SENDETERMIN So, 17.03.13 | 17:00 Uhr

Spielen macht schlau

PlayW wie Wissen
Spielen macht schlau | Video verfügbar bis 17.03.2017

Spielen ist keine verschwendete Zeit

Kind spielt mit Plastikente und blauen Plastikkästchen
Zeit zum Spielen oder lieber Zeit für Förderstunden?

"Das ist ja ein Kinderspiel" - dieses Sprichwort macht deutlich, was mancher Erwachsene über das Bauklötze stapeln, Lego bauen oder Verstecken spielen denkt. Dabei ist Spielen die Arbeit des Kindes und seine wichtigste Tätigkeit. Da sind sich die meisten Fachleute einig. Zu ihnen gehört auch Professor André Frank Zimpel. Der Psychologe und Pädagoge forscht seit 20 Jahren zum Thema frühkindliche Entwicklung. Für ihn ist spielen die beste Fördermaßnahme überhaupt: "Wenn Kinder einen Stein wie ein U-Boot durch einen Sandkasten fahren lassen oder sich Blumen wie die Krone einer Feenprinzessin aufsetzen, dann bewegen sie sich in einer Fantasiewelt und trotzdem sind sie mit einem Bein ständig in der realen Welt." In ihrer Fantasie lernen Kinder ihre Einbildungskraft einzusetzen und zu abstrahieren. 'Abstrahere' kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie 'absehen von'. Kinder sehen im Fantasiespiel von einigen Eigenschaften ab und heben andere hervor, so Zimpel. Diese Art der Gehirntätigkeit ist später die Grundlage für natur- und geisteswissenschaftliches Denken. Im Unterschied zu Förderprogrammen suchen sich Kinder im Spiel intuitiv Herausforderungen, die ihre intellektuelle Entwicklung voranbringt.

'Förderitis' - Vernachlässigung auf hohem Niveau?

Buntstifte nah in Kinderhand
Wie viel Förderung ist sinnvoll?

Erkenntnisse der Hirnforschung, Pisa-Schock und der Druck, in einer globalisierten, wissensbasierten Arbeitswelt erfolgreich zu sein, haben bei Eltern einen regelrechten Förderwahn hervorgebracht. Die Formel 'use it or loose it' basiert auf der Erkenntnis, dass Kleinkinder deutlich mehr neuronale Verbindungen im Gehirn haben als Erwachsene. Eindrucksvoll wird einem das vor Augen geführt, wenn man mit Kleinkindern Memory spielt. Die Kleinen können sich oftmals besser merken, wo das passende Motiv im Kartenhaufen liegt als die erwachsenen Mitspieler.

Die Erhaltung dieser neuronalen Verbindungen ist allerdings nutzungsbedingt. Werden einige der 'Datenautobahnen' nicht genutzt, bauen sie sich wieder ab. Im Laufe der kindlichen Entwicklung reduzieren sie sich circa um 30 bis 50 Prozent. Die Schlussfolgerung daraus, Kinder so früh wie möglich in ihrer Gehirnentwicklung zu unterstützen, hat zu einer regelrechten Förderindustrie geführt. Chinesisch mit drei, musikalische Früherziehung, bilinguale Kita - in Mittelschichtfamilien gehört das zum guten Ton. Dabei warnen viele Forscher vor zu viel des Guten. Wie Professorin Elsbeth Stern. Die Psychologin ist Expertin für frühkindliche Bildung und Intelligenzforschung an der ETH Zürich. Sie sieht eine übermäßige Frühförderung kritisch. Wenn Eltern ihre Kinder von einem Kurs zum nächsten kutschierten, dann drohe eine 'Vernachlässigung auf hohem Niveau'.

Gerade beim Erwerb einer Fremdsprache seien die Erwartungen der Eltern an Kurse oftmals viel zu hoch. Denn nur in einem natürlichen Kontext sei eine Fremdsprache für Kleinkinder erlernbar. Wie zum Beispiel in Familien, in denen eines der Elternteile in seiner Muttersprache spricht. Oder in einer bilingualen Kita, wo die Kinder täglich in ein 'Sprachbad' eintauchen. Der Anteil der gesprochenen Fremdsprache sollte um die 40 Prozent betragen, damit sich ein nachhaltiger Erfolg einstellt, so die Forscherin.

Freude oder Angst - Ohne Emotion kein Lernen

Kind spielt mit Bagger
Der Spaß am Spiel ist wichtig.

Spaß ist der Schlüssel zum erfolgreichen und nachhaltigen Lernen. Spaß oder auch Freude versorgt das Nervensystem mit Dopamin, dem 'Glücks-Botenstoff' im Gehirn. Wer sich an Gelerntes erinnert, der erinnert auch immer die Emotion beim Lernen. Wurde das Lernen als lustvoll empfunden, erinnern wir uns gerne an das Gelernte. Haben wir unter Angst einen Stoff auswendig gelernt, werden wir uns nicht gerne daran erinnern. Spielen ist deshalb die beste Fördermaßnahme, weil Kinder fast immer Spaß dabei empfinden.

Kinder unterstützen und sie in ihrer Entwicklung optimal fördern, das ist eine große Kunst. Wer das 'Beste' für sein Kind will, der beobachtet, was es bewegt und interessiert. Nimmt sich Zeit für die ganz einfachen Dinge: zusammen kochen, spazieren gehen, vorlesen oder einfach mal nichts tun.

Autorin: Julia Offen (NDR)

Adressen
Prof. Dr. habil André Frank Zimpel
Universität Hamburg, Fakultät für Erziehungswissenschaften
Sedanstraße 19
20146 Hamburg

Buch-Tipps
Lasst unsere Kinder spielen
André Frank Zimpel
Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen 2012

Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung
Wolfgang Bergmann
Verlagsangaben: Kösel-Verlag, München 2011

Stand: 06.11.2015 13:42 Uhr

Sendetermin

So, 17.03.13 | 17:00 Uhr

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