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Betrug mit Tierschutz-Hunden

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Betrug mit Tierschutz-Hunden | Video verfügbar bis 10.11.2016

Es sind brutale Szenen, die sich nachts in Rumänien abspielen. Hundefänger machen Jagd auf Straßenhunde. Ein lukratives Geschäft. Vom Staat kassieren bis zu 50 Euro Fangprämie pro Tier. Futter bekommen die Streuner in den kommunalen Tierheimen nur selten. Viele verhungern. Ihre Kadaver werden achtlos entsorgt. Die Überlebenden werden nach zwei Wochen getötet. Unermüdlich versuchen Tierschützer, Hunde aus dieser Hölle zu retten und nach Deutschland zu bringen.

Auch Sabrina und ihr Lebensgefährte wollten helfen und einem rumänischen Welpen ein Zuhause geben: "Wir wollten ganz gerne einen Tierschutz-Hund. Wir haben dann einfach mal, ohne uns groß Gedanken zu machen, bei Facebook geschaut, ob es da nicht bedürftige Hunde gibt, denen man helfen kann. Dann sind wir auf diese Hündin gestoßen, für die wir uns letztendlich entschieden haben, dass wir sie gerne zu uns holen möchten – und dann fing eigentlich das Drama an." Wochenlang haben sie keine Informationen über den Hund erhalten. Seine Ausreise aus Rumänien wurde immer wieder verschoben. Der Hund ist nie bei ihnen angekommen. Sie sind auf eine Organisation herein gefallen, die sogar in einem deutschen Vereinsregister eingetragen ist. Die Adoptions-Kosten für ihren Welpen haben sie bis heute nicht zurück bekommen. 320 Euro sind weg.

Rund fünf  Millionen Hunde leben in Deutschland. Statistiken über die genaue Anzahl an Tierschutz-Hunden gibt es nicht - aber die Hundewiesen sind voll mit ehemaligen Streunern aus aller Herren Länder.

Transporter mit Hunden
Transporter mit Hunden

Viele Tierschutz-Vereine suchen über soziale Netzwerke wie Facebook nach Adoptanten für misshandelte Straßenhunde aus dem Ausland. Die meisten von ihnen wollen einfach nur helfen. Zunehmend tummeln sich auf dieser Plattform aber auch Betrüger. Sie nutzen die Tierliebe der Deutschen schamlos aus, um eine Vermittlungsgebühr zu kassieren. Für Hunde, die nie ankommen – und es gibt auch noch andere Methoden. Wir sind mit einem Polizisten unterwegs, der zusammen mit seinen Kollegen einen illegalen Tiertransport aus dem Verkehr gezogen hat. Auf einem Parkplatz haben sie einen bulgarischen Kastenwagen kontrolliert. Dazu Armin Hall von der Polizei in Lohr am Main: "Auf der Ladefläche befanden sich 21 Hunde, die als Tierschutz-Hunde über Facebook hier in Deutschland verkauft werden sollten. Wir konnten dann jedoch schnell fest stellen, dass diese Hunde in Hinterhöfen speziell für dieses Geschäft gezüchtet werden und es sich dabei nicht um Straßenhunde handelt."

Selbst die Vermehrer-Mafia nutzt das Mitleid mit den Straßenhunden aus. Tierrechtsanwältin Gwendolyn Marquis aus Weilheim beobachtet diese Szene seit langem: "Was mir in letzter Zeit aufgefallen ist, dass es jetzt vermehrt Fälle aus Rumänien gibt, wo Hunde über Facebook angeboten werden – mit Fotos, die von anderen Seiten geklaut worden sind. Die Hunde stehen also tatsächlich gar nicht zur Verfügung, um sie zu vermitteln. Und es werden auch Hunde angeboten, die krank sind."

Gefahr der Tollwut

Zu Besuch in einer Tierarzt-Praxis in Engelskirchen bei Köln. Hier werden immer wieder Hunde vorgestellt, die aus dem Ausland Krankheiten mitgebracht haben. Ehemalige Streuner ebenso wie illegale Hinterhof-Züchtungen. Nicht allen kann der Tierarzt noch helfen. Einige der Tiere sterben nach kurzer Zeit, weil überlebenswichtige Impfungen fehlen. Viele Impfpässe sind gefälscht. Das kann fatale Folgen haben. Tierarzt Sebastian Goßmann-Jonigkeit: "Es ist schon möglich, dass wir durch solche Schlampereien oder auch solchen Betrug die Tollwut wieder ins Land bekommen. Dann wird es auch einige Tote geben. Tollwut ist keine Kindergartenkrankheit, die ist tödlich. Zu 100 Prozent. Bei Tieren und bei Menschen."

