SENDETERMIN So, 22.06.14 | 17:00 Uhr

Der "Kuhflüsterer" - Wie man stressarm mit Rindern arbeitet

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Der Kuhflüsterer - Wie man stressarm mit Rindern arbeitet | Video verfügbar bis 21.06.2019
Kühe in einem Stall
In der Kommunikation zwischen Mensch und Tier kommt es zu Missverständnissen.

Das Arbeiten mit Kühen ist nicht ungefährlich. Rund 5.000 Mal im Jahr kommt es dabei zu Unfällen zwischen Mensch und Rind. In der Regel kommen die menschlichen Beteiligten mit leichten Blessuren und dem Schrecken davon, einer von 1.000 Fällen jedoch endet tödlich. Auslöser für diese Zusammenstöße sind fast immer Missverständnisse in der Kommunikation - und der daraus resultierende Stress.

Wie Stress in den Stall kommt

Eine Herde Kühe auf dem Weg zum Stall.
In der Regel gehen die Treibenden hinter den Kühen.

Arbeitsverdichtung ist auch in der Landwirtschaft ein wichtiges Thema. Die Betriebe sind in den vergangenen Jahrzehnten oft deutlich gewachsen, um überlebensfähig zu bleiben. Mehr Fläche, mehr Tiere, mehr Leistung. Aber deshalb nicht unbedingt mehr Personal. Auf dem Hof von Marcus und Konstanze Rohwer etwa melken nur zwei Personen zwei Mal täglich bis zu 175 Kühe. Zeitrahmen dafür: rund zwei Stunden, inklusive Treiben der Tiere vom und zum Melkstand.

Kein Wunder, dass die Menschen ungeduldig werden, wenn die Kühe nicht tun, was sie sollen. Ein Klaps auf Hinterteil und Flanke hier, Pfeifen und Rufen da. Normaler Alltag. Normal aber kontraproduktiv, sagt Philipp Wenz, studierter Agrarökonom und Experte für den Umgang mit Rindern. "Die menschliche Stimme ist als Steuerungsinstrument viel zu unspezifisch. Bei den heutigen Betriebsgrößen ist kaum eine Kuh auf ihren Namen konditioniert. Wenn ich rufe 'Elfriede, du blöde Kuh, lauf', dann fühlen sich in der Regel alle Tiere angesprochen, nicht nur Elfriede. Was bei den Kühen ankommt, ist: Heute ist wieder dicke Luft!"

Der Kuhflüsterer

Eine Bäuerin hinter einer Herde Kühe
Für Kühe ist das Treiben durchaus Stress

Wenz propagiert einen anderen Umgang mit den Tieren, nonverbal. Er lenkt die Rinder allein über Körpersprache. "Low Stress Stockmanship" heißt diese Methode, "stressarmes Herdenmanagement". Dabei nutzt er die natürliche Reaktion der Tiere auf die Annäherung und Bewegungen des Menschen. "Das Umfeld einer Kuh besteht grob gesehen aus drei Zonen", erläutert Wenz. "Außen eine neutrale Zone: Was sich da tut, kümmert das Rind nicht. Etwas näher die Beobachtungszone: Das Tier nimmt uns wahr und behält uns erst mal im Blick. Und noch dichter: die Bewegungszone. Wenn wir die betreten, reagiert die Kuh körperlich."

Wie weit diese Zonen sich erstrecken, ist jedoch von Tier zu Tier individuell. "Die Kuh bewegt sich, weil ihr der Druck, den unsere körperliche Nähe auslöst, unangenehm ist. Die Motivation zu laufen ist also die Verringerung dieses Drucks."

Die Grundregeln

Anfängern gibt Philipp Wenz zunächst zwei Grundregeln an die Hand:
1.) Kühe wollen sehen, wer sie treibt.
2.) Kühe gehen in die Richtung, in die sie schauen.

Philipp Wenz mit Kühe auf der Weide
Wichtig ist, dass die Kühe den Menschen sehen können.

Das bedeutet für manchen "Low Stress"-Neuling ungewohnte Laufwege. Die Kuh wird nicht von hinten getrieben, sondern leicht seitlich. Und wenn sie sich nicht in die gewünschte Richtung bewegt, blockiert der Treiber nicht den Weg in die unerwünschte Richtung, sondern positioniert sich auf der "richtigen" Seite, damit die Kuh ihn im Auge behalten kann, wenn sie aufs gewünschte Ziel zuläuft. Das erfordert anfangs ein deutliches Umdenken. Vergleichbar den ersten Versuchen, einen PKW mit Anhänger rückwärts einzuparken: Die "gefühlte" Lenkrichtung ist die falsche.

Druck erzeugen, Druck wegnehmen

Weil die Tiere bemüht sind, dem Druck des Treibers auszuweichen, setzt Wenz ihn sehr dosiert ein. Ein Schritt auf das Tier zu, um es in Bewegung zu setzen, und dann gleich einer zurück, damit der Druck für das Tier nachlässt, wenn es sich wie gewünscht verhält. Beim Treiben über längere Strecken pendelt er in einer Art Zickzackmuster auf das Tier zu und wieder von ihm weg. Noch stärker werden die Pendelbewegungen, wenn Wenz eine ganze Herde treibt. Dabei zielt er nämlich nicht auf ein einzelnes Tier, sondern überlässt es dem Zufall, welche Kuh zuerst reagiert. "Bewegung erzeugt Bewegung", erklärt er. Wenn eine Kuh losmarschiert, folgen ihr weitere - und schließlich die ganze Herde.

