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Diebische Delfine

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Diebische Delfine | Video verfügbar bis 16.02.2018
Ein Wissenschaftler fotografiert zwei Delfine
Bruno Diaz fotografiert die Rückenflossen der Delfine.

Delfine gelten als intelligente Meeresbewohner mit erstaunlichen Fähigkeiten. Sie passen ihre Strategien dem Lebensraum an. Je nach Region können sie völlig unterschiedliche Jagd-Methoden anwenden. In Sardinien vor der Stadt Golfo Aranci hat sich eine Gruppe der Meeressäuger darauf spezialisiert, Fische aus den Netzen eine Fischfarm zu stehlen. Der Meeresbiologe Bruno Diaz nutzt diese einzigartige Lage der Farm. Denn anders als die meisten Fischfarmen ist diese nur ein paar Hundert Meter vom Ufer entfernt und für den Biologen leicht zu erreichen. Mit der sogenannten Foto-Identifikation will Bruno Diaz herausfinden, wann welche Tiere an die Netze kommen. Die Rückenflosse jedes Tieres ist einzigartig und damit ein sehr gutes Erkennungsmerkmal.

Die Sprache der Delfine

Ein Weibchen mit ihrem einjährigen Kalb
Warum bringt die Mutter ihr einjähriges Kalb zur Fischfarm?

Im Mittelpunkt seines Interesses: Eine Mutter mit ihrem fast einjährigem Kalb - sie sind Stammgäste an der Farm. Um herauszufinden, warum die Mutter ihr Junges der ständigen Gefahr zwischen Netzen und Seilen aussetzt, arbeitet der Meeresbiologe mit einem Unterwassermikrofon. Große Tümmler kommunizieren wie alle Wal- und Delphinarten mit unterschiedlichen Lauten und Geräuschen. Teilweise sind diese hochfrequenten Töne vom Menschen nicht hörbar, aber beim Tauchen auf der Haut spürbar.

Bruno Diaz studiert die "Sprache der Delfine". Mutter und Kalb kommunizieren sehr vielfältig. Wenige Monate nach seiner Geburt lernt der kleine Delfin einen einzigartigen Pfeifton. Er ist sehr wichtig für das Individuum in der Gruppe - wie ein akustischer Fingerabdruck, der sich über ein ganzes Delfinleben nicht verändert - das Erkennungszeichen untereinander schlechthin. Die Mutter kann ihn gezielt rufen. Sie bleiben immer in Kontakt, sagt Bruno Diaz.

Die Tiere verständigen sich nicht nur über Töne. Im Kopf sitzt ein Organ, die sogenannte Melone. Damit sendet der Delfin Ultraschallwellen aus, die von Objekten im Wasser reflektiert werden. Das sehr feine Gehör der Tiere ermöglicht dann eine ganz genaue Ortung. Mit dieser Echo-Ortung können Delfine die Umwelt sogar räumlich erkennen und das auch in trübem Wasser. Experten bezeichnen diese hochfrequenten Schallimpulse als Clicks. Werden diese Clicks von irgendetwas reflektiert, etwa von einem Fisch, fangen die Delfine die Echos auf und können daraus Informationen extrahieren. Die Echo-Ortung dient hauptsächlich zur Nahrungssuche. Aber auch sonst sind Delfine ständig damit beschäftigt, ihre Umgebung zu scannen. Deswegen verfangen sie sich nicht in den Netzen und Seilen der Fischfarm, erläutert Bruno Diaz.

Im Umkreis von einem Meter kann ein Delfin auch Dinge, die sich bewegen, bis auf einen Zentimeter genau orten. Die Intensität die Kommunikation zwischen Mutter und Kalb hat Bruno überrascht. Die beiden verständigen sich nicht nur mit unzähligen Tonfolgen und den sogenannte Clicks. Man kann sagen Mutter, Kalb und der Rest der Familie "berühren" sich unsichtbar für uns Menschen über Echo-Ortung. Es ist eine faszinierende Kommunikation, die sogar Emotionen der Tiere transportiert, so Bruno Diaz. Zusätzlich zu diesem komplexen Sprachsystem tauschen Mutter und Kalb ständig Berührungen aus, um sich ihrer Zugehörigkeit zu versichern.

Sesshafte Delfine

Ein neugieriger Großer Tümmler
Über ein Dutzend Tiere sind in der Region sesshaft geworden.

Natürlich weiß Bruno Diaz, warum die Delfine zur Fischfarm kommen: Durch die Maschen rieselndes Futter lockt viele Fische aus dem offenen Meer an. Aber nur im Sommer sind diese Schwärme um die Netze die Nahrungsgrundlage der Delfine. Im Winter verschwinden die Fische in tiefere Wasserschichten. Aber nicht die Delfine. Mit Tausenden Rückenflossenfotos hat der 41-Jährige genau dokumentiert, dass etwa 15 Tiere rund um die Farm sesshaft geworden sind. Sie haben das typische Wanderverhalten ihrer Art aufgegeben.

Doch warum bleiben die Delphine auch im Winter, wenn die Fischschwärme jenseits der Netze verschwinden? Um dieses Rätsel zu lösen, hat sich Bruno entschlossen, die Tiere unter Wasser zu beobachten. Dort stößt der Biologe immer wieder auf Löcher in den Netzen. Lauern hier die Delfine im Winter den Zuchtfischen auf, wenn diese versuchen, aus den Netzen zu entkommen? Als Bruno tiefer geht: die Überraschung. Zum ersten Mal kann er beobachten, wie sich ein Delfin direkt am Netz zu schaffen macht. Aber das Tier verschwindet sofort, als sich der Taucher nähert. Doch nur ein paar Meter weiter ist die Mutter wieder am Netz aktiv. Das Kalb beobachtet sie genau. Und Bruno spürt die "Clicks", die Echolotsignale auf der Haut, mit denen Mutter und ihr Junges kommunizieren.

Lernen durch Nachahmung

Jetzt ist sich der Meeresbiologe sicher. Die Mutter bringt ihrem Nachwuchs bei, das Netz zu öffnen, um tote Fische heraus zu angeln oder den Zuchtfischen einen Ausgang in die Freiheit zu ermöglichen. Weil diese Fähigkeit weitergegeben wird, kann eine ganze Gruppe großer Tümmler im inzwischen völlig überfischten Mittelmeer auf engstem Raum überleben. Seit dieser Beobachtung unterstützt Bruno die Besitzer der Fischfarm mit seinem Wissen auch in Fischzuchtfragen, Fütterung und Haltung. Er bietet sein Fachwissen kostenlos an - als Lohn will er erreichen, dass die Delfine akzeptiert werden. Er will verhindern, dass die Menschen die Delfine als Konkurrenten betrachten. Und bis heute hat er es geschafft, dass die Delfine vor Golfo Aranci nicht vertrieben werden.

Autor: Florian Guthknecht (BR)

Stand: 20.06.2013 16:33 Uhr