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Plusminus extra: Schlecker vor Gericht

Vom Drogeriekönig zum Angeklagten

PlayDer ehemalige Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker (M.) sitzt zu Beginn des Prozesses im Landgericht in Stuttgart neben seinem Anwalt Norbert Scharf.
Plusminus extra: Schlecker vor Gericht | Video verfügbar bis 06.03.2018

Es war eine der spektakulärsten Pleiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Als Europas einst größte Drogeriemarkt-Kette Schlecker im Januar 2012 Insolvenz anmeldete, kostete das 25.000 Mitarbeitern und vor allem Mitarbeiterinnen den Job. Rund eine Milliarde Euro betrug die Forderung der Gläubiger.

Anton Schlecker hat immer die Öffentlichkeit gemieden. Heute muss er die Kameras ertragen.  Der einst unangefochtene König auf dem deutschen Drogeriemarkt, sitzt auf der Anklagebank. 26.000.000 Euro sollen er, seine Ehefrau und seine Kinder vor der Insolvenz zur Seite geschafft haben. Angeklagt ist die ganze Familie.

Der ehemalige Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker (M.) sitzt zu Beginn des Prozesses im Landgericht in Stuttgart neben seinem Anwalt Norbert Scharf.
Der ehemalige Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker (M.) sitzt zu Beginn des Prozesses im Landgericht in Stuttgart neben seinem Anwalt Norbert Scharf.

Wirtschaftsstrafrechtler Thomas Knierim erläutert dazu: "Je nachdem, in welchem Umfang Straftaten festgestellt werden vom Gericht, kann das auch durchaus zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung führen."

Wie konnte es soweit kommen? Wie kam es zum Niedergang des größten europäischen Drogerie-Imperiums? Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Roland Alter meint dazu: "Wenn ein Marktführer letztlich so in die Insolvenz geht, dann sind dort schwere Fehler gemacht worden."

Fünf Jahre nach der spektakulären Pleite hoffen viele ehemaligen Mitarbeiter auf Gerechtigkeit, so wie Katrin Wegener: "Eigentlich erwarte ich, dass er für das bestraft wird, was er uns angetan hat." Im schlimmsten Fall könnte dem ehemaligen Milliardär Haft drohen, ein Mammut-Prozess mit ungewissem Ausgang.

Das Ende

Anfang 2012, Schicksalstag im schwäbischen Ehingen: Den unangenehmen Auftritt hat der Vater seiner Tochter Meike überlassen. In der Schlecker-Zentrale musste sie die Insolvenz des Drogerie-Konzerns verkünden, 37 Jahre nach der Gründung. Der einstige Branchenriese ist pleite.

Meike Schlecker verkündete: "Ich will mich hier nicht beschweren und wir werden auch zurechtkommen. Aber es ist kein signifikantes Vermögen mehr da, das dem Unternehmen hätte helfen können."

Meike Schlecker verlässt nach Prozessauftakt das Gericht.
Meike Schlecker verlässt nach Prozessauftakt das Gericht.

Es sei kein Geld mehr da für eine Rettung des Unternehmens. Die Mitarbeiter haben davon aus den Medien erfahren. In Berlin treffen wir die ehemalige Filialleiterin Katrin Wegener. Sie hat knapp 20 Jahre bei Schlecker gearbeitet, war Mitglied des Betriebsrats. Dass es so schlimm um Schlecker stand, hatte sie nicht gedacht.

Noch immer ist sie bitter enttäuscht und meint: "Verletzt auch deswegen, weil man mit uns A nicht offen umgegangen ist und uns die Wahrheit gesagt hat. Und B wir in der ganzen Zeit der Krise von Herrn Schlecker gar nichts gehört haben. Gar nichts! Von ihm nicht ein einziges Wort." Das Schlecker-Blau klebt noch an den Schaufenstern, die alte Filiale ist heute eine Videothek.

Wie alles begann

Schlecker – das war lange eine deutsche Erfolgsgeschichte. Über Jahre baute der gelernte Metzgermeister Anton Schlecker zusammen mit seiner Frau ein beispielloses Drogerie-Imperium auf. Seine Erfolgsidee: Selbstbedienung, unschlagbare günstige Preise und viele kleine Filialen.

An der Hochschule Heilbronn ist das Modell Schlecker zum Lehrbeispiel geworden. Für einzigartigen Aufstieg – und beispielloses Scheitern. Wirtschaftswissenschaftler Prof. Roland Alter erläutert: "Schlecker, das kann man schon sagen war schon einer der Visionäre seiner Zeit. Er hat sehr frühzeitig die Möglichkeiten erkannt, die sich aus dem Wegfall der Preisbindung ergaben und gleichzeitig hat der Möglichkeiten eines Filialsystems früher erkannt als andere. Und das hat er sehr konsequent umgesetzt."

