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Göbekli Tepe - die Wiege der Zivilisation?

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Göbekli Tepe - die Wiege der Zivilisation? | Video verfügbar bis 25.08.2018
Ein Erdhügel mit Maulbeerbaum
Göbelki Tepe heißt übersetzt "der bauchige Hügel".

Als der deutsche Archäologe Klaus Schmidt im Oktober 1994 den Göbekli Tepe näher untersucht, ahnt er noch nicht, dass er damit die bisherige Vorstellung vom Beginn unserer Zivilisation über den Haufen werfen wird. Der unscheinbare Hügel im Südosten der Türkei fiel zwar schon in den 1960er-Jahren US-amerikanischen Archäologen auf. Doch sie stuften ihn seinerzeit nur als "unbedeutende Fundstelle" ein. Schmidt bemerkt sofort, welch besonderen Ort er entdeckt hatte. An der Oberfläche liegen Unmengen an Feuersteinwerkzeugen herum, Klingen, Feuersteinknollen und bearbeitete Abschläge. An der Art der Werkzeuge erkennt er, dass sie aus einer Zeit stammen, als die Menschen noch nicht sesshaft waren, sondern als Jäger und Sammler auf der Suche nach Nahrung durch die Gegend zogen. Als erfahrener Archäologe folgert er, dass der über 15 Meter hohe Hügel mit einem Durchmesser von 300 Metern von Steinzeitmenschen aufgeschüttet worden sein muss. Solche gewaltigen Fundstätten vom Ende der letzten Eiszeit waren weltweit bis dahin nicht bekannt.

Monumentale Steinkreise

 3D-Laserscan-Animation eines Steinkreises vom Göbekli Tepe (Bild: Deutsches Archäologisches Institut und Ingenieurbüro Christofori & Partner)
Der bisher größte freigelegte Steinkreis

Schmidt beginnt im folgenden Jahr mit seiner Ausgrabung und stößt schon einen halben Meter unter der Erdoberfläche auf monumentale Steinpfeiler. Schnell folgen weitere, angeordnet in gewaltigen Kreisanlagen, in deren Mitte oft zwei große, menschengestaltige Pfeiler stehen - möglicherweise Sinnbilder für Wesen aus einer anderen Welt. Mehr als 60 Steinpfeiler hat Schmidt bisher ausgegraben, die größten sind fast sechs Meter hoch und mehr als zehn Tonnen schwer. Schmidt vermutet, dass mit den vier bisher freigelegten insgesamt bis zu 50 Steinkreise im Hügel stecken.

Sie wurden noch von ihren Erbauern wieder zugeschüttet und so ist der Göbekli Tepe, übersetzt "der bauchige Hügel", nach und nach in die Höhe gewachsen. Warum die damaligen Menschen das gemacht haben, bleibt bisher rätselhaft. Sie haben der Nachwelt damit aber ein großes Geschenk gemacht: Die reich mit Reliefs verzierten Pfeiler wurden so über die Jahrtausende vor dem Verwittern geschützt und wirken wie gerade eben aus dem Stein gehauen.

Jäger und Sammler hinterließen viele Tierknochen

Eine Hand sortiert kleine Knochen an
Die Auswertung zeigt: Die gefundenen Knochen gehören zu wilden Tieren.

Die wissenschaftliche Sensation ist aber das hohe Alter der Kultstätte. Die Auswertung der Fundstücke zeigt, dass sie über 11.500 Jahre alt sein muss. Sie stammt somit aus einer Zeit, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren. Das beweisen auch die zahlreich gefunden Tierknochen, die von Archäozoologen wie Dr. Nadja Pöllath und Professor Joris Peters von der Ludwig-Maximilians-Universität München ausgewertet werden. Es handelt sich ausschließlich um Knochen wilder Tiere, die die damaligen Menschen auf der Jagd erlegt haben müssen. Den Menschen war also Viehzucht noch unbekannt. Diesen Steinzeitmenschen hatte man bisher nicht die Errichtung solcher monumentaler Steinkreise zugetraut. Aus dieser Zeit kannte man bisher bestenfalls die Reste von kleinen, runden Hütten aus Lehm und Steinen.

Erst eine Siedlung, dann die Kultstätte?

Drei Männer auf felsigem Untergrund
Wie haben Steinzeitmenschen diese Felsen transportiert?

Schmidts Entdeckung wirft die bisherige Vorstellung vom Entstehen unserer Zivilisation über den Haufen. Kein Experte hätte es bisher für möglich gehalten, dass schon vor der Entstehung größerer fester Siedlungen solche Kultstätten entstehen konnten. Denn sie verlangen eine gut organisierte Gesellschaft mit hochentwickelter Arbeitsteilung. Hunderte von Menschen mussten über mehrere Monate für den Bau der Steinkreise von Göbekli Tepe ernährt werden. Zudem gab es kaum technische Hilfsmittel wie etwa Karren, um die bis zu 50 Tonnen schweren Steinkolossen zu transportieren. Das Rad war noch längst nicht erfunden.

