SENDETERMIN So, 20.01.13 | 17:00 Uhr

Cradle-to-Cradle

Wissen

Cradle-to-Cradle | Video verfügbar bis 19.01.2018

Ein Kran greift in einen Berg aus Müll

Wegwerfen und neu kaufen statt wiederverwenden produziert Unmengen von Müll.

Von der Wiege bis zur Bahre oder "from the cradle to the grave". Das sagt man in der Abfallwirtschaft, wenn Produkte hergestellt werden, um am Ende ihrer Lebensdauer auf dem Müll zu landen. Muss das so sein? Der Chemiker und Umweltwissenschaftler Professor Michael Braungart sagt: Nein! Sein Credo: "Cradle to Cradle" ­ von der Wiege in die Wiege - sei das Konzept für die Produktion und Entsorgung von Gütern.

Verrotten und wiederbenutzen

Plastikabfall liegt am Boden

Das Ziel: Wiederverwerten

Alles, was wir wegschmeißen, teilt Professor Michael Braungart in zwei Gruppen ein. Dinge, die verrotten und zu Kompost werden. Auch Produkte wie Schuhe lassen sich in der Welt von Professor Braungart kompostieren und werden somit zur Wiege für neues Leben. Das nennt er den biologischen Kreislauf. Die Stoffe, die nicht verrotten, sollen nicht wie heute oft üblich in Müllverbrennungsanlagen landen und so für immer verloren gehen, sondern wieder zu 100 Prozent zu neuen Produkten werden. Das ist für den Chemiker der technische Kreislauf, der seiner Meinung nach unendlich sein kann. Heute stecken beispielsweise Kunststoffe in einem Staubsauger, morgen in Spielzeug, übermorgen in einer Kaffeemaschine. Im Moment machen das die vielen verschiedenen Player, die das Recycling beeinflussen, unmöglich: Die unterschiedlichen Kunststoffe, die die Hersteller verwenden, sind da nur ein Problem. "Wir brauchen alles noch einmal neu und anders", sagt Professor Michael Braungart. "Es geht darum, es noch einmal so zu machen, dass es den Lebewesen nutzt. Und das ist etwas ganz anderes als ein wenig Müllvermeidung. Wie wäre es, wenn wir alles noch einmal neu erfinden?"

Der Kunde kauft keine Produkte, sondern Dienstleistungen

Eine Plastikflasche wird in einem Pfandautomaten gescannt.

Eine Vision: Der Kunde benutzt ein Produkt nur vorübergehend gegen ein Pfand.

Cradle-to-Cradle fängt bei der Entsorgung an. In der Welt von Professor Braungart gibt jeder Kunde jedes Produkt nach Gebrauch zurück - wie heute schon Flaschen und Dosen. Denn dem Kunden gehören die Produkte gar nicht, sondern die Dienstleistungen dahinter. Bei einer Kaffeemaschine das Kaffeekochen, bei Bauklötzen das Spielen, bei einem Handfeger das Sauber machen. Damit der Kunde die Produkte tatsächlich zurückgibt, zahlt er zunächst einen Pfand und bekommt ihn bei Rückgabe zurück. Die Folge: Hersteller aller möglichen Produkte könnten teure, hochwertige Materialien verwenden. Denn sie bekommen sie ja definitiv zurück! Am besten tun sie sich zusammen und verwenden alle die gleichen Stoffe und bedienen sich aus einem gemeinsamen Materialpool.

Einige Produkte sind heute schon "Cradle-to-Cradle"-zertifiziert. Oft sind es Produkte wie Möbel, die dann die Herstellerfirma tatsächlich zurücknimmt. Das sind aber meist keine großen Ketten, sondern kleine oder mittelständische Betriebe. Aber kann die Vision von Professor Michael Braungart auch bei Massenware funktionieren, oder ist das ein Wunschtraum?

An der Universität Hohenheim lehrt Professor Martin Kreeb, er leitet die Forschungsgruppe Nachhaltigkeit. Er erklärt uns, dass die Idee von Professor Michael Braungart eigentlich gar nicht so neu ist. Die Natur macht es uns schließlich vor: Auch hier fließen alle Stoffe immer wieder in den Kreislauf zurück und werden wieder verwertet - das nennt man geschlossene Kreisläufe. "Deshalb denke ich: Auch in der modernen chemischen Industrie kann man durchaus diese Kreisläufe so gestalten", so Professor Martin Kreeb. Stoffe und Energie müssen also nicht verloren gehen.

