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Baustellen der Bahn – Schlimme Folgen für Personen- und Güterverkehr

Baustellen der Bahn - Schlimme Folgen für Personen- und Güterverkehr | Video verfügbar bis 01.11.2018

– Tunnelarbeiten auf Rheintalstrecke legen Güterverkehr wochenlang lahm.
– Wirtschaft kritisiert Supergau ohne Plan B.
– Aufträge gehen seitdem um 20 Prozent zurück.
– Bahn muss dringend Notfallszenario für Tunnel entwickeln.
– Auch Stuttgart 21-Gegner schlagen erneut Alarm.

Die wochenlange Unterbrechung des Bahnverkehrs im Rheintal hat schmerzhaft gezeigt: Die Deutsche Bahn hat bei Ausfällen oft keinen Plan B. Zum Leidwesen von Millionen von Kunden. Und mit schlimmen Folgen für den Güterverkehr. Denn die Wirtschaft traut der Schiene seit einem Zwischenfall bei Rastatt nicht mehr.

Die Sperrung eines Tunnels wegen Betriebsgefahr: Dieses Szenario könnte Wirklichkeit werden. Etwa in Stuttgart, wo eines Tages der neue Tiefbahnhof S21 mit seinen vielen Tunnelröhren in Betrieb gehen soll. Mögliche Folge: Wochenlange Sperrungen wie neulich nach der Havarie bei Rastatt. Hier war durch Tunnelarbeiten das komplette Gleisbett abgesackt. Nichts ging mehr auf der Rheintaltrasse, der Hauptschlagader des Zugverkehrs, wo sonst täglich bis zu 200 Güterzüge fahren. Und es gab keinen Plan B, kein Notfallszenario. Für Ronald Pofalla, den zuständigen Bahn-Vorstand, ein schwarzer Tag.

Viele tausend Bahnfahrer mussten täglich auf Busse ausweichen und Verspätungen in Kauf nehmen. Sieben Wochen lang. Und der Gütertransport wurde, wenn überhaupt, auf die Straßen verlagert, die nun noch häufiger verstopft waren.

Gleisbett
Nach Tunnelarbeiten senkte sich bei Raststatt das Gleisbett.

Fehlendes Vertrauen führt zu 20 Prozent Auftragsrückgang

Seit einem Monat fahren die Züge wieder. Auch die Hupac AG kann seitdem wieder Straßentransporte auf die Schiene verladen. Die Schweizer Aktiengesellschaft ist der größte Anbieter von "Kombiniertem Verkehr" in Europa und war deshalb besonders betroffen von der Havarie im Rheintal. Renzo Capanni, Hupac-Direktor, erinnert sich mit Grauen: "Rastatt hat komplett neue Dimensionen erreicht. Das gab es noch nie in der 50jährigen Geschichte von Hupac. Und die Möglichkeiten, die Alternativen waren einfach sehr eingeschränkt. Es war schon ein sehr außerordentliches Ereignis. Ich würde sagen Super-GAU, das trifft zu."

Die Folgen sind dramatisch: Die Branche hat schon jetzt einen Auftragsrückgang von 20 Prozent. Große Kunden verlagern noch mehr Verkehr auf die Straße. Auto-Transporte, Chemikalien, Kohle und Erze für die Montan-Industrie, Konsumgüter. Weil die Schiene zu anfällig ist. Weil sich Rastatt jederzeit wiederholen kann.

Notfallszenario für untertunnelte Strecken gefordert

Renzo Capanni, Hupac-Direktor: "Das ist real, das kann heute wieder passieren. Und dazu braucht es einen Plan B, Notfallszenarien, die dann wirksam aktiviert werden können." Einen Plan B. Das sollte die Bahn für jede Großbaustelle haben. Auch und besonders für Stuttgart 21, wo seit Jahren mit einem Milliarden-Aufwand ein neuer Bahnknoten gebaut wird: rund 60 Tunnel-Kilometer. Weit mehr als in Rastatt. Und wie in Rastatt wird auch hier eine Bahnstrecke untertunnelt: Im Neckartal – mit fünf Gleisen. Und der Abstand zwischen den Gleisen und dem späteren Tunnel ist ähnlich gering wie in Rastatt. Kritiker befürchten, dass es erneut krachen könnte.

Die Bezirksbeirätin Sabine Reichert wohnt hier. Zusammen mit Stuttgart-21-Gegnern wie dem Ingenieur Hans-Jörg Jäckel fordert sie, dass die Bahn Konsequenzen aus Rastatt zieht. Sabine Reichert, Bezirksbeirätin, Infobündnis Zukunft Schiene: "Hier sind es fünf Gleise und an allen diesen Kreuzungspunkten weiß man nicht genau, was passiert, wie stabil der aufgeschüttete Bahndamm ist. Und deswegen sollte nach Rastatt komplett eine Neubewertung hier erfolgen." Dr. Hans-Jörg Jäckel, Ingenieur und S21-Kritiker: "Die Bahn muss glaubhaft statische Nachweise bringen, dass diese Konstruktion absolut sicher ist."