Schlecker expandierte, erst in Deutschland, dann in Europa. Die blau-weißen Läden standen bald in jedem Dorf.  2006 waren es rund 50.000 Mitarbeiter und fast 12.000 Filialen.

Prof. Alter dazu: "Durch diese Volumenerhöhung, die sich mit der Anzahl der Filialen immer weiter verstärkte, hatte er die Möglichkeit, besonders günstige Einkaufskonditionen zu realisieren und damit gewissermaßen ein Schwungrad in Bewegung gesetzt. Mehr Filialen, mehr Einkaufsvolumen, bessere Preise, mehr Möglichkeiten über den Preis einen noch größeren Marktanteil zu erreichen."

Als Europas einst größte Drogeriemarkt-Kette Schlecker im Januar 2012 Insolvenz anmeldete, kostete das 25.000 Mitarbeitern und vor allem Mitarbeiterinnen den Job.
Schlecker war einst Europas größte Drogeriemarkt-Kette.

Schleckers Konkurrenten dm und Rossmann hatten erst einmal das Nachsehen. Dirk Roßmann, Gründer der Drogeriekette Rossmann, berichtet: "Das tat uns natürlich auch irgendwo weh und die Luft wurde dünner. Aber der Konkurrenzkampf ist groß, aber so ist das Leben, da muss man durch und  das muss man akzeptieren."

Eine aggressive Preispolitik, spartanisch eingerichtete Läden, niedrige Kosten: Mit diesem Geschäftsmodell wurde Schlecker zum Milliardär. Doch im neuen Jahrtausend ist das bisherige Erfolgskonzept Schlecker zunehmend zum Verhängnis geworden.

Der Niedergang

Schlecker hatte zwar mehr Läden als die gesamte Konkurrenz zusammen und Schlecker lag auch beim Umsatz vorn, doch der war teuer erkauft. Denn der Umsatz pro Quadratmeter war miserabel. Schlecker lag hier weit hinter den Mitbewerbern, einige Filialen haben sogar Verluste geschrieben. Schlecker musste Läden schließen. Die Folge: seine Einkaufkonditionen haben sich verschlechtern, er wurde teurer als die Konkurrenz.

Anton Schlecker und seine Frau Christa im Landgericht in Stuttgart
Anton Schlecker und seine Frau Christa im Landgericht in Stuttgart

Vor Gericht ist jetzt die entscheidende Frage: Wann musste den Verantwortlichen und Anton Schlecker klar gewesen sein, dass dem Konzern die Zahlungsunfähigkeit drohte? Für die Anklage steht fest: Dem Konzern drohte schon ab Ende 2009 die Zahlungsunfähigkeit, also rund zwei Jahre vor der tatsächlichen Insolvenzanmeldung. 

Thomas Knierim hat bereits zahlreiche große Unternehmen in Wirtschaftsstrafprozessen vertreten. Er weiß, das Datum wird zu einer zentralen Frage werden und erläutert: "Dieser Prozess steht und fällt mit der Annahme der Staatsanwaltschaft, dass zum 31.12.2009 das Unternehmen, also der Gesamtkonzern Schlecker in einer drohenden  Zahlungsunfähigkeit gestanden hat. Weil ab diesem Zeitpunkt alle Vermögensverfügungen des späteren Insolvenzschuldners dann überprüft werden können."

Schon 2010 mehrten sich in den Filialen die Anzeichen, dass irgendetwas nicht stimmte. Damals konnte Katrin Wegener die Dinge noch nicht so recht einordnen, heute ist ihr klar: Es gab Warnsignale. Die ehemalige Schlecker-Filialleiterin berichtet: "Wenn die Ware mehrere Wochen nicht kommt und immer die gleiche Ware nicht kommt. Und es immer mehr Artikel werden, die nicht geliefert werden. Dann ist das ein Anzeichen dafür, dass irgendetwas nicht stimmt. Und wir mussten uns Ausreden einfallen lassen, damit die Kunden auch noch zurück kommen. Weil viele Kunden kamen auch wegen einem Produkt. Und wenn es dieses eine Produkt nicht gab, dann haben die kein anderes mitgenommen. Also wenn wir die Kunden verlieren oder verloren haben, dann war auch der Umsatz weg."

Wurde Vermögen verschoben?

Auch der Umsatz des Gesamtkonzerns sank rapide. Ging Anton Schlecker schon damals das Geld aus? Für die Anklage steht fest: Als der Firmenpatriarch erkannte, wie schlecht es um das das Drogerie-Imperium stand, hat er vorsorglich Vermögen  auf die Seite geschafft, mit Hilfe seiner Familie.

