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Glyphosat: Pestizid unter Krebsverdacht

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Glyphosat: Pestizid unter Krebsverdacht | Video verfügbar bis 30.03.2017

Es ist im Bier, es ist im Brot, es ist in uns allen. Aber wie gefährlich ist das Pestizid Glyphosat? Die Weltgesundheitsorganisation warnt, es sei wahrscheinlich Krebs erregend. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bestreitet das. Und auf das Urteil dieser Behörde beruft sich die EU-Kommission, die Glyphosat für weitere 15 Jahre uneingeschränkt zulassen will.

Prof. Dr. Eberhard Greiser, Epidemiologe: "Ich halte das Verhalten des Bundesinstituts für Risikobewertung für unverantwortlich und für eine Gesundheitsgefährdung der deutschen Bevölkerung."

Professor Greiser untersucht seit fast 50 Jahren die Verbreitung von Krankheiten in der Bevölkerung. Zahlreiche Studien sehen eine erhöhte Gefahr von Lymphdrüsenkrebs bei Menschen, die regelmäßig mit glyphosathaltigen Pflanzengiften in Berührung kamen. Alle von renommierten Organisationen wie dem Nationalen Krebsinstitut der USA. Doch diese Studien wurden vom deutschen BfR als "not reliable" also "nicht zuverlässig" oder "nicht relevant" abqualifiziert.

Prof. Dr. Eberhard Greiser, Epidemiologe: "Die Hauptargumente waren, dass zum einen die Exposition, das heißt die Anwendung von Glyphosat nicht erhoben worden wäre, das Rauchen als wesentlicher Risikofaktor für alle Krebserkrankungen nicht erfragt worden wäre und dass Vorerkrankungen auch nicht berücksichtigt wurden. Und, wenn ich mir die einzelnen Studien vornehme, dann finde ich, dass alles nicht stimmt. Alles ist nach den Regeln der epidemiologischen Wissenschaft erhoben worden."

Renommierte Krebsforscher sollen ihre Probanden nicht nach dem Rauchverhalten gefragt haben? Ein Blick in die Studien beweist das Gegenteil. Als "nicht relevant" bezeichnet das BfR auch eine Untersuchung über Fehlgeburten bei Farmerinnen in Kanada. Alter und Rauchverhalten der Frauen sollen nicht erhoben worden sein. Auch hier ist das Gegenteil der Fall.

Wirklich alles im grünen Bereich?

Dazu hätten wir gerne mit der Behörde gesprochen. Aber kein Interview vor der Kamera. Auf der Webseite ist zu lesen, es seien "handelsübliche Gemische" des Pestizids untersucht worden. Deshalb sei:

Zitat: "... die Aussagekraft der Studien mit glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln (...) gering."

Im Übrigen halte man sich an festgelegte Kriterien und Verordnungen der EU.

Prof. Dr. Eberhard Greiser, Epidemiologe: "Wenn Sie behaupten, etwas ist schwarz und in Wirklichkeit ist es weiß, das ist kein Interpretationsspielraum, das ist einfach falsch. Und genau das hat das BfR gemacht. Und ich bezweifele, dass es irgendein EU-Gesetz gibt, das so etwas zulässt."

In einem offenen Brief zerreißen Wissenschaftler aus aller Welt die Analyse der deutschen Behörde in der Luft. Sie enthalte "schwerwiegende Mängel" und sei "wissenschaftlich inakzeptabel". Der BUND kritisiert, dass sich die Pestizidhersteller das Land aussuchen dürfen, dessen Behörden ihre Produkte für die gesamte EU bewerten.

Heike Moldenhauer, BUND: "Deutschland ist ja das Land der Chemieindustrie, das ist unser drittgrößter Wirtschaftszweig und die deutsche Chemieindustrie ist die größte in der EU. Und es hängt ganz viel ab vom Urteil des Bundesinstituts für Risikobewertung für die Frage, wie viele Pestizide überhaupt auf den EU-Markt gelangen dürfen."

Deutsche Behörden und die Glyphosat-Lobby

Die zweite Behörde, die bei Glyphosat eine wichtige Rolle spielt, ist das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, kurz BVL. Dem Umweltinstitut in München liegt der Mailverkehr dieses Amts mit der Lobbyorganisation "Glyphosat Task Force" aus den Jahren 2009 bis 2011 vor. Schon damals ging es um die Wiederzulassung des Pflanzengifts.

Karl Bär, Umweltinstitut München: "Die sprechen sich ab. Und zwar nicht nur darüber, welche Daten brauchen wir, wie gefährlich ist Glyphosat und wie kriegen wir am besten raus, ob Glyphosat gefährlich ist oder nicht, sondern die sprechen sich ab darüber, wie kriegen wir das hin, dass Glyphosat wieder zugelassen wird."

Zudem gab die deutsche Behörde wertvolle PR-Tipps.

Zitat: "Das Bundesamt hat der Glyphosat Task Force empfohlen, die Sache mit Tallowaminen anzugehen. In dieser weithin bekannten Angelegenheit ist es ratsam, Vorwürfen Dritter zuvorzukommen"

Tallowamine sind eine besonders umstrittene Komponente von Glyphosat-Produkten. Sie stehen im Verdacht, äußerst gesundheitsgefährdend zu sein.

Karl Bär, Umweltinstitut München: "Also, die Behörde rät den Unternehmen, die das eigentlich gar nicht vorhatten, dieses Thema mit aufzunehmen, um möglichst alle Kritik schon im Voraus ausräumen zu können. Sprich, die Behörde berät die Firma dabei, wie sie den Antrag auf Wiederzulassung von Glyphosat am besten durchkriegt."

Es sei nur darum gegangen, Verzögerungen zu vermeiden, teilt das BVL mit. Ein Interview bekommen wir nicht. Schriftlich heißt es, es gebe keine Zusammenarbeit mit der Glyphosat-Lobby, sondern nur:

Zitat: "eine Kommunikation zwischen Behörde und Antragsteller."

Wo bleibt der Verbraucherschutz?

In einer Broschüre ist das Selbstverständnis des Amtes nachzulesen. Dort steht: "Als Dienstleister spricht das BVL mit seinen Kunden. Diese Gespräche dienen dem Ziel, gute Anträge zu erhalten..." Die Kunden – das sind aber nicht die Verbraucher, sondern die Pestizidhersteller.

Heike Moldenhauer, BUND: "Wenn sich das BVL als Dienstleister der Pestizidhersteller sieht, dann heißt es ja, dass es sich eindeutig auf deren Seite positioniert, es vernachlässigt aber die Aufgabe, die es eigentlich haben sollte, nämlich Verbraucherschutz zu betreiben."

Keinen Interessenkonflikt sieht man beim Bundesamt. Alles verlaufe im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen. Ganz im Sinne des Dienstherrn. Denn Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt ist von Glyphosat überzeugt:

Schmidt im Morgenmagazin vom 25.02.2016: "Das ist etwas von Profis für Profis."

Die "Profis" haben in den vergangenen 20 Jahren den Einsatz von Glyphosat auf 6.000 Tonnen vervierfacht. Obwohl eine Krebsgefahr laut WHO wahrscheinlich ist. Und deutsche Behörden tun alles dafür, dass die Geschäfte weiter laufen.

Ein Beitrag von Jörn Kersten

Stand: 31.03.2016 14:03 Uhr

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Mi, 30.03.16 | 22:00 Uhr
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Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.