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Landmisere – Wo Patienten keinen Arzt mehr finden

Landmisere – Wo Patienten keinen Arzt mehr finden | Video verfügbar bis 08.11.2018

– Für Ärzte ist bei Behandlungen die Angst vor dem Regress dabei.
– Der Konflikt zwischen wirtschaftlichem Arbeiten und optimaler Patientenversorgung liegt im Wirtschaftlichkeitsgebot begründet.
– Das Kontrollsystem, das die Gesundheitskosten im Zaun halten soll, entzweit in der Praxis Patient und Arzt.
– Pflegeheime haben Schwierigkeiten die medizinische Versorgung zu garantieren.

Auf vielen Dörfern gibt es keinen Arzt mehr.
Auf vielen Dörfern gibt es keinen Arzt mehr.

Eine Hausarztpraxis in einer hessischen Kleinstadt: Bei Dr. Reinhold Jerwan-Keim sind 55 Prozent der Patienten über 60. Dazu gehören viele Chroniker. Sein Problem ist, dass er zu viele Alte und Kranke hat – und die kann er sich nicht leisten: "Wir sortieren tatsächlich aus. Wir sagen unseren Damen dieser Patient ist sehr aufwendig – medizinisch als auch ökonomisch – und dann weisen wir den ein oder anderen ab. Ja, das muss ich leider zugeben. Weil einfach unser Budge auch beschränkt ist. Das liegt nicht an uns. Das ist ein politisches Problem.



Was der Doktor meint: Wie viel er verordnen darf, wird jedes Jahr neu festgelegt. Der Gesetzgeber will das so. Die Ausgaben sollen nicht ausufern. Doch da ist der Hausarzt schon in der Zwickmühle. Horst Wurm bekommt das zu spüren. Der nierenkranke Mann schluckt zehn Medikamente. Das macht pro Quartal für ihn aber fast 400 Euro. Doch Dr. Jerwan Keim hat nur rund 150 Euro für einen Senior im Quartal. Horst Wurm klagt: "Dr. Jerwan ist seit 30 Jahren mein Hausarzt und länger, und der verschreibt mir immer meine Sachen. Und auf einmal geht es nicht mehr, weil er nicht mehr darf." 

Schuld ist die Patientenstruktur des Doktors. Und die kann er nicht ändern. So ist er ins Visier der Prüfer geraten. Was war passiert?


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Nicht alle Patienten lohnen sich für den Arzt.

Inwieweit ein Arzt wirtschaftlich arbeitet, kontrolliert im Auftrag des Gesetzgers eine Prüfstelle von Krankenkassen und Kassenärztlicher Vereinigung. Überschreitet der Arzt eine bestimmte Menge an Verordnungen oder Behandlungen, fordern sie Regress oder Honorarrückzahlung.

Ihn hat es mit dem Regress getroffen. 12.000 Euro zahlte er aus eigener Tasche nur wegen zu vieler Verordnungen: "Wir haben aufgrund von 40-50 Verordnungen den Regress bekommen, was uns schockiert hat." Dr. Reinhold Jerwan-Keim hat die Reißleine gezogen. Nun kontrolliert eine Mitarbeiterin akribisch, was verschrieben wird. Leidtragende sind die Patienten.


Das Gebot der Wirtschaftlichkeit


Was dem Hausarzt aus Dietzenbach passiert ist, kein Einzelfall.


12.500 Ärzte praktizieren in Hessen. Wegen zu vieler Verschreibungen und Honoraren wurden 2.700 Ärzte überprüft. 705 Mal wurden Regresse oder Honorarkürzungen ausgesprochen.


Der Konflikt zwischen wirtschaftlichem Arbeiten und optimaler Patientenversorgung liegt im Wirtschaftlichkeitsgebot begründet. Im Gesetz heißt es: 

"Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten."

Aber was ist notwendig? Plusminus besucht in Berlin das Treffen der niedergelassenen Ärzte Deutschlands. Auch hier geht es darum, wie viel Ärzte verordnen dürfen und was ihre Patienten wirklich brauchen. Dr. Klaus Allmeling, Allgemeinmediziner aus Hamburg sagt: "Ich würde gern viel mehr tun und könnte auch sicherlich, aber wir sind häufig an der Budgetgrenze." Dr. Nikolaus Rauber Neurologe Saarbrücken meint: "Ich hatte schon einen Regress bei Verordnungen von Neuroleptikern, bei Arzneimittel für Schizophrenen, weil ich vier Spritzen im Jahr verordnet habe."