Bisher ging man davon aus, dass erst mit dem Ackerbau genügend Überschuss erwirtschaftet werden konnte, um Mitglieder der Gemeinschaft für solche Arbeiten freizustellen. So sollten erst größere Siedlungen entstehen, bevor in ihnen oder in ihrer Nähe größere Tempel gebaut wurden. Dieses Bild wirft der Göbekli Tepe über den Haufen: Weder auf dem Hügel noch in seiner unmittelbarer Nähe wurden bisher in den über 17 Jahren der Ausgrabungen Spuren einer dauerhaften Siedlung gefunden. Keine Kochstellen, keine Abfallgruben und auch keine für Siedlungen aus dieser Zeit charakteristischen weibliche Fruchtbarkeits-Statuetten. Anders als bisher angenommen, könnte das Entstehen größere Kultstätten nicht die Folge von Sesshaftwerdung und der Entwicklung des Ackerbaus sein, sondern ganz im Gegenteil der eigentliche Grund für diese Entwicklung.

Steinzeit-Jäger bauten Getreide an und brauten Bier

Schmidts Szenario, das von immer mehr Forschern unterstützt wird: Die damalige Jäger- und Sammlergesellschaft ist hoch organisiert und baut die zentrale Kultstätte. Dafür muss sie Wildgetreidefelder mit Emmer und Einkorn in großem Stil abernten, um ausreichend Nahrung für die Bauarbeiter zu haben. Auch fürs Bierbrauen ist das Getreide wohl bereits verwendet worden. Die kultischen Feste waren offenbar üppige Gelage mit reichlich Essen und Alkohol. Im Lauf der Jahrhunderte entstehen schließlich aus den ausgedehnten Wildgetreidefeldern bewirtschaftete Ackerflächen. Der Mensch beginnt, Getreide gezielt anzubauen, kultiviert einzelne Sorten und domestiziert später auch Tiere. Der Unterhalt der Kultstätte bindet immer mehr Menschen dauerhaft an ihren Ort und sie wird die Keimzelle für eine größere sesshafte Siedlung. Klaus Schmidt fasst das griffig zusammen: "Erst kam der Tempel, dann kam die Stadt." Der Göbekli Tepe deckt diese Übergangszeit zur Sesshaftwerdung ab und ist deshalb für die Forschung so überaus wichtig.

Die älteste Hochkultur der Menschheit

Relief auf Stein-Pfeiler mit Geiern und anderen Tieren
In Stein gehauene Mythen

Die Reliefs auf den Pfeilern des Göbekli Tepe zeigen eine reiche Bilderwelt. Vor allem bedrohliche Tiere wie Raubkatzen, Geier, Spinnen und Skorpione sind abgebildet. Eine Menagerie, die vermutlich eher düsteren Unterwelt-Szenarien zugeordnet war, vielleicht im Rahmen eines Totenkultes. Auf vielen Pfeilern sind diese Tierdarstellungen mit anderen teilweise nicht entschlüsselten Symbolen angeordnet. Sie scheinen Bildergeschichten zu erzählen und könnten somit eine Vorstufe zur Entwicklung von Schrift sein. Eine Entwicklung, die in Mesopotamien rund um die Städte Ur und Uruk mit der Erfindung der Keilschrift im 4. Jahrtausend vor Christus stattfindet. Bis dahin ist die Kultur der Menschen vom Göbekli längst wieder spurlos untergegangen, im 8. Jahrtausend hört nach über zwei Jahrtausenden die Nutzung des Hügels als Kultstätte auf. Die Ursachen dafür bleiben bis heute ein Rätsel.

Autor: Ingo Knopf (WDR)

Lesetipps
Sie bauten die ersten Tempel
Klaus Schmidt
C. H. Beck Verlag, München, 2006
ISBN 978-3406535000
282 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich
(nur noch antiquarisch erhältlich)

Das erste Mal
Hubert Filser
Ullstein Verlag, Berlin, 2013
ISBN 978-3548375038
336 Seiten, 9,99 Euro
Ein Kapitel widmet sich ausführlich dem „gebauchten Berg“, wie der Göbekli Tepe heißt.

Mesopotamien
Wolfgang Korn
Theiss Verlag Verlag, Stuttgart, 2013
ISBN 978-3806225358
174 Seiten, 39,95 Euro
In seinem Buch „Mesopotamien“ erklärt Wolfgang Kern auch die Bedeutung des Göbekli Tepe.

Stand: 06.10.2016 09:40 Uhr