SENDETERMIN Mi, 27.01.16 | 21:45 Uhr | Das Erste

Teurer Schnee – Warum viele Skigebiete unrentabel sind

"Ich habe nicht mehr dran geglaubt und finde es umso besser, dass es jetzt passiert ist." So mancher Skifahrer atmete auf, als letzte Woche im hochsauerländischen Winterberg endlich Schnee lag.

Millionen für den Schnee

zwei Snowboarder im Sessellift
Wintersportgebiete: Wo sind Investitionen sinnvoll?

Damit die Wintersportler auch weiter optimistisch ins Hochsauerland zum Skifahren kommen, wurde zu dieser Saison erneut investiert. Rund neun Millionen Euro gingen in zwei moderne Sesselbahnen, die im letzten Sommer gebaut wurden. Außerdem wurde das Fassungsvermögen des Speicherteichs auf 35.000 Kubikmeter Wasser erweitert. Sein Wasser wird für die Schneekanonen gebraucht, die für Schneesicherheit sorgen sollen. Ohne die geht es nicht mehr, wie Tourismuschef Michael Beckmann erklärt:

"Die künstliche Beschneiung sichert heute das Wintergeschäft ab. Sie sorgt dafür, dass man in relativ kurzer Zeit, wenn die Anlagen entsprechend leistungsfähig sind, relativ schnell sicher qualitativ hochwertig beschneien kann."

Zu warm zum Beschneien

Dafür muss es aber mindestens minus vier Grad kalt sein. Nur dann lässt sich künstlicher Schnee produzieren. Das war im Dezember nicht der Fall, sodass die Schneekanonen erst im Januar zum Einsatz kommen konnten. Der Klimawandel hat wieder einmal das lukrative Weihnachtsgeschäft zunichte gemacht. Ein schwerer Schlag: "Das holt man auch in so einer Saison nicht mehr rein von den prognostizierten Zahlen", erläutert Beckmann. Auf die kommenden Wochen blickt er optimistischer: "Jetzt ist die Saison angesprungen in der letzten Woche. Wir gehen davon aus, dass wir bis Ende der Osterferien Skibetrieb anbieten können."

Schlechte Aussichten für Mittelgebirge

Das heißt: In dieser Saison kommt Winterberg bei optimalem Verlauf höchstens auf rund 80 Betriebstage. Das ist auch der Durchschnitt der vergangenen Jahre. 100 sind jedoch nötig, um ein Skigebiet rentabel betreiben zu können, sagen Experten. Vor allem auch angesichts der Kosten von etwa 500.000 Euro pro Saison für die Beschneiung. Ob sich das in Zukunft noch rechnet, bezweifeln Experten der Tourismuswirtschaft. Man müsse davon ausgehen, dass der Klimawandel die Temperaturen um mindestens zwei Grad ansteigen lassen werde. Einer von ihnen ist Prof. Jürgen Schmude, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München:

"Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass bei zwei Grad Temperaturerwärmung in Deutschland fünf Skigebiete übrig bleiben. Und da verschwinden alle Mittelgebirgsskigebiete."

Steuergelder trotz schlechter Prognose

Trotz dieser Prognose ist mit Steuergeldern in Schierke im Ostharz sogar ein ganz neues Skigebiet geplant. Bisher gibt es hier nur Langlaufloipen. In zwei Jahren aber sollen hier auch Pisten entstehen. Eine Seilbahn soll das neue Skigebiet mit dem Skigebiet am Wurmberg in Niedersachsen verbinden. 25 Millionen Euro kostet die neue Skiarena Harz. Acht Millionen Euro steuert Wernigerode bei. Dabei ist es im Durchschnitt nur an 35 Tagen kalt genug ist für Schneekanonen. Peter Gaffert, der Oberbürgermeister von Wernigerode, zu dem auch Schierke gehört, ist trotzdem dafür und will die privaten Investitionen unterstützen:

"Die Stadt wird sich hier beteiligen mit großer Unterstützung der Europäischen Union und des Landes. Da denke ich, dass man dieses Risiko vielleicht auch eingehen sollte."

