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Geraubte Kulturgüter: Wie der illegale Antikenhandel in Deutschland floriert

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Handel mit geraubten Antiken floriert | Video verfügbar bis 28.11.2017

In einem Münchner Auktionshaus in bester Innenstadtlage sollen prähistorische Altertümer versteigert werden. Einige davon, so behauptet ein Insider, stammen aus illegaler Herkunft. Woher die Stücke kommen, geht aus dem Katalog tatsächlich nicht immer eindeutig hervor. Bei einer Statuette findet sich etwa nur die Angabe: "Ex Sammlung A.T., München, seit 1985". Die Jahresangabe und das Kürzel A.T. wird gleich noch eine wichtige Rolle spielen.

Falsche Angaben

Wenige Tage zuvor erreicht uns in der Redaktion eine anonyme E-Mail. Es geht um die Versteigerung von Antiken in eben jenem Münchener Auktionshaus. Der Vorwurf des Absenders: "Einige der Objekte wurden vor ein paar Jahren auf dem Schwarzmarkt in Bulgarien angeboten."

Als Beleg ist der E-Mail ein bulgarischer Zeitungsartikel aus dem Jahr 2007 angehängt. Es geht um den illegalen Handel mit Antiken – und um einen Aleksandar T., der damals auf dem Schwarzmarkt eine 1.900 Jahre alte römische Poseidon-Statuette angeboten habe. Es soll sich um jene handeln, die jetzt auf der Auktion in München angeboten wird und schließlich für 17.000 Euro den Besitzer wechselt. Laut Katalog befindet sich die Statuette allerding schon seit 1985 in der Sammlung eines A.T. Und unter der Abkürzung A.T. – so der Insider - verberge sich Aleksandar T., der wohl kaum schon 1985 im Besitz der Statuette sein konnte. Denn der war 1985 erst elf Jahre alt. Wurde in diesem Fall also eine Antike mit falschen Angaben versteigert?

Handelsplatz Deutschland

Ein Mann betrachtet Bilder einer Statuette.
Diese Statuette war unserem Informanten nach einer Raubgrabung zum Kauf angeboten worden.

Es geht um Raubgrabungen im Nahen Osten oder Plünderungen in Europa. Zwischen sechs und acht Milliarden Dollar setzt die Organisierte Kriminalität jährlich beim illegalen Handel mit Antiken um, schätzt die US-amerikanische Bundespolizei FBI. Deutschland hat sich dabei zu einem wichtigen Handelsplatz entwickelt. Hier wurde erst nach 37 Jahren, am 26. April 2007, eine UNESCO-Konvention zum Schutz von Kulturgütern umgesetzt. Doch weil das Gesetz nicht viel gebracht hat, präsentierte Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, kürzlich ein neues Kulturgutschutzgesetz. Kernpunkt des Gesetzes:

"Wer in Zukunft Antiken nach Deutschland einführt, braucht für jedes Stück eine gültige Ausfuhrerlaubnis des jeweiligen Herkunftsstaates, die bei Einfuhr nach Deutschland vorzulegen ist."

Der Haken mit dem Stichtag

Ein gut gemeintes Gesetz, allerdings mit einem Haken. Der Herkunftsnachweis gilt nur für Kulturgüter, die nach dem 26. April 2007 eingeführt wurden: die sogenannte Stichtagsregelung.

Uns gelingt die Kontaktaufnahme zu dem Insider, der uns die E-Mail geschrieben hatte. Wir treffen ihn in einem Café, er will jedoch anonym bleiben. Der Insider übergibt uns weiteres brisantes Material, darunter Fotos einer anderen antiken römischen Statuette, frisch nach einer Raubgrabung. So sei sie ihm im September letzten Jahres zum Kauf angeboten worden.

Auch diese taucht jetzt im Katalog des Münchener Auktionshauses auf, wieder heißt es "Sammlung A.T.", also mutmaßlich aus der Sammlung des Aleksandar T., und wieder soll sich diese Statuette seit 1985 im Besitz von A.T, befinden – und damit deutlich vor dem Stichtag 26. April 2007. Eine Exportgenehmigung benötigt die Antike damit nicht.

Der Archäologe Michael Müller-Karpe ist auch als Gutachter für Ermittlungsbehörden tätig. Durch illegale Raubgrabungen werde das Kulturerbe der Menschheit zerstört, sagt er. Und kritisiert die Stichtagsregelung, mit der geraubte Antiken legalisiert würden und die leicht zu umgehen sei:

"Alles, was der Händler machen muss, ist, ein Dokument erstellen mit krakeliger Handschrift, aus dem hervorgeht, dass die Objekte bereits vor 2007 in Deutschland gewesen sind."

Legal oder illegal?

der Archäologe Michael Müller-Karpe
Für den Archäologen Michael Müller-Karpe reicht das Kulturgutschutzgesetz nicht weit genug.

Wir zeigen Michael Müller-Karpe die Fotos des Insiders mit der erst kürzlich ausgegrabenen Statuette und die Abbildung im Auktionskatalog. Handelt es sich wirklich um identische Artefakte? Der Archäologe sieht eine Fülle von Merkmalen, die dafür sprechen:

"Die Handhaltung, beide Hände, die Faust ist ganz deutlich zu erkennen. Dann am Bart eine Gussblase, ein Gussfehler, der so an zwei Objekten kaum identisch vorkommen kann. Aber Sicherheit nur anhand des Originals."

Der Verdacht erhärtet sich aber, dass hier Antiken aus Raubgrabungen versteigert werden.

