SENDETERMIN Mi, 26.07.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Vitamin D

Wer mit dem Hype das große Geld macht

Vitamin D | Video verfügbar bis 26.07.2018

Vitamin D das Allheilmittel? Inzwischen schlucken schätzungsweise 2 Millionen Menschen das Sonnenvitamin und das täglich – auch aus Angst vor dem Mangel. Nun stöhnen die Krankenkassen auf, vor allem bei den Bluttests. Immer mehr Menschen wollen ihren Vitamin D Spiegel kennen.

Waren es 2010 noch 1 Million Bluttest sind es 6 Jahre später 4,5 Millionen. Die Kosten betrugen im vergangenen Jahr allein 87 Millionen Euro.

Und der Hype ist längst bei den Hausärzten angekommen. Kein Tag an dem der Kassler Allgemeinmediziner Gerd Appel nicht danach gefragt wird und lange mit Patienten diskutieren muss: "Sie sind da als Hausarzt in einer Zwickmühle den Patienten gegenüber. Einerseits möchte ich den Patientenwünschen gerecht werden und das Anliegen meiner Patienten ernst nehmen. Auf der anderen Seite steht beim Vitamin D meiner Ansicht nach eine völlig ungesicherte Studienlage. Wir wissen relativ wenig trotz vieler Studien." Dr. Appel wehrt sich gegen die Vitamin D Welle. Nicht immer mit Erfolg.

Auch Marc Potoczny nimmt Vitamin D zu sich. Er glaubt, es helfe den Blutdruck zu senken. Die Information hat er im Internet gelesen, die Pillen hat er aus der Drogerie. Der Arzt kann es nicht ändern. Appel erklärt: "Der Patient mit dem Bluthochdruck hat 20 Kilo an Gewicht abgenommen, er hat deutlich mehr Sport gemacht als vorher und hat Vitamin D genommen. Jetzt zu sagen, Vitamin D habe die Blutdrucksenkung verursacht, wäre unzulässig."

Mythos Unterversorgung: Vitamine boomen

Vitamine gelten vielfach als Wundermittel: Erst E, dann C,  jetzt also D. Über 200 Präparate gibt es mittlerweile. Klar, dass sich damit richtig Geld verdienen lässt. Das zeigt der Blick auf die Apotheken:

Bei rezeptpflichtigen Pillen kletterte der Verkauf von 2,7 Millionen Packungen auf  3,7 Millionen in nur zwei Jahren. Und der Boom bei den rezeptfreien Packungen ist noch größer. Hier ging es hoch auf 7,1 Millionen. Zusammen ergibt das einen Umsatz von 179 Millionen Euro.

Eines der meist verkauften Mittel ist Vigantoletten der Firma Merck. Das Darmstädter Pharmaunternehmen ist Marktführer bei den freiverkäuflichen Vitamin-D-Präparaten. Mit solchen Werbebotschaften lockt der Hersteller Kunden: "80 Prozent der deutschen Bevölkerung haben eine Vitamin-D-Unterversorgung." Fett darunter ein Hinweis zum renommierten Robert-Koch Institut (RKI).

Für die Verbraucher eine klare Sache, wie unsere stichprobenartige Umfrage ergibt: Viele glauben, das RKI habe eine Studie gemacht oder sei zu diesem Schluss gekommen.

Wir fragen beim Robert-Koch Institut in Berlin nach und bekommen eindeutig ein Dementi:

Das RKI kommt nicht zu der Einschätzung, dass "80 Prozent der deutschen Bevölkerung eine Vitamin-D-Unterversorgung" haben.

Stattdessen verweisen sie auf ihre eigene Studie. Da kamen sie zu folgendem Ergebnis:

"Insgesamt weisen 30,2 Prozent der Erwachsenen (…) zwischen 18 und 79 Jahren  (…) eine mangelhafte Versorgung auf."

Irreführende Werbebotschaften

Wir konfrontieren Merck mit der offensichtlich irreführenden Werbebotschaft. Das Unternehmen verweist auf diese kleine Fußnote und eine Studie, da käme die Zahl her. Studienteilnehmer waren Patienten aus Arztpraxen nach der Winterzeit, der Sponsor ein Pharmaunternehmen, das damals selbst im Geschäft mit Vitamin-D-Pillen war.

Zurück zur Werbebroschüre. Auf Nachfrage erklärt Merck lapidar, sie werden nicht nachbessern: "Wir überprüfen in regelmäßigen Abständen unsere Informationsmaterialien, dies werden wir auch mit der von Ihnen angesprochenen Broschüre so halten."

Vitamin D das Wundermittel, das Internet voller Heilsversprechen. Es tummeln sich viele Experten. Ein Arzt erklärt sogar, Blinde würden wieder beginnen zu sehen. Doch was ist wirklich wissenschaftlich belegt?

Wo hilft Vitamin D tatsächlich?

"Plusminus" trifft Prof Dr. Helmut Schatz von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Der Mediziner ist Experte beim Thema Stoffwechsel. Er verfolgt seit Jahrzehnten die Diskussion. Ganz klar ist für ihn, dass Vitamin D nur hier hilft: "Eine klare Therapie mit Vitamin D ist beim Neugeborenen gegeben. Zweitens wenn man eine Darmerkrankung hat wo der Knochen erweicht, das nennt man eine Osteomalazie. Drittens: Patienten die eine Nierenerkrankung haben und die Osteoporose. Alle anderen Begründungen für eine Vitamin-D-Einnahme sind spekulativ."

Was bringen Bluttests für zuhause?

Und der neueste Hit sind Bluttests für zuhause, die um die 30 Euro kosten. Was davon zu halten ist, fragen wir den Vorstand der Laborärzte Deutschlands. Für Matthias Orth sind solche Test-Sets unseriös und nicht verlässlich: "Es ist die Frage, ob man alles was man messen kann, auch immer messen muss. Und bei Vitamin D ist sehr viel Hype dahinter. Die Werte sind nicht ganz einfach zu messen, wir sehen große Schwankungen mit verschieden Messmethoden und es besteht die Gefahr, dass man einer falschen Bestimmung oder einer falschen Interpretation eines Testes aufsitzt."

Aber solange es den Mythos der Unterversorgung gibt und die Legende vom Wundermittel Vitamin D, solange können sich Labore, Ärzte, Apotheken und die Hersteller über satte Gewinne freuen.

Autorin:  Barbara Berner

Stand: 27.07.2017 11:23 Uhr

Sendetermin

Mi, 26.07.17 | 21:45 Uhr
Das Erste

RKI: Vitamin-D-Status in Deutschland (PDF)

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.