Was eigentlich gut gedacht ist, nämlich ein Kontrollsystem, um die Gesundheitskosten im Zaun zu halten – in der Praxis entzweit es Patient und Arzt, lautet die Kritik der niedergelassenen Ärzte. Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender NAV-Virchow-Bund erklärt: "Regressdrohungen von Krankenkassen erschrecken Ärzte und verändern das Verhalten. Aber nur durch eine Angsteinflößung, nicht aus sachlichen Erwägungen heraus. Deswegen lehnen wir das ab."


Weniger Leistung nach Verwarnung


Landärzte sind dringend gesucht.
Landärzte sind dringend gesucht.

Wie das im Alltag aussieht? Im Pflegeheim auf dem Land wird das besonders deutlich. Hier versorgen wenige Ärzte viele Kranke und Alte. Plusminus ist unterwegs mit Landarzt Stefan Tomaselli. 30 Patienten versorgt er. Wie oft er im Quartal kommt, will er eigentlich nach Bedarf regeln, das macht er aber nicht mehr. Wegen zu vieler Besuche wurde seine Praxisgemeinschaft von der Kassenärztlichen Vereinigung verwarnt: "Dort wurde uns erzählt, das wir deutlich über dem Hessenschnitt sind in unserer Praxis und dass wir jetzt in diesem Folgejahr weniger Hausbesuche machen mussten."


Die Androhung einer Honorarkürzung hat also Folgen. Das ist deprimierend für Angehörige und Heimbewohner.

Dramatisch wird es, wenn es an die Grundversorgung geht. Plusminus besucht ein Pflegeheim in Rotenburg an der Fulda. Hier haben sie überhaupt Mühe einen Arzt zu finden. Und wer von weit herkommt, so wie Gerda Lübke, hat ein Problem: "Ich bin aus Bebra hier hergekommen und mein Arzt konnte natürlich nicht mitkommen und macht auch keine Hausbesuche hier." 


Hilft ein Kooperationsvertrag? 


Pflegeheime suchen Personal.
Pflegeheime suchen Personal.

Doch Pflegeheime sind verpflichtet, die medizinische Versorgung ihrer Bewohner sicherzustellen. Das gelingt der Pflegedienstleitung häufig nicht, weiß Gerrit Fiedler, designierter Pflegedienstleiter: "Es ist tatsächlich so, dass wir oft bei Hausärzten anfragen müssen, ob diese die hausärztliche Versorgung im Pflegeheim übernehmen würden. Es ist immer die gleiche Antwort, nämlich das nein." Das bedeutet, im schlimmsten Fall bleiben Betten leer.

Das droht auch in Sontra im Werra Meißner Kreis. Wir treffen den Pflegeheimbetreiber Roland Bardt. Er baut gerade sein drittes Pflegeheim. Von den 56 Betten ist die Hälfte schon reserviert. Aber er hat noch keine Arztversorgung: "Ich kann nur so viel Patienten oder Bewohner aufnehmen, wie ich Ärzte im Hintergrund habe. Wenn es dann nicht mehr ausreicht ist es zwangsläufig so, dass leer stehende Zimmer die Folge sind."


Pflegeheime stehen vor Problemen

Und was ist mit einem Kooperationsvertrag zwischen Arzt und Heim? So einer soll, so die Idee der Politik, das Problem lösen. Das Besondere: Hier gilt kein lästiges Zahlenkorsett, keine Gefahr zu viel zu verordnen, und es locken sogar bessere Honorare. Aber auch zwei Jahre nach Einführung machen nur wenige mit.

13.600 Pflegeheime gibt es in Deutschland. Von den 54.000 Hausärzten haben nur rund 3.300 Kooperationsverträge mit Heimen geschlossen. Das sind gerade mal sechs Prozent.

Heimbetreiber Roland Barth findet keinen Arzt. Weder mit noch ohne Kooperationsvertrag. Die Ärzte vor Ort, so wie Doktor Bettina Heller, können sich nicht noch mehr alte und kranke Patienten leisten: "Der Tag ist zu lang. Es ist schon schwierig, all die zu versorgen, die ich gerne hier versorge und deshalb habe ich Herrn Bardt gesagt, ich kann es nicht."

Weil's nicht anders geht, will der Pflegeheimbetreiber nun einen eigenen Arzt einstellen. Aber das ist sicher keine Lösung für alle.


Autor: Barbara Berner

Stand: 09.11.2017 09:38 Uhr