscht", behauptet er, "Wir sind damit auch schon nach Deutschland gegangen vor Gericht. Weil es mehrere solcher Fälle gibt. Jemand fälscht die Verträge. Wir haben unsere eigenen Muster von Verträgen." Erstaunlich schnell findet er die Unterlagen zu dem Audi S5 und erklärt, ihn im letzten Jahr unrepariert für 1.950 Euro an eine Firma in Kaunas verkauft zu haben.

Das können Käufer tun:
Wem ein  junger Gebrauchtwagen zu einem Schnäppchenpreis angeboten wird, der sollte auf der Internetseite carfax.eu die Fahrzeuggeschichte erfragen. Die Auskunftsanfrage ist kostenpflichtig. Dazu benötigt man die Fahrzeugidentifikationsnummer (Fahrgestellnummer). Fahrzeugbesitzer, die bei einer Recherche nachträglich einen Totalschaden feststellen, können gegen den Kaufvertrag vorgehen. Wer ein Auto aufgrund einer arglistigen Täuschung gekauft hat, kann den Kaufvertrag anfechten.

Nächste Station: Kaunas

In Kaunas entdecken wir einen riesigen Parkplatz, auf dem der Zoll importierte Pkw registriert. Einen Porsche finden wir hier und einen Passat, aber auch einen Toyota aus Los Angeles und einen Ford Mustang aus Miami, die nach einem Totalschaden wohl wieder zu neuem Leben erweckt werden sollen.

Bildmontage: Das Bild eines demolierten Range Rovers neben dem Bild eines neuwertig erscheinenden Range Rovers.
Anhand dieser Vorher-Nachher-Bilder von einem Range Rover zeigt uns die Polizei, wie die Unfallwagen aufbereitet werden.

Für die Polizei in Kaunas ist das Geschäft mit Unfallwagen aus den USA ein großes Problem. 10.000 Euro und mehr an Gewinn springe pro Fahrzeug heraus, sagt Kommissar Aleksej Gubenko. Und die Ersatzteile, mit denen die Autos repariert werden, stammen häufig von gestohlenen Fahrzeugen aus Deutschland.

Nach einem Hinweis suchen wir in Kaunas mit versteckter Kamera eine Werkstatt auf, die auf die Reparatur von US-Unfallautos spezialisiert ist. Zwei bis drei Monate dauere eine Reparatur, erfahren wir, je nachdem, wie schnell Ersatzteile kommen. Wir erfahren außerdem, dass eine andere Firma deutsche Papiere organisiert. Sie wirbt sogar im Internet damit, dass alle zwei bis drei Wochen extra TÜV-Prüfer aus Deutschland anreisen. 

Von Litauen nach Deutschland

Nach dem Import über Klaipeda und der Reparatur in Orten wie Kaunas geht das Auto dann nach Deutschland, zum Beispiel nach Kassel. Hier bekam der Audi S5 von Alessandro und Antonio Mele vom TÜV Hessen seine Einzelbetriebserlaubnis. Dafür wird in Deutschland nur die Verkehrssicherheit geprüft. Die Fahrzeughistorie spielt lediglich bei Verdacht eine Rolle. Hinzu kommt, dass in Deutschland bei Unfallautos  nach der Reparatur keine technische Untersuchung verlangt wird.

Lukratives Geschäft

Beim Bundeskriminalamt erklärt uns Ermittler Eric Sturm, dass die reparierten Unfallautos in Deutschland häufig über Mittelsmänner angeboten werden und jeder dabei verdient: "Dieses Geschäft ist aus unserer Sicht sehr lukrativ, weil man mit wenig Handarbeit und mit gestohlenen Teilen, die man ja einbaut, ein hochwertiges Fahrzeug wieder für einen guten Preis verkaufen kann."

Zulassung ist keine Hürde

Aber warum sind die Zulassungsmodalitäten so gestaltet, dass sie für bei solchen Importen keine Hürde darstellen? Vom Bundesverkehrsministerium bekommen wir dazu keine Stellungnahme, nicht einmal eine Antwort.

Endstation Kassel

Letzte Station unserer Recherche ist der Händler in Kassel. Von ihm wollen wir wissen, warum er den Totalschaden des Audis offenbar verschwiegen hat. Doch statt eine Antwort zu geben, wird uns die Tür vor der Nase zugeschlagen und die Polizei gerufen.

Inzwischen ermittelt übrigens die Staatsanwaltschaft in Kassel gegen den Autohändler wegen des Verdachts des Betruges. Der muss mit einer weiteren Klage rechnen: Antonio und Alessandro Mele wollen nämlich die 34.000 Euro, die sie für ihren Audi bezahlt haben, zurück.

Stand: 20.07.2017 09:03 Uhr

Sendetermin

Mi, 19.07.17 | 22:45 Uhr
Das Erste

Links ins WWW

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Mitteldeutschen Rundfunk produziert.