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Immuntherapie: Neue Hoffnung bei Krebs

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Immuntherapie: Neue Hoffnung bei Krebs 2 | Video verfügbar bis 23.01.2020
Blutabnahme bei einer Patientin.
Die Krebspatienten werden regelmäßig untersucht.

Der Weg durch den Irrgarten der Tübinger Uniklinik ist für Laura K. Routine. Seit einem Jahr nimmt die 28-Jährige an einer Studie teil: eine neue Immuntherapie gegen das maligne Melanom - den oft tödlichen schwarzen Hautkrebs. Laura K. hat kleinere Metastasen im Körper. Es stehen wieder CT-Untersuchungen an. Bleibt der Tumor stabil, schrumpft er gar?

Gleichzeitig im OP-Bereich des Hautkrebszentrums: Hier wartet Jan B. auf einen Eingriff. Dem 49-Jährigen wird eines seiner Hautmelanome entfernt, um es zu untersuchen: Jan B. kämpft seit zehn Jahren gegen den schwarzen Hautkrebs, hat etliche Therapien hinter sich. Mit einem unscheinbaren Melanom am Rücken fing es an. Fünf Jahre nachdem es entfernt wurde kam die Diagnose: Der Krebs hat Metastasen im Körper gebildet. "Es war am Anfang so was Ungläubiges", erinnert sich Jan B. "dass ich gedacht habe, das ist doch sicher ein Irrtum gewesen."

Nach einem Härtefallantrag wird er nun auch mit dem Wirkstoff der neuen Therapie behandelt. Zum vierten Mal bekommt er nun eine Infusion mit Antikörpern, die gezielt seine Immunabwehr gegen den Krebs stimulieren sollen. Jan B. hat schon eine solche Therapie mit einem anderen Wirkstoff hinter sich - ohne Erfolg. Dann hörte er von der neuen Behandlung mit dem PD-1-Antikörper. Ein neuer Ansatz, eine neue Chance.

Den Tumor in Schach halten

Infusion mit Antikörpern
Mit der Immuntherapie soll die Erkrankung in eine chronische Phase übergehen.

Dr. Thomas Eigentler, Koordinator des Tübinger Hautkrebszentrums, betreut die Patienten der PD1-Immuntherapie. Die wirkt, so erste Studienergebnissen, zielgenauer gegen die Tumorzellen, bei geringeren Nebenwirkungen: "Früher, bei der Chemotherapie", so Eigentler, "war das primäre Ziel, den Tumor zurückzudrängen, sodass er kleiner wird oder ganz verschwindet. Da hat sich inzwischen aber etwas geändert: Wir versuchen heute, die Erkrankung mehr in eine chronische Phase zu bekommen, sodass der Patient unter akzeptabler Lebensqualität mit der Tumorerkrankung gut leben kann." Den Tumor kontrollieren, in Schach halten - gerade dieses weniger radikale Therapieziel verspricht eine wesentlich längere Überlebenszeit für viele Patienten. Der Tumor könnte sogar dauerhaft, über Jahrzehnte stagnieren.

Mit Laura K. bespricht Dr. Eigentler das aktuelle Ganzkörper-CT. Tatsächlich sind die Metastasen unverändert. Es sind auch keine neuen dazugekommen. "In der Anfangsphase der Therapie wurde der Tumor bei ihr sogar kleiner", sagt Eigentler, nun ist er seit Monaten stabil: "Wir haben bei ihr das Ziel erreicht, die Erkrankung in eine Art chronische Phase zu bekommen", erklärt Eigentler. Laura K. fällt nach solchen Diagnosen immer "ein Riesenbrocken Anspannung" weg. Sie bekommt einen "richtigen Glücksschub."

Killerzellen gezielt stimulieren

Antikörper und T-Zelle
Antikörper aktivieren T-Zelle

Immuntherapien sind die neue große Hoffnung in der Tumorforschung: Sie stimulieren gezielt das menschliche Immunsystem, Bedrohungen durch Krebszellen besser zu erkennen und zu bekämpfen. Der Schlüssel dazu sind die "T-Zellen" des Immunsystems. Diese "Killerzellen" überprüfen, ob Zellen in der Umgebung  gefährlich sind. Einer dieser Prüf-Checkpoints auf der Oberfläche der T-Zellen ist der sogenannte PD1-Rezeptor.

