SENDETERMIN So, 09.06.13 | 17:00 Uhr | Das Erste

Comeback der Kohlekraftwerke

PlayWissen
Comeback der Kohlekraftwerke | Video verfügbar bis 08.06.2018
Kohlekraftwerk
15 neue Kohlekraftwerke sind zurzeit in Deutschland in Bau.

Energiewende, das klingt irgendwie nach Ökostrom statt Atomkraft. Sehr langfristig mag dieses Ziel realistisch sein. In den nächsten Jahrzehnten aber können die regenerativen Energien die sogenannte Grundlast der Stromversorgung nicht sicherstellen. Dafür sind sie zu unstet und (noch) zu ineffektiv. Die nach und nach abzuschaltenden Atomkraftwerke werden vor allem durch neue Kohlekraftwerke ersetzt. In Deutschland sind derzeit 15 im Bau. Eines davon: Das Steinkohlekraftwerk im Hamburger Hafenstadtteil Moorburg - mitten in einer Großstadt. Die Kohle feiert also ein Comeback, und das obwohl eine neue Studie der Universität Stuttgart im Auftrag von Greenpeace ermittelt hat, dass jährlich über 3.000 Menschen wegen der Luftverschmutzung aus Kohlekraftwerken frühzeitig sterben.

Durch den Kühlturm hoch hinaus

Ein Kohlekraftwerk
Die Abgase der Kohlekraftwerke enthalten viele Schadstoffe

Das bei der Verbrennung entstehende Rauchgas wird über Schlote oder bei neueren Kraftwerken über die Kühltürme in die Luft entsorgt. Trotz vorheriger Reinigung enthalten die Abgase noch viele Schadstoffe. Neben großen Mengen Feinstaub zum Beispiel giftige Schwermetalle wie Quecksilber, Blei und Cadmium. Gerade durch den Wasserdampf der Kühltürme werden die Schadstoffe in große Höhen transportiert und gehen deshalb in einem Umkreis von ca. 50 Kilometer nieder. Das gefährdet zwar die Gesundheit der Bevölkerung, ist aber legal: Die Emission liegt unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte. Die sind allerdings vier Mal so hoch wie die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierten Richtwerte. Die Ärztin und Kohlekraftkritikerin Dr. Julia Büthe rechnet daher wegen der neuen Kohlekraftwerke mit "einer höheren Anzahl von Atemwegserkrankungen, Herz- Kreislauferkrankungen, Krebserkrankungen und auch Entwicklungsstörungen bei Kindern".

Es geht mal wieder nur um Kohle

Auch die besonders umweltbelastenden Braunkohlekraftwerke Deutschlands stehen weiter unter Volldampf. Allen Klimaschutzzielen zum Trotz werden sie sogar noch ausgebaut. Um fünf Prozent wuchs der Kohleverbrauch allein im letzten Jahr, Tendenz weiter steigend. Und die Luftverschmutzung durch Kohleverbrennung wird immer billiger. Der Wert der ursprünglich zur Reduktion des Klimagases gedachten CO2-Zertifikate ist ins Bodenlose gefallen. Das Recht, eine Tonne CO2 in die Luft zu blasen, kostet mittlerweile nicht mehr als eine Tiefkühlpizza. Die Stromkonzerne sehen wegen des deutschen Atomausstiegs keine Alternative zur Nutzung "fossiler" Brennstoffe. Nur die könnten angesichts der Launen von Wind und Sonne eine stabile Stromversorgung garantieren. Gemeint ist damit vor allem Kohle, denn die ist am billigsten. Deutschland ist mit 185 Millionen Tonnen ohnehin schon Weltmeister im Braunkohleabbau. In Europa ist die Bundesrepublik der größte Stromerzeuger aus Kohle. Und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Denn obwohl das Erneuerbare-Energien-Gesetz einen Vorrang bei der Einspeisung von Sonne und Windkraft vorsieht, gehen immer neue Kohlekraftwerke ans Netz. Mindestlaufzeit: 40 Jahre.