Lars Schlecker, der Sohn von Anton Schlecker
Lars Schlecker, der Sohn von Anton Schlecker

Ein Beispiel: Die Firma, die unter anderem die Logistik für Schlecker abgewickelt hat. Sie gehörte seinen Kindern Meike und Lars. Dieser Firma zahlte Schlecker für ihre Leistungen nicht wie branchenüblich einen Pauschalpreis, sondern einen hohen Stundenlohn von 28,50 Euro. Das sei überzogen, sagt die Staatsanwaltschaft. Und kurz vor der Insolvenz wurde der Satz sogar noch erhöht: auf 30 Euro pro Stunde.

Insgesamt habe Schlecker der Firma seiner Kinder so 16.000.000 Euro zu viel überwiesen. Zu einem Zeitpunkt, als der Konzern des Vaters längst Verluste geschrieben hat, machte das Unternehmen der Kinder überdurchschnittliche Gewinne.

Wirtschaftsstrafrechtler Thomas Knierim erläutert dazu: "Zunächst mal hat die Staatsanwaltschaft festgestellt, dass es einen ausreichenden Verdacht dafür gibt, dass überteuerte Preise vereinbart worden sind, dann kann die Staatsanwaltschaft das natürlich vorwerfen, auch im Rahmen der Anklageschrift. Und dann hat jeder Gewinn, den das begünstigte Unternehmen erzielt hat, immer einen negativen Beigeschmack."

Ob sich dieser Vorwurf halten lässt? Darüber werden die Gutachter vor Gericht sicher lange streiten. Klar ist: Anton Schlecker führte das Unternehmen als eingetragener Kaufmann. Seine Entscheidungen soll der Patriarch immer im kleinsten Kreis getroffen haben.

Nachfragen bei der Führung

Wir nehmen Kontakt zu mehreren ehemaligen Direktoren auf. Vor der Kamera möchte keiner mit uns sprechen. Viele sind immer noch loyal gegenüber ihrem einstigen Chef, anonym berichtet einer: "Herr Schlecker war einfach stur und beratungsresistent. Im Grunde haben vielleicht vier Menschen Einblick in die tatsächlichen Zahlen gehabt. Buchhaltung war nicht wirklich Anton Schleckers Kernkompetenz. Heute bin ich davon überzeugt, dass Herr Schlecker vielleicht seine eigenen Zahlen nicht verstanden hat und zu eitel war, Hilfe anzunehmen."

Als eingetragener Kaufmann war Anton Schlecker niemandem Rechenschaft schuldig. Der Insolvenzverwalter ist noch immer verwundert, wie im Konzern gearbeitet wurde.

Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz berichtet: "Das Problem bei Schlecker war, das dieses Unternehmen so sparsam geführt wurde, dass die normalen Managementinstrumente insbesondere beispielsweise eine moderne Software, eine moderne Warenwirtschaftssoftware, ein Controllinginstrument, überhaupt nicht installiert waren. Dieses Unternehmen wurde für die Größe erstaunlich händisch geführt und sparsam geführt, eben eher so auf Excel-Listen Niveau."

Zuschauer warten vor dem Saal, in dem der Schlecker-Prozess stattfindet.
Zuschauer warten vor dem Saal, in dem der Schlecker-Prozess stattfindet.

Auch die Art, wie Anton Schlecker sein Unternehmen führte, wird Thema vor Gericht werden. Und die Staatsanwaltschaft hat noch einen anderen Angriffspunkt: Großzügige Schenkungen an seine Kinder, auch noch kurz vor der Insolvenz. Beispielsweise an Tochter Meike: Ihr spendierte er eine teure Alarmanlage und zahlte auch noch die Steuer für das geschenkte Haus. Seinem Sohn Lars bezahlte er mehrere Handwerkerrechnungen. Insgesamt soll es um mehr als zwei Millionen Euro gehen.

Ein weiterer Anklagepunkt führt nach Österreich. "Plusminus" werden mehrere Kaufverträge zugespielt, mit einem pikanten Datum: 17.1.2012 und damit nur eine Woche vor der Insolvenz. Kurz vor der Pleite verkaufte eine Gesellschaft von Anton Schlecker drei Immobilien in Österreich. Die Käufer: Meike und Lars Schlecker.

