SENDETERMIN So, 17.11.13 | 17:00 Uhr

Der Chor der Muffeligen

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Der Chor der Muffeligen | Video verfügbar bis 17.11.2018

Macht Singen glücklich?

Anke Engelke und Gunter Kreutz
Anke Engelke und Gunter Kreutz starten zusammen ein Glücks-Experiment.

Anke Engelke hat für eine Dokumentation ein Jahr lang dem Glück nachgespürt. Sie hat Menschen getroffen und sie nach ihren Glücksmomenten und -erkenntnissen befragt. Sie hat im Rahmen der Dreharbeiten auch ein eigenes Glücks-Experiment gestartet: Da sie selbst viel und sehr gerne singt, wollte sie der Frage nachgehen, ob Singen glücklich macht und ob man das messen kann. Bei der Antwortsuche stieß sie auf Gunter Kreutz, Musikwissenschaftler an der Universität Oldenburg. Er hatte bereits in einer Studie mit erfahrenen Chorsängern herausgefunden, dass sich Singen positiv auf Körper und Psyche auswirkt. Dafür hat er psychologische Fragebögen ausgewertet und die Konzentration des Stresshormons Cortisol und Immuglobolin A im Speichel untersucht.

Vorsingen für den "Chor der Muffeligen"

Chor
Der Chor traf sich einmal wöchentlich.

Für Gunter Kreutz war die Anfrage von Anke Engelke der Anstoß, seine Forschungen auf Menschen, die noch keine Erfahrung mit Chorgesang haben, auszudehnen. Gemeinsam starteten sie einen Aufruf zur Gründung eines Chors und luden Menschen zum Vorsingen ein. Aus diesen wählten sie 36 sowohl erfahrene als auch unerfahrene, in jedem Fall jedoch nach eigenem Bekunden "muffelige" Menschen aus. Die Menschen erzählten von Krankheiten, Problemen in der Familie oder in der Partnerschaft, auch von deprimierenden Erfahrungen im Schulfach Musik. "Ich war echt bewegt, von dem, was die Menschen da zu erzählen hatten", erzählt Gunter Kreutz. Am Ende des Castings war der "Chor der Muffeligen" gegründet. In den nächsten drei Monaten traf sich der Chor einmal wöchentlich, um sich unter professioneller Anleitung auf einen Auftritt in der Kölner Philharmonie vorzubereiten.

Glücksgefühle und Oxytocin

Speichelproben
Die Teilnehmer gaben Speichelproben ab.

Vor und nach jeder Probe füllten die Chorsänger standardisierte psychologische Fragebögen aus, um ihre Gefühlslage einzuschätzen. Der zweite Baustein der wissenschaftlichen Untersuchung sind Speichelproben. Darin sollte die Konzentration des Hormons Oxytocin gemessen werden. Oxytocin ist zwar kein simpler Gradmesser für 'Wohlbefinden im Körper', "spielt aber in der aktuellen Glücksforschung eine wichtige Rolle", weiß der Psychiater Rene Hurlemann von der Universitätsklinik Bonn. Er selbst hat zahlreiche Studien zur Wirkung von Oxytocin geleitet: "Oxytocin hat eine stresslösende Wirkung, ist wirksam gegen Ängstlichkeit und führt zu Wohlbefinden. Und es konnte gerade in jüngsten Untersuchungen - allerdings an Tieren - gezeigt werden, dass Oxytocin mit dem Botenstoff Serotonin im Gehirn eine Wechselwirkung eingeht. Serotonin ist ein wichtiger Botenstoff, der für unser Wohlbefinden verantwortlich ist."

Vergleich Sprechen versus Singen

Mehrere Probenröhrchen
Wie viel von dem Hormon Oxytocin steckt in den Proben?

An zwei Terminen sollten die Sänger vor der Probe und dann 30 Minuten später Speichel abgeben. Beim ersten Termin wurde ganz normal gesungen. Beim zweiten, zwei Wochen später, sollten die Sänger miteinander sprechen statt zu singen. Denn Gunter Kreutz wollte einen Vergleichswert haben. Deswegen sollten die Sänger etwas machen, was dem Singen sehr ähnlich ist: Ihren "Vokalapparat" nutzen, über positive Dinge reden und Gemeinschaft erleben. Alle Speichelproben wurden dann in einem medizinischen Labor analysiert.

Tatsächlich: Die Oxytocinwerte hatten sich in beiden Proben nach 30 Minuten erhöht. Aber beim Singen signifikant höher als bei der Gesprächsrunde. Die Fragebögen zum Wohlbefinden unterstützten das Ergebnis noch: Die Sänger fühlten sich - unabhängig von ihrer Vorerfahrung im Chor - am Ende der Proben viel wohler. "Psychisch hat miteinander sprechen ebenfalls einen positiven Effekt, aber beim Singen ist der Effekt viel stärker", resümiert der Musikwissenschaftler.

Gemeinsames Singen macht glücklich

Anke Engelke freut sich über die Ergebnisse ebenso wie über die erkennbare Fröhlichkeit der Sänger und Sängerinnen, denen man längst keine Beweise mehr vorlegen musste, dass ihnen das Chorprojekt gut getan hat. Ein untrügliches Zeichen: Die meisten Choristen singen über das Chorprojekt hinaus weiter im Chor.

Autorin: Pia Huneke (WDR)

Stand: 20.11.2014 11:23 Uhr