Schmutzige Kohle aus Deutschland

Eine Braunkohle-Tagebauhalde
Der Braunkohle-Tagebau belastet die Umwelt mit Kohlenstaub.

Am billigsten ist Strom aus Braunkohle. Die wird im Tagebau gewonnen. Das Verfahren zerstört nicht nur großflächig die Landschaft, sondern belastet auch die Umwelt mit gesundheitsschädlichem Kohlenstaub. Der Steinkohleabbau findet in Deutschland hingegen untertage statt. Dort lassen sich die Umweltrisiken besser kontrollieren, denn der Feinstaub und aus den Kohleflözen entweichende Gase werden dabei abgesaugt. Doch diese Methode ist viel aufwendiger als ein Tagebau und rechnet sich nicht ohne Subventionen. Die müssen aber nach EU-Beschluss 2018 gestrichen werden. Die Folge: Der Steinkohleabbau wird in Deutschland eingestellt.

Noch schmutzigere Kohle aus Kolumbien

In Zukunft muss die Bundesrepublik daher ihren gesamten Steinkohlebedarf importieren. Zu den wichtigsten Lieferanten zählt Kolumbien. Dort wird die Steinkohle im Tagebau gefördert und die Umweltauflagen sind wesentlich geringer als in Europa. In den Minen der Region la Guajira werden jeden Tag Sprengungen durchgeführt, um so oberirdisch und damit kostengünstig an die Steinkohle heranzukommen. Doch der Tagebau macht die Menschen krank. Die Hospitäler sind überlaufen mit Menschen, die unter Staublungen und anderen Atemwegserkrankungen leiden. Für den Arzt Dr. Juan Carlos Marenco vom örtlichen Krankenhaus La Loma ist der direkte Zusammenhang zur Steinkohlemine offensichtlich. Bis zu 600 Patienten pro Monat werden hier behandelt, vor allem Kinder.

Lückenhafte Klimabilanz der Kohle

In den Minen verschmutzt nicht nur der Staub die Luft. In der Kohle stecken auch große Mengen Methangas. Im kolumbianischen Tagebau gelangen sie ungehindert in die Atmosphäre. Auch Methan ist ein Treibhausgas und es ist 23 Mal so "wirksam” wie CO2, also ein echter Klimakiller. Es ist zudem leicht entzündlich und daher Hauptursache der in der Mine häufig auftretende Kohlebrände. So verschmutzt kolumbianische Steinkohle die Luft schon, bevor sie das Exportziel Europa überhaupt erreicht. Doch all das wird in der Klimabilanz der Kohle überhaupt nicht berechnet. Der Geologe Prof. Dr. Ralf Littke von der RWTH Aachen kritisiert, dass "wenn wir die Kohle aus Ländern beziehen, die eine schlechtere Absaugung des Gases aus der Kohle betreiben als das in unseren Bergwerken bisher der Fall ist, dann tragen wir zu einer Verschlechterung der weltweiten Klimabilanz bei".

Wie schmutzige Kohle umweltfreundlich gerechnet wird

Hierzulande fließen nur die Kohlendioxid-Emissionen aus den Kohlekraftwerken in die Klimabilanz ein. Das CO2 soll künftig aus den Abgasen herausgefiltert, unter hohem Druck verflüssigt und schließlich in unterirdische Lagerstätten gepresst werden. Doch diese sogenannte CCS-Methode (carbon capture and storage) ist hoch umstritten und noch nicht praxisreif. Selbst wenn sie funktionieren sollte, sie hat einen entscheidenden Haken. Sie ist extrem energieintensiv. Für den "CO2-neutralen" Betrieb von drei Kohlekraftwerken würde die Energie eines zusätzlichen Kraftwerks benötigt, um die Technologie anwenden zu können. Das würde den Kohleverbrauch in Deutschland weiter steigern. Besser würde die Luft davon sicher nicht.

Autoren: Inge Altenmeier, Steffen Weber

Stand: 26.02.2014 10:04 Uhr