SENDETERMIN Sa, 22.11.14 | 16:00 Uhr

Migräne - viel mehr als nur Kopfschmerzen

Ein Mädchen sitzt am Schreibtisch
Mit Migräne ist Lernen schwer.

Eine Migräneattacke beginnt meist nicht mit Kopfschmerzen. Erste Vorboten sind oft extreme Stimmungsschwankungen oder Heißhunger. Danach leiden viele Migränepatienten an starken Sehstörungen, der sogenannten Aura, und dunkle Stellen oder seltsame Muster erscheinen im Gesichtsfeld. Erst dann kommen die stunden- oder oft tagelangen, quälenden Schmerzen, dazu häufig extreme Übelkeit. Licht, Geräusche und Bewegungen werden für die Betroffenen unerträglich. Dann können sie nicht mehr am normalen Leben teilnehmen, aber ihr Leiden wird nicht selten als bloße Unpässlichkeit missverstanden. Das macht vielen Migränepatienten große Schwierigkeiten, manche leiden unter Depressionen.

"Normale" und chronische Migräne

Mädchen beim Schwimmen
Sport hilft Migränepatienten.

Migräne mit Aura, mit dieser Diagnose war die 18-jährige Paulina vor eineinhalb Jahren plötzlich konfrontiert. Seitdem hat sich das Leben der Abiturientin sehr verändert. Alle paar Wochen hat sie Attacken, erst Sehstörungen, dann pochende Kopfschmerzen. Meistens dauert das vier bis fünf Stunden, manchmal auch zwei Tage. Meistens gibt es einen konkreten Auslöser, Stress zum Beispiel, zu wenig oder zu viel Schlaf, bestimmte Süßigkeiten oder manchmal auch nur ein Duftstoff in einem Putzmittel. Obwohl sie diese Trigger nach Kräften vermeidet und zur Vorbeugung viel Sport macht, weiß sie mittlerweile, dass irgendwann trotzdem die nächste Attacke kommen wird.

Diagnose

Bild einer Kernspinuntersuchung
Bestimmte Areale sind in der Attacke besonders aktiv.

Ist es wirklich Migräne oder "nur" ein schlimmer Spannungskopfschmerz? Bei wiederkehrenden Anfälle von drei bis 72 Stunden Länge, halbseitigen Schmerzen und zusätzlichen Sehstörungen ist die Diagnose "Migräne" sehr wahrscheinlich. Doch um andere Ursachen wie einen Tumor auszuschließen, wird oft das Gehirn im Kernspin-Tomografen untersucht. Wenn es Migräne ist, zeigt sich dort nichts Auffälliges. Allerdings nur solange Patienten keine Attacke haben. Messungen in einer Attacke sind schwer zu realisieren und werden nur zu Forschungszwecken gemacht. Dann aber zeigt sich, dass bestimmte Areale, die etwa Schmerz oder Licht verarbeiten, in der Attacke anders funktionieren. Ein Beweis dafür, dass Migränepatienten tatsächlich an einer organischen Störung ihres Gehirns leiden.

Behandlung

Tropfen eines Metamizol-Präparatsfallen ins Glas.
Oft helfen nur Schmerzmittel.

Genau wie die Symptome und der Ablauf von Migräneattacken sind auch die Behandlungsmethoden individuell sehr verschieden. Klassische Schmerzmittel können helfen - bei etwa einem Drittel der Patienten helfen sie aber nicht. Das gleiche gilt für spezielle Migräne-Medikamente zur Akutbehandlung wie zur Prophylaxe. Auch Sport, Muskelentspannung, Biofeedback oder Akupunktur wirken sehr gut - aber nicht bei jedem. Bei chronischer Migräne versuchen Ärzte auch, mit implantierten Elektrosonden schmerzleitende Nervenbahnen zu regulieren, oder sie spritzen das NervengiftBotoxan zahlreichen Triggerpunkt in der Kopfhaut ein.

Eine ganz einfache Methode, Migräne und andere Kopfschmerzen zu bekämpfen, hat sich bei einer Studie mit Münchner Schülern als wirksam erwiesen: Wissen vermitteln. Schon eine einstündige Aufklärung zum Thema Kopfschmerzen ließdie durchschnittliche Zahl der Kopfschmerzstunden nachweislich sinken.

Woher kommen die Schmerzen?

Zeichnung der an einer Migräne beteiligten Gehirnareale
Schmerzgewitter im Kopf

Bei Migräne spielen bestimmte Areale, Blutgefäße, Nervenstränge und der Botenstoffwechsel im Gehirn zusammen - in welcher Wirkungskette genau, dazu gibt es verschiedene Hypothesen. Beteiligt ist auf jeden Fall der Hypothalamus, die Energiesteuerzentrale des Körpers. Lange vor dem Anfall sorgt er für starkes Gähnen, schlechte Stimmung, Urinproduktion und Heißhunger. Später erzeugen die sonst für Erholung zuständigen Parasympaticus-Nerven eine elektrische Übererregung in der Hirnhaut. Dort werden dann massiv Botenstoffe ausgeschüttet und die Blutgefäße schwellen an. Trigeminus, der Schmerznerv für Gesicht und Kopf, wird aktiv und meldet sich als Schmerz im Bewusstsein.

Erblichkeit

Migräne muss eine erbliche Seite haben, sonst würde sie nicht so oft in denselben Familien und bei Zwillingen auftauchen. Bei der Suche nach den zugrundeliegenden Genen sind die Forscher schon auf mehrere verdächtige Genvarianten gestoßen. Vermutlich sind aber Hunderte Gene daran beteiligt, die erst in der Summe zu einem erhöhten Risiko für Migräneattacken führen.

Volkskrankheit Migräne

Migräne ist alles andere als eine neue Krankheit. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet "halber Schädel". Schon früh haben Menschen versucht, diese halbseitigen Kopfschmerzen zu behandeln - etwa indem sie Löcher in den Schädel von Patienten bohrten. Migräne ist weltweit und in allen Schichten verbreitet, sie trifft rund 15 Prozent der Frauen und fünf Prozent der Männer. Sie kann in jedem Lebensalter auftreten, ist aber zwischen dem 25. und dem 45. Lebensjahr meist am schlimmsten.

Heute leiden in Deutschland etwa neun Millionen Menschen an Migräne. Die Vermutung, dass die Verbreitung stressbedingt zunimmt, haben europaweite Studien in den letzten Jahren zwar nicht bestätigt - zumindest, was die Gesamtbevölkerung angeht. Doch es zeigt sich, dass Migräne bei Kindern häufiger und heftiger auftritt - und das besonders im städtischen Umfeld. Für viele Ärzte ein Hinweis, dass unsere Lebensweise sehr wohl eine große Rolle spielt. Mehr Bewegung, weniger Zeit vor dem Bildschirm und gesunde Ernährung helfen dagegen bewiesenermaßen - nicht nur gegen Migräne.

Autor: Roland Schenke (BR)

Stand: 22.11.2014 16:56 Uhr