e.V. bringt „keinerlei Seriositätsgewähr“

Sabrina und ihr Lebensgefährte sind auf einen Verein hereingefallen, der den Zusatz e.V. trägt. Wir fragen einen Münchner Rechtsanwalt, der sich auf Vereinsrecht spezialisiert hat, was seriöse Anbieter von Betrügern unterscheidet. Dazu Dr. Hans-Jörg Krämer: "Es gibt seriöse Vereine, es gibt nicht seriöse Vereine. Sie können einen e.V. für ihre ganz persönlichen Zwecke gründen. Die Tatsache, dass ein e.V. handelt, bringt keinerlei Seriositäts-Gewähr mit sich." Erschreckend: Allein auf die Tatsache, dass ein Straßenhund von einem eingetragenen deutschen Tierschutz-Verein vermittelt wird, darf man sich keinesfalls verlassen.

Gegen Ende unserer Dreharbeiten treffen wir Sabrina wieder. Sie konnte doch noch einem Straßenhund helfen. Vor der Übernahme des kleinen Luke hat sie sich aber genau über den Verein erkundigt, also Informationen über den Vorstand eingeholt und mit anderen Adoptanten gesprochen. Beim zweiten Anlauf hat Sabrina positive Erfahrungen gemacht: "Es gibt wirklich positive Organisationen und es kann gut laufen. Einfach gut informieren, dann läuft alles super und man kriegt so einen Engel, wie wir ihn jetzt haben." Weiteren Ärger will sie vermeiden und wird deshalb nicht gegen den Verein vorgehen, auf den sie hereingefallen ist. Andere haben Anzeige erstattet. Erste Ermittlungen laufen.

Bericht: Lisa Wurscher

Stefanie Fink Interview
Stefanie Fink Interview

Plusminus sprach mit Stefanie Fink, TV-Journalistin: Sie arbeitet  u. a. für den SWR. Aktuell  produziert sie einen Film mit dem Titel  „Hundeleben“ – eine Dokumentation über das Schicksal rumänischer Straßenhunde.

Straßenhunde haben ja in aller Regel ein schweres Leben. Was macht es in Rumänien besonders schlimm?

Seit das Parlament 2013 ein Tötungsgesetz verabschiedet hat, findet dort ein regelrechter Vernichtungsfeldzug gegen die Straßenhunde statt. Sie werden brutal eingefangen und  in staatliche oder kommunale Tötungsstationen gebracht.  Durch dieses Vorgehen fühlen sich zunehmend auch Privatleute ermutigt, Hunde zu quälen. Ich habe Fotos von Hunden gesehen, denen sie alle vier Pfoten abgeschnitten hatten.

Spielt auch Geld eine Rolle?

Es ist ein Millionen-Geschäft auf dem Rücken der Hunde – geprägt von Betrug, Korruption und Amtsmissbrauch. Vom Hundefänger bis hin zu Tierärzten bereichern sich viele am Leid der Tiere. Mittel zum Einschläfern zum Beispiel werden zwar abgerechnet, aber nicht eingesetzt. Stattdessen werden die Hunde erschlagen oder mit Frostschutzmittel umgebracht. Und die EU schaut zu und macht nichts dagegen.

Worauf sollten Interessenten achten, die einen Straßenhund aus Rumänien adoptieren wollen?

Was man keinesfalls machen sollte, ist, auf Aufrufe mit ganz besonders schlimmen Bildern herein zu fallen. Auch, wenn extremer Zeitdruck angegeben wird, ist Vorsicht geboten. So etwas wie „ Sofort retten. Sonst ist der Hund in zwei  Stunden  tot“.  Davon würde ich abraten.

Außerdem arbeiten deutsche Unterstützer-Vereine in der Regel mit ganz konkreten Projekten in privaten rumänischen Tierheimen zusammen und geben darüber offen Auskunft. Auch eine Orientierungshilfe.

Können Sie ganz konkret seriöse Vereine nennen?

Es gibt viele seriöse Vereine. Diese hier kenne ich persönlich und habe mir auch ihre  Tierheime in Rumänien  angesehen: Freundeskreis Bruno Pet e.V. ( www.freundeskreis-bp.de ), ProDogRomania e.V. ( www.prodogromania.de ) und Tierhilfe SternenTiere ( www.sternentiere.ch ).

Stand: 11.11.2015 22:40 Uhr