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Kampf der Lebensmittelverschwendung

Gemüse in Container kippt in Mulde
Elf Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel landen jährlich in Deutschland auf dem Müll.

Die Hälfte unserer Lebensmittel landet auf dem Müll. Diese Tatsache deckte die ARD-Dokumentation "Frisch auf den Müll" schon 2010 auf. Viele Menschen waren schockiert. Woran liegt es, dass so viel weggeworfen wird? Die Ursachen sind vielfältig: Viele Produkte wie Obst und Gemüse erfüllen die Handelsnormen nicht und werden schon auf dem Feld aussortiert. Verarbeitete Produkte wie Brot werden nur einen Tag lang angeboten und landen dann auf dem Müll.

Ideen gegen massenhaftes Wegwerfen

Tanja Krakowski reicht Lea Brumsack eine "fünfbeinige" Möhre.
Ungenormtes Gemüse schafft es nicht in den Handel.

Seit 2010 hat sich viel getan. Zwar weniger auf politischer Ebene, dafür gibt es aber zahlreiche individuelle Projekte und Ideen. Wir haben Menschen besucht, die Lösungen suchen, um das massenhafte Wegwerfen von genießbarem Essen zu drosseln.

Unser erstes Beispiel: Bauer Christian Heymann will sein Gemüse, Kartoffeln und Kohlköpfe nicht auf den Kompost werfen oder für ein paar Cent als Tierfutter verkaufen, weil sie der Handelsnorm nicht entsprechen. Er ärgert sich darüber, dass er ein Drittel seiner Ernte aussortieren müsste. Aus seiner Sicht sind für diese Entwicklung einerseits die Verbraucher verantwortlich, die sich an das perfekte Aussehen von Gemüse gewöhnt haben, aber auch der Handel, der diese Normen festlegt und dem vermeintlichen Wunsch der Verbraucher folgt.

Zu klein, zu schräg, zu krumm - aber lecker

Krumm gewachsene Möhren, rote Bete, Auberginen mit Schildern: "Helft mit, wir suchen ein Zuhause!", "Schräg & lecker"
"Culinary misfits" - schräg, aber lecker

Christian Heymann hat neue Abnehmer gesucht und gefunden: "Esst die ganze Ernte!" lautet das Motto der beiden Designerinnen Lea Brumsack und Tanja Krakowski. Sie möchten an der Wahrnehmung der Verbraucher etwas ändern. Schräg gewachsene Möhren, zu kleine Kohlköpfe oder zu große Zucchini nennen sie "culinary misfits" und verarbeiten sie zu appetitlichen Gemüsesnacks. Das Label wollen sie Supermärkten zur Verfügung stellen, damit diese auch das ungenormte Gemüse in ihr Sortiment aufnehmen.

Ein Supermarkt nimmt Bauer Christian Heymann mittlerweile sein ungenormtes Gemüse ab: ein Bio-Supermarkt in Berlin-Spandau. Inhaber Georg Kaiser bietet krumm gewachsenes Gemüse an, das bei seinen Kunden gut ankommt. Das Äußere ist ungewöhnlich und zeugt von ökologisch angebautem Gemüse aus der Region. Obwohl sich die "misfits" gut verkaufen, sind andere Supermärkte seinem Beispiel bislang nicht gefolgt.

Viele Verbraucher sind weiter als die Politik

Brot in einem Regal
Brot vom Vortag wird einfach günstiger verkauft, anstatt es wegzuschmeißen.

Nicht nur Obst und Gemüse, auch verarbeitete Produkte wie Brot werden massenhaft weggeworfen. Im Wettbewerb um die Kunden bieten Bäckereien bis zum Ladenschluss eine Vielzahl von Brot- und Brötchensorten an. Was nicht verkauft wird, landet auf dem Müll. Vesta Heyn findet das unsinnig. Sie hat deshalb in Berlin einen Laden eröffnet, in dem sie nur Brot vom Vortag verkauft. Morgens fährt sie die Bäckereien ab und kauft Übriggebliebenes, das sie günstig an ihre Kunden weitergibt.

Viele Verbraucher, Produzenten und Händler wollen etwas ändern an der massenhaften Verschwendung von Lebensmitteln - das zeigen solche Beispiele. Doch politisch ist in Deutschland nicht viel passiert seit der Ausstrahlung der Dokumentation "Frisch auf den Müll" 2010. Agrarministerin Ilse Aigner hat ein Aktionsbündnis einberufen und möchte die Lebensmittelabfälle zwar bis 2020 halbieren. Gesetzliche Vorgaben möchte sie dem Handel und den Produzenten aber nicht machen. Sie setzt allein auf freiwilliges Engagement der Industrie und einen Bewusstseinswandel der Verbraucher. Letzteres hat jedenfalls schon eingesetzt.

Autorin: Caroline Nokel (WDR)

Bücher
Die Essensvernichter - warum die Hälfte der Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist
Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn
Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, Preis 8,99 Euro
ISBN-13: 978-3462043495

Taste The Waste
Rezepte und Ideen für Essenretter
von Valentin Thurn und Gundula Oertel
Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, Preis 18,99 Euro
ISBN-13: 978-3462044836

Stand: 02.01.2015 13:16 Uhr

Sendetermin

So, 04.08.13 | 17:00 Uhr
Das Erste

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