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Teurer Wohnungsmarkt: Das Geschäft mit Medizintouristen

Teurer Wohnungsmarkt: Das Geschäft mit Medizintouristen | Video verfügbar bis 11.01.2018

Inhalt in Kürze:

- Mehr als 100.000 Medizintouristen lassen sich jährlich in Deutschland stationär behandeln.
- Viele Staaten – gerade aus dem Nahen Osten – zahlen ihren Bürgern den Flug und die Behandlung in Europa.
- Das Zusammenleben zwischen Deutschen und Medizintouristen ist in diesen Wohnvierteln nicht immer einfach.

3.500 Euro pro Monat für eine Drei-Zimmer-Wohnung – kaum ein Deutscher würde so viel zahlen. Doch immer mehr Immobilienagenturen haben sich auf Medizintouristen spezialisiert und vermitteln Wohnungen auf Zeit. Wer verdient an dem Geschäft?

Eine Maklerin zeigt eine Wohnung
Immer mehr Agenturen bieten ihre Wohnungen Medizintouristen an

In Bonn-Bad Godesberg suchen wir mit versteckter Kamera eine Wohnung für vermeintliche Freunde aus Nahost. Der Vermieter spricht arabisch. Er zeigt uns eine einfache 2,5-Zimmer-Wohnung an einer vielbefahrenen Straße. Laut Vermieter soll sie etwa 120 Euro pro Tag, also 3.600 Euro im Monat kosten. Für Berufstätige kaum leistbar, nicht so für Medizintouristen. Sie kommen aus Nahost oder Russland. Immer mehr lassen sich in Deutschland stationär behandeln. Kamen 2006 noch gut 50.000 ausländische Patienten, waren es 2015 schon mehr als 100.000.

Für den Wohnungsmarkt ist das ein Problem. Denn viele Gastpatienten wollen nicht in Hotels übernachten. Das ist wiederum gut für die Vermittlungsagenturen. Bis zu 400 Wohnungen in zum Beispiel Bonn sollen sie dauerhaft an Medizintouristen vermietet haben. Anwohner klagen darüber. "Junge Familien und jüngere Leute, die finden in Bad Godesberg absolut keine bezahlbare Wohnung, weil alle freien Wohnungen direkt von arabischen Leuten, Immobilienmaklern, oder was auch immer, gegriffen werden", sagt Anwohner Josef Schäfer.

Auch nach München ziehen viele ausländische Patienten. Zum Beispiel Faisal al-Sharir und sein Sohn Adel aus Kuwait. Die Ärzte dort konnten Adels gebrochenen Knöchel nicht richtig operieren. Reich sind die beiden nicht. Adel hat einen Bürojob bei einer staatlichen Firma. Doch weil das Gesundheitssystem so schlecht ist, zahlt die Regierung ihren Bürgern Flug und Behandlung in Europa – all inclusive. Bis zu zwei Begleiter können mit. Und es gibt Taschengeld – zum Beispiel 564 Euro täglich für Bürger aus Katar.

Darf ein Vermittler uns die Wohnung überhaupt vermieten?

Eigentlich gibt es wegen der Wohnungsnot in Bonn eine Zweckentfremdungssatzung: Danach dürfen Wohnungen nicht einfach in Ferienwohnungen umgewandelt werden. Ist das denn auch alles legal? Wir sehen, wie ein Gast die Miete bar bezahlt. Ob hier wirklich alles versteuert und angemeldet ist, fragen wir die Stadt Bonn und konfrontieren sie mit den Adressen. Ja, die seien ihnen bekannt, heißt es. Aus Datenschutzgründen könne man aber nicht mehr sagen, Bußgelder wurden bisher noch nicht verhängt. "Tatsächlich ist erst mal die Feststellung der Eigentumsverhältnisse oft gar nicht so einfach", sagt Monika Hörig von der Stadt Bonn. "Man muss halt gucken, wer vermietet da wem was unter."

Prospekte
Oft zahlen ausländische Staaten ihren Bürgern die Behandlung in Deutschland.