Krebszellen können diesen Rezeptor aber täuschen, indem sie ihm hemmende Signalmoleküle präsentieren. Durch diesen biochemischen Austausch wird die Immunreaktion der Killerzelle heruntergeregelt - und sie lässt die Krebszelle unbehelligt. Die Forscher manipulieren die Killerzelle nun so, dass sie auch bei getarnten Krebszellen aktiv wird. Sie binden ein Protein, den PD1-Antikörper an den Rezeptor. Dann reagiert die Killerzelle nicht mehr auf hemmende Signale und greift die Krebszelle an.

Eine Herausforderung bei Immuntherapien ist allerdings die richtige Balance zwischen Stimulierung und Hemmung der Killerzellen: Das Immunsystem darf nicht überreagieren und zu viel gesundes Gewebe zerstören. Derzeit entwickeln die Forscher eine Methode, um schon im Vorfeld zu prüfen, ob ein Patient von der Therapie profitieren wird.

Wirkt die Therapie?

Ganzkörper-CT bei einem Patienten.
Schlägt die Immuntherapie an? Kontrolle im CT.

Wie alle drei Wochen, erhält Laura K. ihre Infusion mit PD1-Antikörpern. Dafür kommt sie für eine halbe Stunde an den Tropf. Langzeitbeobachtungen zu der neuen Therapie gibt es noch nicht. Es ist unklar, über welchen Zeitraum die Behandlung optimal wäre. Monate? Jahre? Körperlich geht es Laura K. gut, es gibt wenige Nebenwirkungen. Doch die seelische Belastung ist enorm: "Es kommen zwangsläufig Gedanken über Leben und Tod, was man eigentlich noch so erleben möchte, was man machen möchte, was einem wichtig ist" sagt die junge Frau.

Solche Gedanken kennt auch Jan B. gut. Es ist fast ein Wunder, wie lange er mit dem malignen Melanom schon überlebt hat. Er hat Metastasen im ganzen Körper, in Organen und Knochen. Noch vor kurzer Zeit überlebten Patienten bei fortgeschrittenem schwarzem Hautkrebs im Durchschnitt nur ein Jahr. Zu Hause zählt seine Ehefrau regelmäßig seine fühlbaren Tumore unter der Haut. Er hat den Eindruck, dass es weniger werden. Nun steht Jan B. vor seinem ersten Kontroll-CT. Nach sechs Infusionen mit dem neuen Antikörper sollte ein Trend erkennbar sein: Wirkt die Therapie oder nicht.

Rückschläge und Hoffnungen

Jan B.
Jan B. kämpft schon lange gegen den Krebs

Das Ergebnis der Scans bei Jan B. ist nicht eindeutig: Es gibt Verbesserungen, aber eben nicht nur. Dr. Eigentler spricht von einem gemischten Ansprechen. Manche Läsionen schrumpften, andere wuchsen. Jedenfalls werde man mit der Therapie weitermachen, manchmal zeigen sich stärkere Effekte erst verzögert. Für Thomas Eigentler ist Jan B. ein Patient, der "weiterhin kämpfen wird", der möglicherweise mit der Erkrankung noch längere Zeit leben kann, "nicht tumorfrei, aber dass er mit dieser Erkrankung bei guter Lebensqualität noch Zeit hat."

Laura K. hat den Apfelbaum im Familiengarten zum Symbol ihrer Homepage gemacht. Durch ihre Krankheit hat sie sich viel mit Ernährung beschäftigt und gibt auf "Lauras Apfelbaum“ Rezepte und Tipps weiter. Die neue Immuntherapie schlägt bei ihr sehr gut an. Sie wird mit dem Krebs aber weiter leben müssen - als chronische Erkrankung, die nie ganz besiegt ist. Deshalb sind ihr intensive Momente mit Familie und Freund sehr wichtig geworden. Auch das stärke das Immunsystem: "Kleinigkeiten zu feiern, gute Gedanken zu haben. Und das auszuleben, genau wie die negativen oder traurigen Momente, die man dann einfach auch rauslassen muss."

Autor: Oliver Wittkowski

Kontakt:
Zentrum für Dermatologische Onkologie
Liebermeisterstraße 25
72076 Tübingen
Dr. Thomas Eigentler
Tel. (07071) 298 57 48
Fax (07071) 2952 65
E-Mail: hautkrebs@med.uni-tuebingen.de

Stand: 27.01.2015 12:17 Uhr

Sendetermin

Sa, 24.01.15 | 16:00 Uhr