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Tschernobyl heute - bei uns im Boden

Ein Mann misst radioaktive Strahlung
Menschen in Schutzanzügen mit Geigerzähler waren plötzlich überall unterwegs

Plötzlich ist alles Schöne und Gesunde gefährlich: die frische Luft, der Sandkasten, die grüne Wiese, die frische Milch. Ende April 1986 schwappen die ersten Meldungen über ein Reaktorunglück in Tschernobyl nach Deutschland – und binnen weniger Tage macht sich Angst breit. Messtrupps schwärmen aus, um zu untersuchen, welche und wie viele radioaktive Partikel in Deutschland angekommen sind. Das ganze Land befindet sich im Alarmzustand. Männer in Schutzanzügen schaffen es auf die Titelseiten. Überall ist Radioaktivität messbar. Die Menschen werden bombardiert mit Zahlen und Messeinheiten, mit Begriffen wie Fallout, Cäsium, Becquerel.

Der Molkezug

Ein Waggon mit Molkepulversäcken
Strahlendes Molkepulver musste "entsorgt" werden

Die Kühe sind in diesem Frühjahr schon auf den Weiden. Mit dem Grünfutter nehmen sie radioaktives Jod und Cäsium auf. In der Folge steigt auch die Belastung der Milch. Immer wieder werden extrem erhöhte Werte in der Milch gemessen. Fortan lassen die Verbraucher Frischmilch links liegen und machen sich auf die Suche nach unverstrahltem Milchpulver aus dem Jahr 1985. Große Milchmengen werden deshalb zu Käse verarbeitet. Die radioaktiven Partikel konzentrieren sich bei diesem Prozess hauptsächlich in der Molke. Pulverisiert und eingesackt füllt die strahlende Fracht später ganze Güterwaggons, die auf eine Odyssee durch Deutschland gehen. Später wird der sogenannte Molkezug nach Lingen dirigiert, wo eigens eine Dekontaminationsanlage für das Pulver gebaut wird.

Auch tonnenweise verstrahltes Gemüse wird aus dem Verkehr gezogen. Dann kommt das Chaos der Grenzwerte: Höchstens fünf bis zehn Becquerel auf einen Liter empfehlen kritische Experten, offizielle Stellen setzen die Grenzwerte bis zu hundertfach höher an. Das bundesweite Durcheinander stiftet bei Bürgern Verwirrung und bei Bauern Frust. Die Angst vor Krebs bringt nicht nur Atomkraftgegner auf die Barrikaden.

Alles unter Kontrolle

Auf einer Deutschlandkarte werden die belasteten Gebiete dargestellt
Trotz aller Beschwichtigungen: Deutschland war nach dem Unglück durch Radioaktivität belastet

Doch die zuständigen Behörden und Politiker wiegeln ab: Der bayerische Umweltminister Alfred Dick (CSU) kostet vor laufenden Kameras verstrahltes Milchpulver. Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) wendet sich mit einer Erklärung an die Bürger: "Obwohl wir über keine genauen Informationen verfügen, ist die Lage bei uns unter Kontrolle, weil wir über die Daten unserer Messstellen verfügen und sachverständige Wissenschaftler haben, die daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Nach den vorliegenden Erkenntnissen bestand und besteht keine Gefahr für uns."

Doch das radioaktive Jod bedroht die Gesundheit – vor allem von Kleinkindern. Es lagert sich in der Schilddrüse ein. Mediziner wissen: Tumoren in der Schilddrüse können auch noch Jahrzehnte später auftreten.

"Kinder sind besonders strahlensensibel", erläutert der Münchner Strahlenbiologe Edmund Lengfelder vom Otto Hug Strahleninstitut. "Je jünger ein Kind ist, umso strahlensensibler ist es. Und diese Schädigungen der Zellen, die sich vielleicht zehn, zwanzig Jahre nicht bemerkbar macht, aber dann irgendwann als Karzinom auftritt, sind in der Kinderzeit gesetzt und dort wirkungsvoller als bei den Erwachsenen."

Achtundfünfzig Mal mehr Krebs

Dr. Edmund Lengfelder
Der Arzt Edmund Langfelder

Edmund Lengfelder hat in der besonders stark betroffenen weißrussischen Region Gomel ein Schilddrüsenzentrum aufgebaut. "Beim Schilddrüsenkrebs haben wir in der Region Gomel eine Zunahme bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre um das 58-fache. Bei den Erwachsenen zwischen 19 Jahren und 65 haben wir eine Zunahme um das fünf- bis sechsfache im Vergleich zu der Zeit vor dem Super-GAU."

