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Kampf gegen den Grauen Star

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Kampf gegen den Grauen Star | Video verfügbar bis 13.04.2018
Eine alte Frau mit einer getrübten Linse
Der Graue Star tritt in Nepal 20 mal häufiger auf, als in westlichen Ländern.

In abgelegenen und armen Regionen der Welt blind zu sein, hat für die Betroffenen ein dramatische Auswirkungen. Das hat der nepalesische Augenchirurg Dr. Sanduk Ruit schon als junger Arzt erkannt. Seit über 20 Jahren setzt er sich als Co-Direktor des Tilganga Institute of Ophthalmology in Kathmandu dafür ein, medizinische Versorgung auch in den schwer zugänglichen Bergregionen Nepals zu ermöglichen. In den kleinen Bergdörfern des Himalayas sind Erblindete auf die Hilfe ihrer Familienmitglieder angewiesen. Den ums Überleben kämpfenden Familie sind sie fast immer eine Last, da sie nicht für sich selbst sorgen und zum Unterhalt nichts beitragen können. Der Teufelskreis aus dieser "Nutzlosigkeit” und der damit einhergehenden Verarmung hat für das zweitärmste Land der Welt fatale Folgen. Für Dr. Ruit ist die Heilung von reversiblen Augenkrankheiten in Entwicklungsländern deshalb ein notwendiger Schritt, um den Kampf gegen die Armut zu gewinnen: "Erst wenn die Menschen ihr Augenlicht wieder erlangen, können sie ein menschenwürdiges Leben im Dorf führen - das Opferdasein hat dann ein Ende."

Der Graue Star trifft sogar Kinder

Dr. Ruit vor Gebirgskulisse
Der nepalesische Augenchirurg Dr. Sanduk Ruit, unterwegs in seiner Heimatregion.

Der Graue Star bezeichnet eine Trübung der Augenlinse. In armen Ländern wie Nepal - und ebenso in anderen Entwicklungsländern in Asien, Lateinamerika und Afrika - ist der Graue Star die Hauptursache für Blindheit. Sie tritt dort 20 Mal häufiger auf als in der westlichen Welt. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich, aber hauptsächlich die Mangelernährung und die erhöhte UV-Strahlung im Hochgebirge führen dazu, dass auch Jüngere betroffen sind. Oft kommen sogar schon Kinder mit dem Grauen Star auf die Welt, wenn die Mutter einer Mangelernährung ausgesetzt war oder bestimmte Krankheiten während der Schwangerschaft erlitt.

Eine halbe Million Menschen operiert

Mann in blauem Schutzanzug sitzt am Mikroskop
Die künstlichen Linsen werden in Kathmandu gefertigt.

Anfangs erklärten viele Mediziner Sanduk Ruit für verrückt, eine Augenoperation in improvisierten Camps mitten in den Bergen zu machen. Zudem waren die Kosten der Implantatlinsen im Westen sehr teuer und kaum erschwinglich. So entschloss er sich, zusammen mit seinem ehemaligen Partner Fred Hollows, die Linsen in Kathmandu selbst zu produzieren. Das war der entscheidende Schritt für die Kostenreduzierung. Denn in der westlichen Welt kosten die einzelnen Eingriffe normalerweise zwischen 1.000 bis 4.000 Euro. Die Augen-OP von Dr. Ruit und seinem Team kostet seitdem sie in Kathmandu produzieren umgerechnet 20 Euro pro Auge. Der Eingriff dauert nur wenige Minuten. Seine Organisation "The Himalayan Cataract Project" hat weltweit inzwischen eine halbe Million Patienten operiert, kostengünstig und nach westlichem Standard.

OP in Schulen oder anderen Gebäuden

Eine Menschenkarawane zieht durchs Gebirge.
Das Ärzteteam und Träger auf dem Weg zum Operations-Camp

Die Operations-Reise führt Sanduk Ruit auch in sein Heimatdorf in die Berge des Himalaya, nahe der tibetischen Grenze. Hier ist er aufgewachsen und musste erleben, wie seine ältere Schwester im Alter von 14 Jahren an Tuberkulose starb. Ein einschneidendes Erlebnis für den Jungen, der sich damals entschied, Medizin zu studieren und Arzt zu werden. Heute wird das Ärzteteam im Dorf feierlich empfangen. Die Einrichtung eines Operations-Camps erfordert bis zu 12 Monate Vorbereitung und Recherche. Vor allem die enge Kooperation mit der Bevölkerung vor Ort ist für einen guten Verlauf der Operationen notwendig.

Patienten kommen von überall aus den Bergen her, um sich untersuchen und gegebenenfalls operieren zu lassen. Oftmals überwinden sie halsbrecherische, tagelange Fußmärsche, um das Dorf zu erreichen. Nicht selten tragen Familienangehörige ihre blinden Verwandten auf ihren Schultern. Schulen oder andere öffentliche Gebäude werden oft mit großer Improvisationskunst in Operationsräume verwandelt. Ist alles fertig, operieren die Ärzte in zwei Tagen über 100 Patienten.

Ein neues Leben

Ein Mädchen mit Verbänden im Gesicht lächelt in die Kamera.
Die achtjährige Sangeeta kann zum ersten Mal im Leben richtig sehen.

Die achtjährige Sangeeta leidet seit ihrer Geburt am Grauen Star, da ihre Mutter während der Schwangerschaft an einer Infektion erkrankte. Sie lächelte nach der Augen-OP das erste Mal wieder seit langer Zeit, erzählt ihre Mutter. Für Sangeeta ist es eine große Freude, sehen und mit den anderen Kindern spielen zu können. Für blinde Kinder gibt es in den Bergen keine speziellen Schulen, so ist die Ausgrenzung ein oft unvermeidbares Schicksal. Nun, nach der Operation, kann für sie ein neues Leben beginnen.

Autor: Stefano Levi (WDR)

Stand: 30.09.2013 10:51 Uhr