SENDETERMIN Sa, 11.10.14 | 16:00 Uhr

Tierfutter: Gefahr für die Umwelt und die Welternährung?

Tierfutter - Gefahr für die Umwelt und die Welternährung?  | Video verfügbar bis 11.10.2019
Futtermischwerk: Abladen von Getreideschrot
Nutztiere fressen eine Milliarde Tonnen Futter pro Jahr.

Tierfutter ist immer dann in den Schlagzeilen, wenn es mal wieder einen Skandal gibt, der auch den Verbraucher betrifft - wie Pilzgifte oder Dioxin im Futtertrog. Ansonsten sind die sogenannten Futtermittel kein Thema. Zu Unrecht - denn der Appetit der Nutztiere hat großen Einfluss auf die Wirtschaft, die Umwelt und sogar die Welternährung. Das verdeutlichen ein paar Zahlen: In Deutschland leben 150 Millionen Nutztiere. Hühner, Schweine und Rinder, deren Milch, Eier und Fleisch wir essen. Doch damit die Tiere uns ernähren können, müssen wir sie füttern: mit riesigen Mengen - 200.000 Tonnen täglich.

Von der Bauernhof-Idylle zur Massenproduktion

Masthühner
Das Masthuhn frisst pro Tag ein Zehntel seines Körpergewichtes.

Zu Großmutters Zeiten war die Tierernährung noch ganz einfach: Schweine bekamen die Küchenabfälle, Kühe fraßen Gras und Heu, Hühner suchten nach Würmern und Insekten und bekamen dazu ein paar Körner Getreide. Tierernährung HEUTE hat mit dieser Idylle nichts mehr zu tun. Der Mensch hat die Nutztiere durch Zucht so verändert, dass sie doppelt so viel Milch, Eier und Fleisch produzieren wie zu Großmutters Zeiten. Dem Masthuhn kann man fast beim Wachsen zusehen. Es lebt gerade mal 30 Tage. Für dieses Turbo-Wachstum braucht es Turbo- Futter. Bis zu 120 g hoch konzentrierte Pellets frisst ein Broiler am Tag. Das Futter macht mehr als die Hälfte der Produktionskosten aus.

Hühnerfutter ist Designerfutter. An der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Kitzingen untersuchen die Geflügelforscher, wie sich bestimmte Zusatzstoffe auf das Wachstum, die Gesundheit und die Eierproduktion auswirken. Die Zusätze hören sich an wie Bausteine aus dem Chemiebaukasten: Organische Säuren, Probiotika, Farbpigmente, Enzyme, Aromastoffe, Verdickungsmittel.

Rinder, Schweine und Hühner brauchen eine enorm Menge Futter: 200.000 Tonnen - täglich! Allein in Deutschland. Weltweit sind es sagenhafte eine Milliarde Tonnen pro Jahr. Tierfutter ist ein gutes Geschäft. Allein in Deutschland setzt die Branche im Jahr sieben Milliarden Euro um. Produziert wird die Power-Nahrung in großen Futtermischwerken. Hier werden ein gutes Dutzend Rohstoffe und circa 15 Zusatzstoffe zu hoch konzentriertem Kraftfutter verarbeitet und meist zu Pellets gepresst. Typisches Schweine- und Masthuhn-Futter hat in etwa dieses Rezept:
Man nehme 60 Prozent Getreide (Mais, Weizen, Gerste, Triticale). Das gibt den Tieren die nötige Energie. Dazu kommen 20 Prozent Eiweißprodukte wie Soja, zum Großteil importiert aus Nord- und Südamerika. Die sorgen für den Muskelaufbau, für magere Schnitzel und Brustfilets. Ein wenig Fett als Energieträger; Kalzium und Phosphor für die Knochen; Aromen, Vitamine und Enzyme zur Leistungsoptimierung.

In die Mischwerke kommen auch viele Abfallstoffe aus der Lebensmittelproduktion – wie etwa Schrot, Molkerückstände und Fettsäuren. Das macht die Produktion billiger - aber auch problematisch. Denn die Abfallstoffe können Gifte enthalten. Beim Dioxinskandal vor einigen Jahren waren Fette aus der Industrie verunreinigt. Deshalb testen die Futtermittelhersteller häufiger als früher.

Der Futterberg als globales Ernährungs- und Umweltproblem

Erdkugel mit Nutztieren
Auf der Welt gibt es drei mal so viele Nutztiere wie Menschen.

Aber das Problem ist viel größer: Fast die Hälfte der weltweiten Getreideernte landet im Futtertrog. Das hat Folgen für die Umwelt und die Ernährung, so der Freisinger Futtermittel-Experte Gerhard Bellof. Denn es ist ein Unterschied, ob wir Menschen Getreide direkt verzehren oder indirekt als Milch oder Steak. Ein Großteil der Energie geht also bei der Fleischproduktion verloren. Beispiel Rindfleisch: Aus 10 Getreide- und Eiweiß-Kalorien, die in den Futtermitteln drin stecken, wird nur eine Fleischkalorie gewonnen. Die Erde ächzt unter der Nutztierlast. Es gibt dreimal so viele Rinder, Schweine und Hühner wie Menschen. Und die tragen auch erheblich zur Klimaerwärmung bei. Die Herstellung von einem Kilogramm Hühnchenfleisch verursacht etwa zwei Kilogramm Treibhausgase, Schweinefleisch fünf Kilogramm. Am meisten Emissionen fallen bei Rindfleisch an: zehn Kilogramm Treibhausgase pro Kilogramm erzeugtes Fleisch.

Weidehaltung als Alternative?

Grasende Kühe auf der Weide
Weidehaltung spart wertvolles Getreide und Eiweiß.

Aber: Würde man - so wie früher - auf die Zufütterung von Getreide und Eiweiß verzichten, hätten Rinder eine wesentlich bessere Ökobilanz. Sie wandeln Zellulose, also Gras und Heu, in Eiweiß um. Getreide oder Soja brauchen sie dazu nicht. Allerdings erzielt man mit einer Kuh ohne Kraftfutter dann nicht 8.000 Liter Milch im Jahr, sondern nur die Hälfte. An der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf gibt es hierzu ein Pilotprojekt. Rinder könnten also Selbstversorger sein; Schweine und Hühner aber nicht. Sie brauchen wertvolles Getreide - und Eiweiß. Dafür wird vor allem meist gentechnisch verändertes Soja aus den USA und Südamerika importiert, in Deutschland sind das 4,5 Millionen Tonnen jährlich. Mit schlimmen Folgen für die Umwelt: Urwälder werden abgeholzt und durch Monokulturen verwüstet.

Fazit: Der weltweit wachsende Eier-, Milch- und Fleischhunger verlangt nach immer mehr Futtermitteln. Billig sollen sie sein, damit wir günstig einkaufen können. Doch der wachsende Bedarf an Tierfutter raubt den Menschen wertvolle Anbaufläche und zerstört die Umwelt.

Autor: Andreas Kegel (BR)

Stand: 07.11.2014 08:31 Uhr