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Wie gut verstehen Hunde uns wirklich?

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Wie gut verstehen Hunde uns wirklich? | Video verfügbar bis 01.12.2018

Der beste Freund

Border Collie "Q"
Boarder Collie "Q" - Kandidat bei der Hundestudie

Kein anderes Tier lebt so lange mit dem Menschen zusammen wie der Hund. Manche Experten glauben, dass sich uns Hunde bereits vor 30.000 Jahren anschlossen haben. Rinder, Schweine, selbst Katzen sind erst sehr viel später zu Haustieren geworden. Das heißt: Hund und Mensch haben eine wirklich ganz spezielle Beziehung. Jeder Hundehalter weiß das, jeder tauscht besondere Signale mit seinem Vierbeiner aus, kommuniziert mit ihm auf seine Weise. Doch lässt sich die Alltagserfahrung wissenschaftlich belegen? Hat die lange Geschichte vielleicht sogar Spuren im Erbgut der Hunde hinterlassen, so dass sie uns besser verstehen können und anders reagieren als andere Tiere?

Das Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erforscht diese Frage. Dazu arbeiten die Wissenschaftler mit ganz normalen Hunden und deren Besitzern zusammen. Jeder, der ein wenig mehr über seinen Vierbeiner erfahren möchte, kann sich zu den Studien anmelden - so wie Sarah Nagel mit Promenadenmischung Yara und Lisa Heynigs mit Border Collie "Q". Die Hunde haben großen Spaß an der Sache, Neugier und Spieltrieb werden befriedigt und zur Belohnung gibt es Leckerli.

Der magische Becher

Eine Frau zeigt auf einen Gegenstand, ein Hund schaut zu
Hunde verstehen menschliche Gesten.

In einer ersten Studie geht es darum herauszufinden, ob Hunde menschliche Gesten richtig deuten können. Versuchsleiterin Marie Nitzschner versteckt in einem von zwei Bechern einen Hundekuchen - Hündin Yara kann nicht sehen, in welchem von beiden. Nun deutet Marie Nitzschner auf den gefüllten Behälter - Yara wählt immer genau das Gefäß, auf das die Wissenschaftlerin zeigt. Erlernen Hunde menschliche Gesten im Zusammenleben mit ihrem Besitzer? Oder hat die gemeinsame Evolution mit dem Menschen sie so geprägt, dass dieses Verhalten  bereits in ihnen angelegt ist? Um das zu überprüfen, testen die Forscher des Max-Planck-Instituts auch ganz junge Welpen. Und tatsächlich: Schon Hundebabys von vier bis sechs Wochen verstehen die zeigende Geste. Besonders interessant sind diese Ergebnisse, wenn man sie mit Reaktionen anderer intelligenter Tiere vergleicht.

Die Signale der Menschen sind Affen egal

Ein junger Schimpanse
Schimpansen reagieren nicht auf menschliche Gesten.

Die gleichen Tests wurden in Leipzig mit Schimpansen gemacht. Dabei stellte sich heraus: Was Menschen signalisieren, ist Primaten vollkommen egal. Sie verstehen keine Gesten. Für das Überleben in der Wildnis war der Kontakt zwischen Affe und Mensch total unwichtig. Schimpansen interessieren sich einzig und allein dafür, was andere Schimpansen ausdrücken. Und natürlich zeigen sie einander auch kein Futter - sie fressen es selbst. Noch spannender ist die Tatsache, dass auch Wölfe, die engsten Verwandten der Hunde, Gebärden nicht verstehen können. Für die Wissenschaftler ein starker Hinweis, dass sich die Kommunikation zwischen Mensch und Hund tatsächlich in Laufe der gemeinsamen Geschichte biologisch entwickelt hat. Etwa indem bei der Züchtung oft solche Hunde ausgewählt wurden, die besonders gut auf menschliche Signale reagierten. Ob und wie sich das Erbmaterial dabei verändert hat, muss naturwissenschaftlich untersucht werden - ein sehr aufwändiges Verfahren, das noch aussteht.   

Ich sehe was, was du nicht siehst

Der Hund "Q" holt den richtigen Gegenstand
"Q" weiß, was der Mensch sieht - und was nicht.

Wie stark diese Prägung ist, zeigt sehr eindrucksvoll ein weiterer Test. Er soll Aufschluss darüber geben, ob Hunde sich in die menschliche Perspektive hineindenken können. Border Collie "Q" sitzt vor zwei Trennwänden, eine durchsichtig, die andere nicht. In seinem Blick: Zwei Spielzeuge - vor jeder Wand eins. Marie Nitzschner steht hinter den Trennwänden und kann deshalb nur das Spielzeug hinter der durchsichtigen Trennwand sehen. Wenn die Testleiterin den Hund auffordert: "Brings her!", bringt er ihr immer nur das Spielzeug, das sie auch sehen kann. Den Beweis dafür, dass das bewußt geschieht, zeigt die Gegenprobe. Dreht sich die Wissenschaftlerin um, mit den Rücken zu den Trennwänden und zum Hund - sieht also beide Spielzeuge nicht mehr, bringt "Q" beide gleich oft. Die Studie belegt, dass Hunde einen Perspektivwechsel vollziehen können, sich also quasi in die Sichtweise des Menschen hineinversetzen können. Hund und Mensch, das ist eine besondere Beziehung.

Autorin: Tamara Spitzing (SWR)

Zusatzinfo: Gegenproben
Verhaltenstests mit Tieren werden immer so gestaltet, dass eine Gegenprobe das Ergebnis nochmals belegt. So können die Wissenschaftler sicher sein, dass die Tiere nicht durch die ungewohnte Umgebung oder Stress anders reagiert haben als normal.

Lesetipps
Der kluge Hund - Wie Sie ihn verstehen können
Juliane Kaminski, Juliane Bräuer
Rororo Verlag, 217 Seiten

Stand: 27.11.2014 14:58 Uhr