Die Bahn wiegelt Sicherheitsprobleme ab. DB-Netz-Chef Roland Pofalla sieht da keine Probleme. Am 27. Oktober 2017 meinte er dazu: "Hier werden höchste Sicherheitserfordernisse erfüllt. Sowohl bei der Genehmigung, bei dem Antragsverfahren bis hin bei der Bauausführung." Besondere Gefahren sehen Kritiker im Gestein unter Stuttgart. Sogar ein von der Bahn bei der KPMG in Auftrag gegebenes Gutachten warnt vor Gipskeuper und Anhydrit – "streng vertraulich" versteht sich. Zitat der KPMG: "Unsere Untersuchungen ergaben, dass die Risiken der Tunnelerstellung im Anhydrit ... unterschätzt worden sind."

Falsche Gesteinsgrundlage kann zu Zugentgleisung führen. Gipskeuper kommt nur in einem sehr begrenzten Gebiet vor – in Süddeutschland und der Nordschweiz. Der Geologe Jakob Sierig zeigt uns in der Nähe von Tübingen, wozu das Gestein fähig ist. Dr. Jakob Sierig, Geologe: "Der Gipskeuper quillt, wenn er länger mit Wasser in Berührung ist. Dabei entstehen unglaubliche Drücke. Hier kann man das sehr gut sehen, dass eine über ein Meter dicke Gesteinsschicht nicht anders konnte als nach oben wegzubrechen." Über eine Länge von 15 Metern. Eine Katastrophe in einem Eisenbahntunnel. Schon bei kleinsten Hebungen könnten Züge entgleisen.

Dr. Jakob Sierig, Geologe: "Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei solchen Tunnels zu Sanierungen kommt, ist sehr hoch, denn bisher sind sechs von zehn Tunnels nicht erfolgreich durchgeführt worden, d.h. die wurden immer wieder saniert. Es gibt noch kein Bauverfahren, was sich nachweislich eignet, einen Tunnel sicher durch den Gipskeuper zu führen.“

Bahn sieht bei Tunnelröhren in Stuttgart kein Problem

Ob Untertunnelung von bestehenden Gleisen oder aufquellende Tunnelröhren, DB-Netz-Chef Pofalla versichert, zu Zuständen wie in Rastatt könne es in Stuttgart gar nicht kommen. Roland Pofalla, DB-Netz-Chef, 27. Oktober 2017: "Es gibt hier entsprechende Konzepte für Umleitungen und Ersatzverkehre, die dann in Betrieb genommen werden können. Ich glaube, dass wir hier in Stuttgart wirklich gut vorbereitet sind auf eine solche Situation."

Tatsächlich? Hier sollen die Züge künftig unterirdisch durch den S21-Bahnhof fahren. Wenn aber dieser Tunnel ausfällt, wäre Stuttgart abgehängt. Die einzige Ausweichstrecke wäre die heutige überirdische Trasse – bis zum bestehenden Kopfbahnhof. Und dann zurück ins Neckartal. Doch genau diese Streck sollte ja durch "Stuttgart 21" ersetzt werden, um dort teure Immobilien zu bauen. Gegner von "Stuttgart 21", die nach wie vor jeden Montag demonstrieren, sehen ihre Befürchtungen durch die Havarie in Rastatt erneut bestätigt. Eisenhart von Loeper, Aktionsbündnis S21: "Es gab keinen Plan B, keine Ausweichmöglichkeiten für den Bahnverkehr und für den Güterverkehr. Und mit schwersten Konsequenzen. Und genau diese Situation, muss man sich fragen, ob wir damit, mit Stuttgart 21 auch in so eine Falle geraten."

Politik steuert in falsche Richtung

Die Schweizer Hupac AG fordert ein grundsätzliches Umdenken. Hupac-Direktor Renzo Capanni: "Dazu braucht es natürlich auch Unterstützung – ich sag mal – auf politischer Ebene, da braucht es Unterstützung auch von unseren Bahn-Partnern in Bezug auf Flexibilität, Umstellung. Dazu braucht es auch regulatorische Hürden, die jetzt endlich abgebaut werden müssen, dass das überhaupt möglich ist." Sonst wird künftig noch mehr Güterverkehr auf die Straße verlagert. Genau das, was die Politik angeblich nie wollte – und trotzdem – bewusst oder unbewusst – immer weiter vorangetrieben hat.

Ein Beitrag von Hermann G. Abmayr und Thomas Eberding

Stand: 02.11.2017 09:16 Uhr