Cradle-to-Cradle bei Massenware

Ein recyclebarer Staubsauger von Siemens

Siemens hat einen Staubsauger nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip entwickelt.

Wir sind beim Elektronikkonzern Philips in den Niederlanden. Dort hat man sich schon mehrfach an Cradle-to-Cradle-Prinzipien versucht. Fernseher oder Staubsauger beispielsweise, die ganz einfach in ihre Einzelteile zu zerlegen sind - leider nur Prototypen, nicht für den Markt gemacht. Das neueste Produkt: Eine weiße Kaffeemaschine, die allerdings tatsächlich auf dem Markt ist. Ihr Kunststoff ist zwar nicht komplett recycelt, aber immerhin zu mehr als der Hälfte. Das Material alter CDs und DVDs stecken im Deckel, Elektrogeräte und Verpackungen im Korpus.

Dass das recycelte Plastik irgendwann tatsächlich alle Qualitätskriterien erfüllt, hatten die Entwickler nicht erwartet. Bis die Qualität stimmte, hat die Entwicklungsabteilung von Philips immer wieder Proben von Recyclingfirmen getestet, denn Philips recycelt die Kunststoffe nicht selbst. Recyclingfirmen und Hersteller müssen hier zusammenarbeiten und sich austauschen.

Das Cradle-to-Cradle Prinzip von Professor Michael Braungart wurde allerdings bei der Prototyp Kaffeemaschine noch lange nicht komplett umgesetzt. Die Materialien kamen nicht aus einem Material-Gemeinschaftstopf von mehreren Herstellern. Die Maschine lässt sich nicht einfach auseinander bauen, ist also nicht fürs Recycling entwickelt worden. Und der Kunde hat auch kein Pfand gezahlt, damit das Gerät später definitiv an Philips zurück geht. Eine eigene Rücknahme für die eigenen Produkte? Das sei unmöglich, sagt ein Mitarbeiter von Philips: "Philips würde sehr gerne sein eigenes Recyclingsystem aufbauen. Leider ist das ökonomisch oder ökologisch nicht bezahlbar. Deshalb probieren wir auch, unser Design so zu verändern, dass es besser in das heutige Recyclingsystem passt."

Plastik wird fürs Recycling heute oftmals geschreddert. Einige Kunststoffe können dann besonders einfach sortiert werden. Bei der Kaffeemaschine hat man versucht, nur solche Kunststoffe zu verwenden, die von den Recyclern am leichtesten extrahiert werden können. Die restlichen zehn Prozent landen nach wie vor auf dem Müll. So richtig Cradle-to-Cradle ist die Maschine wie viele andere "grüne Elektronikprodukte" also nicht - wahrscheinlich auch, weil es sich für die Hersteller noch nicht lohnt.

Cradle-to-Cradle kann funktionieren

Wir sind wieder bei Philips, dieses Mal in Hamburg. Hier hat die Firma doch eine zentrale Recyclingstelle. Allerdings für Röntgenröhren, die nach ihrem Gebrauch aus der ganzen Welt zurückkommen. Nicht zuletzt, weil sie mit einem Pfand belegt sind. Denn die darin verwendeten Stoffe sind teuer und selten - zum Beispiel Wolfram und Molybdän. Die will Philips nicht neu kaufen. Deshalb lohnt sich für die Firma dieses Mal ein "Design for Recycling" - einige Teile können eins zu eins wieder eingebaut werden. Und: Philips hat hier Produktion und Recycling in einer Hand. "Bei der Medizintechnik sind wir im Vorteil, da haben wir einen standardisieren Markt", erklärt Professor Martin Kreeb. "Bei der Kaffeemaschine nicht. Die stehen in Millionen von kleinen Haushalten. Und da wird das Pfandsystem, glaube ich, sich nur durch eine gesetzliche Vorschrift durchsetzen lassen." Wie damals beim Dosenpfand: Erst durch ein Gesetz war die Wirtschaft verpflichtet die Dosen zurückzunehmen.

Wollen wir also die Welt von Professor Michael Braungart in die Tat umsetzen, muss vermutlich der Gesetzgeber ran. Und am besten nicht morgen oder übermorgen, sondern jetzt, findet der Chemiker: "Oder wir werden nur am abschreckenden Beispiel lernen." Dinge wegwerfen ohne schlechtes Gewissen. Professor Michael Braungarts Vision ist in jedem Fall angenehmer als eine Zukunft voller Müll.

Autorin: Sarah Weiss (SWR)

Stand: 30.01.2014 08:49 Uhr