Der Praxistest

Eine Bäuerin steht bei Kälbchen im Stall.
Wird die neue Methode funktionieren?

Marcus Rohwer gibt zu, dass er skeptisch war, als seine Frau Konstanze den Kuhflüsterer auf den Hof einlud. "Das klingt in der Theorie ja alles ganz plausibel", sagt er, "aber ich kenne meine Kühe schon etwas länger." Wenz tritt also an, um den Rohwers zu zeigen, wie sie in bestimmten Situationen einfacher mit den eigenen Tieren zurecht kommen können.

Konstanze Rohwer kümmert sich auf dem Hof um die Aufzucht der Kälber. Ein häufiges Problem für sie: Die Jungtiere müssen zum Beispiel für medizinische Behandlungen von einer Box in die andere getrieben werden. Bislang machte sie das durch Schieben und auf die Tiere einreden. Wenz lenkt das Kalb mit einem kurzen Schritt in seine Bewegungszone in die gewünschte Laufrichtung. Das Kälbchen verharrt kurz vor dem Eingang zur Nachbarbox. Wenz macht wieder einen kurzen Schritt, und das Kalb entschließt sich, dem Druck zu entgehen, indem es in die Box schlüpft. "Das Tier hat gezögert, weil es mir noch nicht vertraut. Ich muss ihm einen Moment Zeit lassen, sich selbst zu entschließen, dass es vermutlich trotzdem eine gute Idee ist, in die Box zu laufen."

Lernen erfordert Geduld

Das Geduld wichtig ist, zeigt sich auch bei der nächsten Kandidatin auf dem Rohwerschen Hof. Marcus Rohwer möchte sehen, ob es mit der "Low Stress"-Methode auch möglich ist, eine Kuh in den ungeliebten Zwangsstand zu bugsieren. Das ist ein enger Käfig aus Stahlrohren, in dem das Tier fixiert wird, wenn die regelmäßig nötige Pflege der Klauen ansteht. Rohwer hat für diesen Versuch bewusst ein Tier ausgewählt, dass den Stand noch nie von innen gesehen hat. Zunächst versucht er die Kuh mit klassischen Mitteln - Schieben und Rufen - in den Käfig zu bringen. Doch das Tier weigert sich, stemmt seine Klauen in den Boden.

Dann versucht es Wenz. Ein erster Schritt in die Bewegungszone, um die Kuh in Bewegung zu setzen. Weitere Schritte hinein und hinaus, bis sie sich in die gewünschte Richtung dreht. Die Kuh verharrt vor dem Käfigeingang. Vorsichtiges Wittern. Dann Schritt für Schritt geht sie vorwärts. Bis Wenz sie schließlich für die Behandlung fixieren kann. "Auch hier ist es wichtig, dass die Kuh erkunden konnte: Wohin gehe ich da?"

Zwei wichtige Punkte kennzeichnen für Wenz die Arbeit mit den Rindern: Vertrauen und Respekt. "Die Kühe müssen das Vertrauen haben, dass ich - wenn ich etwas von ihnen will - ihnen nichts Unangenehmes passiert. Und sie müssen den nötigen Respekt vor mir haben, um zu tun, was ich von ihnen verlange." Beides muss erarbeitet werden.

Wem nützt es?

Doch lohnt es sich, diese Arbeit zu investieren? Irgendwie hat es mit den althergebrachten Methoden doch auch funktioniert. Es lohnt sich auf jeden Fall, meint Philipp Wenz, und es profitieren Mensch und Tier. "Wenn wir gut mit den Tieren arbeiten - mit ihnen, nicht gegen sie - dann fühlen sich die Tiere besser. Tiere, die sich gut fühlen, sind gesünder, sind weniger gestresst und geben mehr Milch. Und ganz generell macht die Arbeit einfach mehr Spaß, wenn alles funktioniert."

Aber ist es auch praktikabel?

Kathrin Schulz, Mitarbeiterin auf dem Hof Rohwer, treibt am selben Abend zusammen mit Wenz schon die ganze Herde von der Weide zum Melken. Sie ist überrascht, dass die "Low Stress"-Methode funktioniert hat, obwohl Wenz und die Tiere an diesem Tag zum ersten Mal aufeinander treffen. Sie will versuchen, seine Tipps weiterhin umzusetzen. Chef Marcus ist ebenfalls beeindruckt, was die zeitnahe Umsetzung angeht, aber zögerlich: "Die Tiere lernen das sehr schnell, das haben wir ja gesehen. Aber bis wir uns umstellen, das wird sicher ein bisschen dauern. Menschen fallen ja doch leicht in alte Gewohnheiten zurück. Aber dadurch, dass wir gesehen haben, dass das Ganze funktioniert, ist auf jeden Fall die Motivation da, es so zu machen."

Stand: 22.06.2014 14:56 Uhr