Doch bis heute ist erstaunlich wenig über die Spätfolgen von Tschernobyl in Deutschland bekannt, kritisiert der renommierte Strahlenbiologe. So gibt es hierzulande kein Nationales Krebsregister und keine Studie, die den Einfluss der zusätzlichen Strahlendosis auf die Krebsraten in Deutschland systematisch untersucht hat. "Wir haben ursprünglich in Bayern versucht, eine solche Untersuchung durchzuführen", sagt Edmund Lengfelder. "Wir haben da aber nicht genügend Kliniken gefunden, die zu einer Kooperation bereit waren. Dann gingen wir nach Tschechien. Die Untersuchung dort hat ergeben, dass der Schilddrüsenkrebs nach Tschernobyl hoch signifikant zugenommen hat."

Dabei war Tschechien keineswegs stärker belastet als Bayern, im Gegenteil. Die radioaktive Wolke aus der Ukraine wurde von wechselnden Winden über ganz Europa verteilt. Auch über Zentraleuropa und dem größten Teil Deutschlands schwebten radioaktive Partikel. Doch die Messwerte am Boden sind ganz unterschiedlich: Bayern war und ist eine der am stärksten betroffenen Regionen in Mitteleuropa, da es dort damals teilweise stark regnete. Deshalb wurden hier mehr radioaktive Teilchen aus der Wolke ausgewaschen als in anderen Regionen. Die Schlussfolgerung ist für Edmund Lengfelder klar: "Nachdem wir in Bayern viel mehr radioaktives Jod abbekommen haben, als nach Tschechien rüber kam, bedeutet das, dass in Bayern noch deutlich mehr Schilddrüsenkrebse zu erwarten sind."

Tschernobyl – noch nicht gegessen

Ein aufgeschnittener Hirschtrüffel
Hirschtrüffel sind heute noch stark belastet

Auch heute, 25 Jahre später, strahlt der Fallout aus Tschernobyl noch immer in bayrischen Wäldern. Inzwischen sind das kaum noch kurzlebige Jod-Isotope – die sind längst zerfallen. Doch gut die Hälfte des radioaktiven Cäsiums 137 ist noch da, denn dessen Halbwertszeit beträgt 30 Jahre.

Den Kreislauf vom Gras in die Kuh und von der Kuh in die Milch gibt es heute nicht mehr, denn in landwirtschaftlich genutzten Böden sind die radioaktiven Teilchen kaum mehr nachzuweisen. Sie sind entweder in tiefere Schichten abgesunken oder fest durch Tonminerale gebunden. Anders in der Humusschicht der Wälder. Da diese nicht bearbeitet wird, werden die Teilchen auch nicht in tiefere Schichten verlagert. In dem sauren Milieu kann sich das Cäsium gut nahe der Oberfläche halten.

"Radioaktiv belastet ist eigentlich alles, was aus den Wäldern kommt", sagt Christina Hacker vom Umweltinstitut München, etwa Pilze, Waldbeeren und Wildfleisch. Das weitreichende Wurzelgeflecht der Pilze befindet sich genau in der betroffenen Schicht. Kein Wunder also, dass sich in Pilzen die höchsten Strahlungswerte aller Lebensmittel finden. Besonders stark belastet sind unterirdische Pilze, wie etwa Hirschtrüffel.

Strahlende Schweine

Eine Horde Wildschweine
Wildschweine in Bayern müssen noch immer auf Strahlung untersucht werden

Eben die stehen auf dem Speiseplan von Wildschweinen ganz oben. Daher ist in radioaktiv belasteten Regionen Bayerns, also in Landkreisen wie Augsburg, Garmisch-Partenkirchen und Berchtesgaden, teilweise jedes zweite geschossene Tier so stark radioaktiv belastet, dass es nicht verkauft werden darf. Jäger untersuchen in diesen Gebieten erlegte Schweine in zertifizierten Messstellen. Der Grenzwert der EU für die Cäsium-Gesamtbelastung in Lebensmitteln liegt bei 600 Becquerel pro Kilogramm. Doch manche Wildschweine in Deutschland strahlen zehnmal so stark und sind damit ein klarer Fall für die Tierkörperbeseitigung. Und das 25 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl.

Autor: Güven Purtul (NDR)

Stand: 20.11.2014 11:14 Uhr

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So, 10.04.11 | 17:03 Uhr