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Geheimnisvolles Leben in der Tiefe

Ein Forschungsschiff im Pazifik vor Kalifornien: Es fährt die Routen ab, die Wale bei ihren Wanderungen bevorzugen. Die Meeresbiologen interessieren sich besonders für die Gebiete der Tiefsee. Denn dort wollen sie mit Hilfe modernster Technologien etwas Außergewöhnliches erforschen: Was passiert mit Walkadavern in der Tiefsee?

Der Chef des Unternehmens: Craig Smith, Forscher an der Universität Hawaii. Vor zwanzig Jahren stellte er die These auf: Walkadaver mit ihren vielen Tonnen Fleisch müssen großen Einfluss auf die Ökologie in der Tiefe haben.

Zufallsfund in 2.000 Meter Tiefe

Das U-Boot der Wissenschaftler fand vor Jahren zufällig Reste eines zirka 50 Jahre alten Walkadavers. Die Knochen schienen völlig abgenagt, am Meeresgrund war keine organische Substanz zu entdecken. Ist der Wal einfach nur verwest oder wurde er gezielt von Tieren angesteuert und gefressen? Und wenn es dort Aasfresser gibt: Wie sehen sie aus und wie finden sie einen Kadaver in der unendlichen Weite der Tiefsee? Um diesen Fragen "auf den Grund" zu gehen versenkten die Forscher zwei gestrandete Wale vor der Küste Kaliforniens. Einen vor 18 Monaten, den anderen bereits vor sechs Jahren. Ein Tauchroboter soll nun in 2.000 Meter Tiefe zwei Walkadaver genauer untersuchen.

Eine unbekannte Welt

Auf ihrem Weg in die Tiefe liefern die Kameras des Tauchroboters Bilder von faszinierenden Kreaturen. Es wirkt wie ein Wunder, dass es unter den extremen Bedingungen hier überhaupt Leben gibt: Es herrscht ein gewaltiger Druck, die Temperaturen liegen nur zwischen zwei und vier Grad. Der Meeresboden selbst ist eine Wüste - ohne Licht und Pflanzen, die Nahrung ist knapp. Entsprechend liegen Stoffwechsel und Wachstum der Tiere auf niedrigem Niveau, sie können lange Hungerphasen überstehen.

Die Tiefsee-Wüste

Selbst einen 60 Tonnen schweren Walkadaver auf dem Meeresgrund wieder zu finden, ist schwierig. In der Sedimentwüste gibt es keine Orientierungspunkte. Aber das Team hat Glück, das Sonargerät des Tauchroboters ortet den ersten Walkadaver schon nach recht kurzer Zeit.
Auf ihm wimmelt es von Lebewesen. Ein Bild wie aus einem Gruselfilm: Der Walkadaver ist übersät von tausenden Schleimaalen. Sie haben weder Augen noch Kiefer, saugen relativ große Fleischstücke aus dem Kadaver heraus.

Wie finden diese Aasfresser ihre seltene Beute in den unendlichen Weiten des Ozeans? Craig Smith konnte das noch nicht endgültig klären: "Es gibt verschiedene Theorien: Eine geht davon aus, dass der Wal in dem Moment, wenn er auf den Meeresgrund prallt, eine Schockwelle auslöst, die die Tiere im Umkreis von mehreren hundert Kilometern anlockt. Eine wichtige Rolle spielt sicher der Geruchssinn. Der auf dem Meeresgrund verwesende Wal setzt eine Duftwolke frei, die sich mit der Strömung trichterförmig ausbreitet. Die Aasfresser, die sich irgendwo auf dem Meeresgrund aufhalten, nehmen diese Duftwolke wahr und verfolgen ihre Spur, in dem sie sie von rechts nach links durchqueren, bis sich die Spur verliert. Dann kehren sie wieder in die Duftwolke zurück, bis sie schließlich auf den Kadaver stoßen."

Vielfältige Aasfresser

Der Walkadaver lockt auch größere Räuber an. Ein Schlafhai, der nur in Tiefen unter einhundert Meter lebt, findet hier Gelegenheit, sich richtig satt zu fressen. Und noch eine Art von Aasfressern finden die Forscher, allerdings erst bei näherem Hinschauen: Es sind Millionen winziger Flohkrebse mit einer perfekten Strategie für die Tiefsee. Sie können fressen, bis sie das Dreifache ihrer normalen Größe erreicht haben. So haben sie einen Nahrungsspeicher, der bis zu zwei Jahren ausreicht.

Craig Smith vermutet, dass sie und andere Tierarten ohne Walkadaver in der Tiefe längst ausgestorben wären: "Niemand konnte sich vorstellen, dass wir auf den Walkadavern eine ganz eigenständige Fauna entdecken würden, die es nirgendwo sonst gibt. Die Verbindung zwischen den auf dem Meeresgrund lebenden Tiergemeinschaften und den Walen ahnte wirklich niemand."

Vollständige Verwertung

Wie weit die Verwertungskette tatsächlich geht, zeigen Proben eines Knochens aus dem 50 Jahre alten Skelett. Der Tauchroboter hat sie an die Oberfläche mitgebracht. Beim Zersägen im bordeigenen Labor stinkt es penetrant nach Schwefel. Schwefelbakterien zersetzen Fette und Öle, die in den Knochen gespeichert waren. Es sind Bakterien aus der Urzeit, die ihren Stoffwechsel anaerob, das heißt ohne Sauerstoff betreiben können. Vom Wal bleiben schlussendlich nur noch Mineralien zurück.

Autor: Uwe Leiterer

Stand: 11.05.2012 13:00 Uhr

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