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Schlechte Straßen – Hohe Kosten für Speditionen

Schlechte Straßen – Hohe Kosten für Speditionen | Video verfügbar bis 08.11.2018

– Sanierungen und Brückensperrungen sorgen bei Spediteuren nicht nur für deutliche Mehrkosten – auch Zeitpläne sind schwieriger einzuhalten.
– Der Bund die Mittel für Straßenbau seit zwei Jahren erhöht um 1,2 Milliarden, rund 20 Prozent.
– Das genügt nicht, weil die Preise im Straßenbau seit 2005 um rund 40 Prozent gestiegen sind.

Eine im Moor versunkene Autobahn bei Rostock, wochenlang gesperrte Autobahnbrücken – am bekanntesten ist die Leverkusener Rheinbrücke. Sie ist seit drei Jahren Jahr für LKW gesperrt. Christian Breuer von der Spedition Breuer in Köln meint: "Das ist ein Fiasko für die gesamte Branche …."

Vom Kölner Rheinauhafen will ein LKW ins rund 15 Kilometer entfernte Bergisch Gladbach. Normalerweise würde er zur Autobahn rechts abbiegen. Doch er fährt links, quer durch Köln. Es gäbe neben der Leverkusener Brücke noch andere Rheinbrücken, direkt hier in der Stadt. Doch er fährt darunter durch. Denn auch die sind für schwere LKW gesperrt. Oliver Scheeben von der Spedition Breuer muss ganz ans andere Ende der Stadt. Er transportiert Zellulose. Die kommt per Binnenschiff nach Köln und dann per LKW zur Papierfabrik: "Früher sind wir die Tour, über die Brücken, haben wir die fünfmal geschafft, heute schaffen wir die je nach Verkehrslage zwei bis dreimal“. Wenn sein Chef, Christian Breuer, mit seinem Disponenten heute Routen planen muss, sind solche Umwege Normalität.

Der Transport vom Binnenhafen zur Papierfabrik wird 40 Prozent teurer – ein Aufpreis, den kaum ein Kunde bezahlt: "Die Kostensteigerung bedeutet, dass am Ende der komplette Binnenschiff-Transport in Frage gestellt wird, weil nachher die preiswerten Osteuropäischen LKW vom Nordseehafen die Transporte direkt zum Endempfänger hier in der Region machen. Und damit verlieren wir die." Heute fährt die Spedition den früheren Großauftrag nur noch gelegentlich. Ein Riesen-Verlust. Ähnliche Probleme quälen Spediteure in ganz Deutschland.


Schlimme Zeiten für Autofahrer

Die Rheinbrücke der A40 bei Duisburg war diesen Sommer wochenlang gesperrt, sie ist inzwischen auch für LKW wieder freigegeben. Im Unterbau wurden unzählige Risse provisorisch geschweißt. Ob das hält, bis der nun geplante Neubau fertig ist, weiß kein Mensch. 

Ähnlich sieht es bei der Fechinger Talbrücke bei Saarbrücken aus. Letztes Jahr wochenlang komplett gesperrt, dann ein halbes Jahr für LKW. Nach Notreparatur muss sie halten bis ein Neubau fertig ist. Ganz aktuell: Die A 20 bei Rostock versank im Torfboden. Mittlerweile ist sie auf sechs Kilometern komplett gesperrt. Für dortige Autofahrer besonders schlimm: Gleichzeitig mit der Not-Sperrung waren in der Umgebung sechs andere Bundestraßen ebenfalls wegen Baumaßnahmen und Sanierung gesperrt!  

Wir fragen nach beim Bundesverkehrsministerium: Wie viele Bundesfernstraßen sind aktuell wegen Baumängeln für LKW gesperrt? Wir bekommen keine Antwort.   Dann besuchen wir die auf Verkehrsdaten spezialisierte PTV Group. Sie produziert unter anderem einen Routenplaner für LKW, der von 25.000 Firmen weltweit genutzt wird. Hier weiß man, welche Strecken für LKW gesperrt sind und welche Brücken nur eingeschränkt befahrbar. Es gab schon immer Strecken, die für LKW gesperrt waren, das kann verschiedenste Gründe haben. Aber man sieht, wie viele in fünf Jahren dazu gekommen sind.

Wirtschaftliche Schäden in unbekannter Höhe

Wird nicht genügend saniert auf deutschen Straßen?
Wird nicht genügend saniert auf deutschen Straßen?

