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Plastik? Nein danke!

Plastik? Nein danke! | Video verfügbar bis 01.09.2018

Bevor das Experiment "Vier Wochen ohne Plastik" überhaupt startet, geben alle sieben Familienmitglieder eine Urinprobe ab. Das Ergebnis: Alle Urinproben der siebenköpfigen Arzt-Familie sind mit Giftstoffen belastet, die in Plastik zu finden sind. Das Ergebnis stimmt Mutter Ina nachdenklich: "Ich finde das schon erschreckend, dass diese Gifte gefunden worden sind! Dabei dachte ich immer, wir leben relativ gesund."

Giftstoffe im Plastik

Lebensmittelverpackungen mit und aus Plastil
In der Küche finden sich viele Verpackungen aus und mit Plastik.

Plastik kann gefährliche Stoffe wie Phthalate, Bisphenol A oder Flammschutzmittel enthalten. Diese Gifte können schlimme Folgen für die Gesundheit haben. "In Kunststoff sind Stoffe, von denen wir wissen oder befürchten, dass sie die Fruchtbarkeit stören können, aber auch die Entwicklung, das Verhalten und den Stoffwechsel. Außerdem können sie Fettleibigkeit, Diabetes oder Allergien fördern", warnt Dr. Marike Kolossa, Toxikologin am Umweltbundesamt.

Die Fruchtbarkeit der Männer in Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen, gleichzeitig ist die Zahl der Hodentumore angestiegen. Der Verdacht: Gifte, die aus dem Plastik ausdünsten, könnten ein Grund dafür sein. Wir nehmen die Chemikalien über die Nahrung, Staub und sogar über die Raumluft auf, denn Plastikgegenstände gasen die Stoffe aus oder geben sie durch Abrieb an die Umgebung ab. Und Plastik ist überall: im Bad, bei der Arbeit, im Kinderzimmer und im Supermarkt. Je jünger der Mensch, desto gravierender sind die gefährlichen Einflüsse der Giftstoffe auf den Körper. Besonders Babies und Kleinkinder sind oft sehr hoch belastet.

Das Experiment

Eine Familie steht hinter einem Haufen aussortiertem Plastik aus dem Haushalt.
Um ohne Plastik zu leben, muss vieles weggeschmissen werden.

Lebt man gesünder, wenn man auf Plastik verzichtet? Und ist das überhaupt möglich? Für die sieben Mitglieder der Familie Wagner werden die vier Wochen ohne Plastik hart. 50 Umzugskisten voll Plastik müssen zu Beginn des Experiments aus dem Haus geschafft werden und kommen unter Verschluss - eine ganze Lkw-Ladung. Ganze zwei Tage braucht die Familie, um das Haus einigermaßen plastikfrei zu bekommen. Dr. Marike Kolossa hilft dabei, auch dort das Plastik aufzuspüren, wo es nicht offensichtlich ist: Gläser mit Schraubverschlüssen zum Beispiel werden aussortiert, da die Dichtungen aus Kunststoff sind. Selbst Dosen sind innen mit Plastik beschichtet.

Die Kinder müssen auf viele Spielsachen verzichten, auch auf Unterhaltungselektronik. Und an einen normalen Einkauf ist nicht mehr zu denken. Mutter Ina verzweifelt schier, weil sie beispielsweise ohne mitgebrachte Metall-Brotdosen nicht mal einen Käse einkaufen kann. Und plötzlich müssen Alternativen zu Zahnbürste, Deospray und Duschvorhang gefunden werden.

Das Ergebnis

Die zweite Urinprobe nach vier Wochen zeigt: Die Familie hat es tatsächlich geschafft, durch den Plastikverzicht die Schadstoffbelastung in ihren Körpern zwischen 30 und 80 Prozent zu reduzieren. Einige Flammschutzmittel sind am Ende des Experiments sogar gar nicht mehr nachweisbar. Familie Wagner und sogar die Expertin sind schwer beeindruckt. Das Experiment zeigt: Die Gifte gelangen aus dem Plastik in unsere Körper, doch mit etwas Disziplin und Erfindungsreichtum können wir die Giftstoffe stark reduzieren.

Giftstoffe sind in anderen Ländern bereits verboten

In Kanada, Dänemark oder Frankreich ist Bisphenol A bereits verboten worden. Hierzulande darf es bisher nur in Baby-Fläschchen nicht mehr verwendet werden. In Materialien, die mit fetthaltigen Lebensmitteln in Kontakt kommen, sind in Deutschland auch Phthalate, die sogenannten Weichmacher, verboten. Dennoch sind sie in vielen Lebensmitteln nachweisbar. Das Umweltbundesamt arbeitet derzeit an europaweiten Studien, die zu strikteren Verboten führen sollen.

Autorin: Sara Reiner (NDR)

Auskunftsrecht
Wollen Sie wissen, ob ein Produkt besonders besorgniserregende Stoffe, die über REACH registriert sind, enthält, können Sie dies mit Hilfe des Strichcodes auf einem Becher, Stiefel oder Spielzeugherausbekommen. Diese REACH-Online-Auskunft finden Sie hier auf der Webseite reach-info.de.

Phthalate
Phthalate werden auch als Weichmacher bezeichnet. Sie machen das Plastik erst formbar. Mittlerweile gelten Phthalate als gesundheitsgefährdend. In den Organismus gelangen die Phthalate durch die Nahrung, da viele Lebensmittel in Plastik verpackt sind.

Bisphenol A
Bisphenol A, abgekürzt BPA genannt, findet sich viel in Verbundstoff-Verpackungen, mikrowellenfestem Geschirr oder Milchtüten wieder. Es steht also in direktem Kontakt mit Lebensmitteln und Getränken. Der Ausgangsstoff BPA kann freigesetzt werden, wenn Plastikschüsseln oder Becher erhitzt werden, wie beispielsweise in der Geschirrspülmaschine. Analysen des BUND haben Bisphenol A zudem im Hausstaub von Kindertagesstätten nachgewiesen. Seit dem 1. Juni 2011 ist EU-weit der Einsatz von Bisphenol A in Babyfläschchen verboten.

Stand: 03.04.2014 11:43 Uhr