Mit einer eigens eingerichteten Taskforce wolle die Stadt aber jetzt ermitteln. Und welche Rolle spielen die Kliniken dabei? Die profitieren zunächst. Die Ärzte betonen immer wieder: Die ausländischen Privatpatienten werden gegenüber deutschen nicht bevorzugt. Doch wie viel Geld lassen die Medizintouristen in den Kliniken? "Wir haben geschätzt, dass es Minimum 1,2 Milliarden Euro im Jahr sind, die allein in den Kliniken hängenbleiben, für die medizinische Behandlung", so Jens Juszczak von der Hochschule Bonn/Rhein-Sieg. "Man kann diesen Betrag mindestens nochmal genauso in alles umsetzen, was Touristik, Shopping und so weiter angeht."

Zusammenleben oft schwierig

Wir treffen einen weiteren Wohnungsvermittler und er will 3.600 Euro pro Monat für zwei Zimmer von uns. Das sei günstig, denn jetzt ist Nebensaison, sagt er. Deutsche Mieter wohnen, seiner Auskunft nach, nicht mehr im Haus. Araber und Deutsche zusammen, das funktioniere nicht, sagt er. Tatsächlich ist das Zusammenleben oft schwierig, berichten uns die Bewohner. "Die Müllbehälter sind ab Samstag so voll, dass nichts mehr reinpasst, es sieht hier ganz, ganz schlimm aus. Es ist für uns Eigentümer eigentlich unerträglich", sagt ein Bewohner. Klagen gebe es auch über zu viel Lärm, weil arabische Medizintouristen meist nachts aktiv seien. Rentnerin Christel Daub wohnt seit 40 Jahren dort und würde am liebsten ausziehen. Sie hat sich über den Lärm bei einem Mieter beschwert. "Dann hat der gesagt: 'Wenn es Ihnen hier nicht mehr passt, ich kaufe Ihre Wohnung gerne‘".

Ein Pfleger schiebt ein Bett
Auch Kliniken profitieren von Medizintouristen.

Kurzfristig vermietete Wohnungen an Medizintouristen stoßen deutschlandweit auf Kritik. Auch in einer Wohnanlage in Bogenhausen. "Müll wird von den Leuten teilweise vor die Türe gestellt", sagt Anwohner Johannes Mühlfellner. "Das wird schon wer wegräumen! Oder zum Fenster rausgeschmissen." Aber was sagen die Patienten zu den Vorwürfen? Es gelingt uns, mit einigen ins Gespräch zu kommen. Mohammed al-Ajael aus Kuwait ist wegen einer Operation für seine Tochter hier. Ärger mit den Anwohnern habe er nicht, sagt er. Und Faisal und Adel geben zu, dass sie öfter mal Gäste zum Essen und Fernsehen empfangen. Aber: "Wir kennen die Regeln hier. Nach 22 Uhr muss man die Fenster zumachen. Wir sind nicht laut, wir benehmen uns ja nicht wie Wikinger", sagt Faisal al-Sharir.

Komplizierte Mietverhältnisse, geringe Bußgelder

Auch Adel hat die Unterkunft einfach gebucht. Die Mietverhältnisse sind kompliziert, das zeigt ein Vertrag, der "Plusminus" vorliegt: So gehört zum Beispiel eine Wohnung einem Ehepaar aus Hong Kong. Die hat sie an einen Iraker vermietet, der die Wohnung an Medizintouristen untervermietet. Werden diese Hintermänner doch mal ermittelt, verhängt die Stadt München mittlerweile Bußgelder – doch Vermieter, die im Jahr gut 70.000 Euro Miete kassieren, schreckt das nicht ab. "Wenn sie mal 5.000 oder 10.000 Euro Ordnungsgeld zahlen, oder vielleicht mit Zwangsgeld bedroht sind, dann ist das immer noch ein Supergeschäft", sagt Volker Rastätter vom Mieterverein München.

Die bayerische Staatsregierung will deshalb das Gesetz verschärfen und Bußgelder bis zu 500.000 Euro ermöglichen. Einen anderen Weg geht man in Bonn. Hier werden jetzt Boardinghäuser von privaten Investoren nur für ausländische Patienten gebaut – für ein friedlicheres Zusammenleben.

Autor: Matthias Fuchs

Stand: 12.01.2017 10:16 Uhr

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