Thorsten Kunze von der PTV Group in Karlsruhe erklärt: "Von einem Anfangsstand von 2012 sind in den letzten fünf Jahren tausend Kilometer Straßensperrungen aufgrund einer Gewichtseinschränkung hinzugekommen. Noch deutlicher ist die Lage bei den Brücken. Kunze erklärt: "Wir können nicht über Brücken reden, wir müssen über Brückensegmente reden. Wir müssen über Brückensegmente reden, die zum Beispiel in verschiedenen Fahrtrichtungen benutzbar sind. Und in diesen Brückensegmenten können wir eine drastische Zunahme von knapp 800 auf ungefähr 1.300 Brückensegmente nachweisen in den Daten.“

Ein Anstieg von Brückensperrungen um mehr als dreißig Prozent – welche wirtschaftlichen Schäden dadurch bundesweit entstehen, hat noch niemand berechnet. Was allein die Sperrung der Leverkusener Brücke für LKW kostet, haben Verkehrswissenschaftler ermittelt: Pro Woche knapp zehn Millionen Euro. Zeitverlust, Lohn, mehr Maut und Dieselkosten samt Mineralölsteuer. Fast schon makaber – dadurch entstehen sogar Mehreinnahmen für den Staat. Bis die neue Ersatzbrücke fertig ist, werden Spediteure rund die Hälfte der Neubaukosten zusätzlich an Maut und Mineralölsteuer bezahlt haben.

Deutschland fällt zurück

Marode Straßen kosten die Wirtschaft Zeit und Geld.
Marode Straßen kosten die Wirtschaft Zeit und Geld.

Immerhin hat der Bund die Mittel für Straßenbau seit zwei Jahren erhöht um 1,2 Milliarden, rund 20 Prozent. Auf dem Umweg vom Kölner Hafen nach Bergisch Gladbach kommt Oliver Scheefen auch am Institut der deutschen Wirtschaft vorbei – und dessen Experten sagen, das reiche nicht. Thomas Puls, Institut der deutschen Wirtschaft, Köln meint: "Das hilft schon mal weiter, aber das reicht noch lange nicht. Denn man muss sehen, die Preise im Straßenbau sind seit 2005 um gute 40 Prozent gestiegen. Das heißt, dass die Lücke, zwischen dem, was wir ausgeben und dem, was wir brauchen immer noch weiter auseinandergeht. Das heißt wir haben zwar mehr, aber wir brauchen noch mehr."

Das Problem der maroden Straßen wird also immer größer, dabei ist es schon riesig. Das Weltwirtschaftsforum vergleicht regelmäßig die Qualität der Straßen in allen Ländern der Welt. Da lag Deutschland vor zehn Jahren noch auf einem guten vierten Platz. Heute sind wir auf Platz 15 zurückgefallen. Selbst EU-Sorgenkind Portugal hat bessere Straßen.

Ein Armutszeugnis

LKWs stehen im Stau – wegen Bauarbeiten.
LKWs stehen im Stau – wegen Bauarbeiten.

Unser LKW steht inzwischen im Stau, wegen einer Baustelle. Davon werden wir in Zukunft mehr erleben. Doch selbst wenn der Staat mehr Geld für Straßen ausgibt: Weil er Jahrzehntelang gespart hat, haben die Bauämter nicht mehr genug Personal um die neuen Projekte zu planen. Darum wird kurzfristige Ausgabensteigerung nicht reichen, weiß Puls: "Der Lebenszyklus einer Straße dauert dreißig Jahre zum Beispiel. Über diesen Zeitraum muss dann auch das notwendige Geld bereitgestellt werden damit sie gebaut und gepflegt werden kann. Und zudem bedeutet es auch, dass wir in den Ämtern und in der Bauindustrie die nötigen Kapazitäten vorhalten muss, damit die Pflege und der Erhalt dieser Strecken gewährleistet werden kann." 

Nach eineinhalb Stunden – statt früher 30 Minuten – ist der LKW am Ziel. Für den Spediteur sind das massive Mehrkosten und Umsatzeinbußen. Die Häufung solcher Probleme ist für alle Autofahrer tägliches Ärgernis – für eine Industrienation ein Armutszeugnis – und eine Riesen-Aufgabe für die Politik. Nicht in den nächsten Jahren, sondern Jahrzehnten.

Stand: 10.11.2017 13:08 Uhr

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