Es geht um eine Lagerhalle in der Steiermark, die Schlecker-Konzernzentrale in Oberösterreich und ein weiteres Logistikzentrum in Niederösterreich. Alle stehen immer noch in einer Anton-Schlecker-Straße, darauf hatte der Patriarch einst bestanden. Die anfallenden Steuern und Notarkosten in Höhe von 322.000 Euro hätten eigentlich Lars und Meike zahlen müssen. Doch wieder soll der Vater gezahlt haben, eine Woche vor der Insolvenz. Das Geld kam ursprünglich vom Geschäftskonto.

Der Wirtschaftsstrafrechtler Thomas C. Knierim meint dazu: "Ein Vorgang, der eine Woche vor Antragsstellung stattfindet, ist grundsätzlich verdächtig und auffällig aus Sicht einer Staatsanwaltschaft. Der Beschenkte kann froh sein, dass ihm da eine zusätzliche Leistung gegeben wird, aber derjenige, der das Geld schenkt, darf nicht über Vermögen verfügen, das eigentlich zur Insolvenzmasse gehört."

Sechs Tage nach dem Verkauf der Immobilien in Österreich verkünden die Nachrichtensendungen: "Die Drogeriekette Schlecker hat offiziell Insolvenz angemeldet." Und Meike Schlecker erklärt der Presse: "Ich glaube, Sie haben mich nicht verstanden. Es ist nichts mehr da. Er hat alles in die Firma eingebracht. Wir haben die Insolvenz der Schlecker e.K. angemeldet. Das bedeutet, mein Vater haftet mit seinem ganzen Vermögen. Das bedeutet die private Insolvenz meines Vaters. Er hat alles in die Firma eingebracht. Sonst würde es diese Insolvenz nicht geben, sonst würde ich nicht hier sitzen.“

Mitarbeiter ohne Job und Perspektive

Der Vater ist pleite, doch was Meike Schlecker unterschlagen hat: Sie und ihr Bruder haben drei Tage vorher noch rund 5.000.000 Euro vom Konto ihrer Logistik-Firma auf ihre privaten Konten überwiesen. Für die Staatsanwaltschaft ist klar: Kurz vor der Insolvenz wurde Geld beiseite geschafft.

Christel Hoffmann, die ehemalige Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Drogeriemarktkette Schlecker, sitzt bei Prozessauftakt auf einem Zuschauerplatz im Landgericht.
Christel Hoffmann, die ehemalige Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Drogeriemarktkette Schlecker, sitzt bei Prozessauftakt auf einem Zuschauerplatz im Landgericht.

Den Mitarbeitern bleibt nur noch hilfloser Protest gegen die Pleite. In der Folge haben 25.000 Menschen, vor allem Frauen, den Job verloren. Ihnen und den anderen Gläubigern schuldet Schlecker noch immer geschätzt rund eine Milliarde Euro.

"Für Schlecker gilt: Zu spät wurde erkannt, dass ein massiver Wandlungsbedarf da steht, die Bereitschaft war lange Zeit nicht vorhanden und als man es schließlich erkennt, das Haus brennt, ist die Wandlungsfähigkeit gar nicht mehr gegeben, weil die finanziellen Ressourcen nicht mehr vorhanden sind",  erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Roland Alter dazu.

In dem Saal, in dem der Insolvenzverwalter ihr und den anderen Schlecker-Beschäftigten einst das Aus verkündete, hofft Katrin Wegener nun auf ein wenig Gerechtigkeit: "Eigentlich erwarte ich jetzt, dass er für das bestraft wird, was er uns angetan hat. Auch wenn wir als Mitarbeitern nie etwas davon haben werden, hoffe ich jetzt, dass es einen fairen Prozess für ihn gibt. Und er eine Strafe bekommt, was wenigstens ein bisschen Genugtuung für die Leute ist, die einmal für ihn gearbeitet haben."

Frühere Schlecker-Filiale in Penzlin
Frühere Schlecker-Filiale in Penzlin

Der Fall Schlecker: Es ist die Geschichte eines rasanten Aufstiegs und eines brutalen  Absturzes. Das Hauptziel des einstigen Drogeriekönigs dürfte sein, eine Haftstrafe zu vermeiden.

"Die Höchststrafe ist zehn Jahre Freiheitsstrafe, das bedeutet immer eine Strafe ohne Bewährung. Die Verteidigung wird auch deshalb sehr engagiert kämpfen, um eine solche Strafe zu vermeiden“, so Wirtschaftsstrafrechtler Thomas C. Knierim

Mit einer schnellen Entscheidung ist nicht zu rechnen, zumal die Anwälte alle Vorwürfe zurückweisen. Bis Oktober sind schon 26 Verhandlungstage angesetzt. Für die schwierige Suche nach der Wahrheit im Fall Schlecker.

Ein Film von Julian Gräfe