Teure Piste, wachsender Konkurrenzdruck

Das Investitionsrisiko schlägt sich auch in den Skipasspreisen nieder. In Winterberg kostet der Tagespass für nur 26 Pistenkilometer mittlerweile 32 Euro und damit 23 Prozent mehr als in den letzten drei Jahren. Der Pistenkilometer ist hier inzwischen deutlich teurer als in den großen Skigebieten Österreichs. Die Konkurrenz in den österreichischen Hochalpen rüstet ebenfalls weiter auf und investiert in neue Bahnen und Beschneiung. 20 Millionen Euro will man etwa in Saalbach-Hinterglemm ausgeben. Das Skigebiet Wilder Kaiser Brixental hat gleich 51 Millionen Euro für neue Bahnen in die Hand genommen. Und 20 Millionen Euro sind es in Kitzbühel, unter anderem für eine neue Achtersesselbahn mit Premiumsesseln aus Echtleder und Sitzheizung.

Immer schneller, immer größer: Das ist nach Ansicht Dr. Robert Steigers von der Universität Innsbruck der Trend beim Wettrüsten der Skigebiete. Steiger hat mehrere Studien zur Zukunft des Wintersporttourismus angefertigt, und kommt zu folgendem Ergebnis:

"Der Konkurrenzkampf wird immer stärker in den Alpen, weil einfach die Nachfrage nicht größer wird. Wir haben bestenfalls eine stagnierende Nachfrage in den Alpen. Und das heißt: Irgendwelche Skigebiete bleiben dann letztendlich auf der Strecke."

Auf der Strecke geblieben sind in Österreich in den vergangenen Jahren schon einige kleinere Skigebiete. Zum Beispiel 2010 Kasberg mit 8 Millionen Euro Schulden. Oder das Skigebiet Innerkrems, das 2011 mit 3,4 Millionen Euro in die Schulden geraten ist. Und 2012 war der Hochkar mit 7,5 Millionen Euro verschuldet. Durch die finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand konnte in diesen Regionen zwar der Skibetrieb fortgeführt werden. Sind solche Entwicklungen trotzdem auch Warnsignale für deutsche Skigebiete? Prof. Jürgen Schmude sieht sie leider nicht auf der Gewinnerseite:

"Es wird auch Gewinner geben, sowohl, was den Klimawandel angeht, als auch, was den Skitourismus angeht. Die Gewinner liegen leider außerhalb von Deutschland."

Eine Frage der Höhe

Trotzdem wird auch in den bayrischen Skigebieten weiter investiert. 15 Millionen Euro zum Beispiel in Sudelfeld/Bayrischzell, unter anderem in eine neue Sesselbahn. Deren Start verlief allerdings etwas holprig. Bei der Eröffnung im Dezember 2014 zwar waren viele Ehrengäste da - aber kein Schnee. Auch in diesem Winter wurde es erst im Januar weiß. Doch Sudelfeld hat Schneekanonen angeschafft und Deutschlands größten Speicherteich mit 150.000 Kubikmetern Wasser gebaut. Experten sehen das kritisch. Denn das Problem auch anderer Skigebiete in Bayern ist, dass sie häufig nicht über 1.600 Meter hinausgehen. Dr. Robert Steiger erklärt, was das bedeutet:

"Der Gast hat inzwischen auch diese Höhengrenzen oder diese Höhenlagen im Kopf und denkt sich: Auf 2.000 Metern in Österreich habe ich bessere Schneeverhältnisse als auf 1.000 Metern in Bayern. Bei Tagesgästen schaut das etwas besser aus. Aber der Tagesgast lässt deutlich weniger Geld im Ort und im Skigebiet."

Erst ohne Schnee, dann ohne Gäste

Das Skigebiet Sudelfeld setzt auf Tagestouristen aus München und Rosenheim. Doch obwohl nach Wochen des Wartens endlich Schnee gefallen ist, sind die Pisten fast leer. Das ist bitter, denn auch hier ist das lukrative Weihnachtsgeschäft dem Klimawandel zum Opfer gefallen. Georg Kittenrainer, der Oberbürgermeister von Bayrischzell hält trotzdem daran fest:

"Eine Investition ist immer ein Risiko. Aber ich persönlich bin der Überzeugung, dass es das größere Risiko wäre, hier oben nicht zu investieren und das Skigebiet mittelfristig aufzugeben."

Hoffentlich ist der Oberbürgermeister künftig nicht einer der weniger Skifahrer im Sudelfeld.

Autoren: Andreas Wolter, Marco Kasch

Stand: 10.05.2016 14:00 Uhr