Von Sofia nach München

In der bulgarischen Hauptstadt Sofia setzen wir die Spurensuche fort. Wir sind mit der Journalistin Desislava Tancheva verabredet, die vor einigen Jahren über den Schmuggel von Kulturgütern aus Bulgarien und den Händler Aleksandar T. berichtet hatte. In einem Café treffen wir sie und einen ihrer damaligen Informanten, der unerkannt bleiben möchte. Der Schmuggel nach München blühe seit Jahrzehnten, erfahren wir von ihr:

"Warum München? Weil es dort diese Auktionshäuser gibt, die mit Antiken handeln. Und die sind zu Lieblingsauktionshäusern der bulgarischen Schmuggler geworden. Das ist Organisiertes Verbrechen. Keine Frage. Und gefährlich. Das ist Mafia bis hin zu Staatsbediensteten, die das Geschäft beschützen. Da sind schon Leute erschossen worden."

Auch dem Händler Aleksandar T. war sie bei ihren Recherchen auf der Spur, allerdings erfolglos.

Wir fahren rund 250 Kilometer Richtung Norden. Einem Hinweis zufolge könnten die möglicherweise geraubten Statuetten aus einer antiken römischen Stadt stammen, weit ab der heutigen Zivilisation: Nicopolis ad Istrum. Viele römische Anlagen werden erst noch erforscht, liegen abseits und sind für jedermann zugänglich. Das ist ideal für Raubgrabungen.

Ivan Tsarov, der Direktor der Ausgrabungsstätte Nicopolis ad Istrum in Bulgarien
Ivan Tsarov, der Direktor der Ausgrabungsstätte Nicopolis ad Istrum in Bulgarien weiß, dass Deutschland einer der Haupthandelsplätze ist.

Ivan Tsarov, der Direktor der Ausgrabungsstätte, erklärt, dass hier jeder Antiken ausgraben könnte. Wir zeigen ihm den Auktionskatalog und die Fotos des Insiders. Auch für ihn handelt es sich um identische Antiken:

"Die Statuetten werden von den bulgarischen Sammlern, wenn diese auf den illegalen Markt gehen, auf 1.000 Euro pro Zentimeter geschätzt. Und ich muss wieder mit Bedauern erwähnen, dass Deutschland einer der Hauptplätze ist, wohin diese Gegenstände exportiert werden."

Der Export von Kulturgütern ohne Ausfuhrgenehmigung ist in Bulgarien verboten. Doch viele Antikenhändler würden die Raubgräber finanzieren, erfahren wir. 20 Kilometer entfernt, in der Altstadt von Veliko Tarnovo, suchen wir nach Alexander T., der hier ein Ladengeschäft betreiben soll. Aber ein Mann, den wir fragen, meint, Aleksandar T. sei irgendwo im Ausland, vielleicht in München. Er habe ihn schon lange nicht mehr gesehen.

In München will das Auktionshaus uns "aus Gründen der Diskretion" nicht sagen, wer hinter dem Kürzel A.T. steckt. Man wisse auch nichts davon, dass die Statuetten in Bulgarien auf dem Schwarzmarkt angeboten worden seien. Das Auktionshaus weist in seiner Stellungnahme auch darauf hin, dass alle Objekte mit einem Schätzwert über 1000 Euro u.a. mit der Datenbank von Interpol und dem internationalen"Art Loss Register" abgeglichen werden. In diesen Registern sind zwar Kunstobjekte aufgeführt, die zum Beispiel in Museen, auf Ausstellungen oder in privaten Sammlungen gestohlen wurden. Kulturgüter aus Raubgrabungen können dort hingegen nicht auftauchen. Denn diese werden ja gerade frisch aus noch nicht erforschten Kulturstätten geraubt.

Stärker ermitteln – aber wie?

Wir sprechen mit Monika Grütters darüber. Die Staatsministerin für Kultur und Medien kennt diese Kataloge mit mangelnden Angaben zur Herkunft von Antiken. Ihrer Ansicht nach seien künftig Zoll und Ermittlungsbehörden stärker in der Pflicht. Doch müsste man dafür nicht den Personalbestand erweitern?

Eine kleine Staffelei, auf der schwarz-rot-gold "Kulturgutschutzgesetz" geschrieben steht.
Das Kulturgutschutzgesetz lässt sich noch zu leicht umgehen.

"Zum Teil ist das Ländersache, und zum Teil ist es natürlich in anderen Ministerien, speziell im Innenministerium. Und mit denen bin ich natürlich im Gespräch. Das ist im Verlaufe des Gesetzgebungsverfahrens immer wieder thematisiert worden."

Ein konkretes Ergebnis gibt es aber noch nicht. Beim Bundeskriminalamt arbeitet aktuell nur eine Handvoll geschulter Fachermittler. In Italien zum Beispiel sind es immerhin 300. Muss der illegale Handel mit Kulturgütern durch das neue Kulturgutschutzgesetz überhaupt etwas befürchten? Das Resümee der Ministerin:

"Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern und auch, wenn man mal den UNESCO-Weltmaßstab sieht, haben wir immer noch ein großzügiges Gesetz."

Auf der Münchner Auktion "Kunst der Antike" wurden rund 500 Kulturgüter versteigert. Der Umsatz an diesem einen Tag: 1,6 Millionen Euro.

Autor: Andreas Wolter

Stand: 28.11.2016 21:49 Uhr

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Mi, 19.10.16 | 21:45 Uhr
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Diese Sendung wurde vom
Mitteldeutschen Rundfunk produziert.