SENDETERMIN So, 27.01.13 | 17:00 Uhr | Das Erste

Zucker und Sucht

Sind wir zuckersüchtig?

Ein Mädchen hält einen großen Softdrink-Becher

Sollen in New York verboten werden: riesige Softdrinks

Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dazu gehörten bisher auch: unbegrenzt große Portionen. In New York soll sich das jetzt ändern. Ab März 2013 dürfen die riesigen Softdrinks, die dort bisher üblich waren, nicht mehr verkauft werden. Bürgermeister Michael Bloomberg will damit verhindern, dass die New Yorker weiterhin so viel Zucker konsumieren. Das wirkt im wahrsten Wortsinne wie Bevormundung. Sollte nicht jeder selbst entscheiden, wie viel Zucker er isst? Nein, argumentieren manche Wissenschaftler, nicht wenn Zucker süchtig macht.

Weniger Zucker - aber wie?

Eine sehr übergewichtige Frau neben ihrem Einkaufswagen

In New York sterben jährlich 6.000 Menschen an den Folgen von Übergewicht.

Seit mehreren Jahren warnt die Gesundheitsbehörde in New York in Aufklärungsvideos davor, stark zuckerhaltige Getränke zu konsumieren: "Das kann Diabetes auslösen, Herzkrankheiten und sogar Krebs. Trink dich nicht krank!", heißt es darin. Zu sehen sind Bilder von Herzinfarktpatienten, fetten Menschen, die nicht mehr laufen können, und von Diabetikern, denen Zehen abfaulen. Es sind drastische Aufnahmen - aber der Umsatz der süßen Getränke ist durch die Videos nicht zurückgegangen. Und weiterhin sterben jährlich etwa 6.000 New Yorker an den Folgen ihres Übergewichts. Aufklärung und Appelle an die Vernunft reichen hier nicht aus, glaubt Bürgermeister Bloomberg. Das Verbot zuckerhaltiger Riesengetränke, das er in New York durchgesetzt hat, hält er für richtungsweisend und glaubt, dass viele andere Städte nachziehen werden. "Ich glaube, dass wir damit Leben retten," so Bloomberg.

Auch Professor Robert Lustig, Übergewichtsforscher an der Universität San Francisco, warnt davor, es jedem selbst zu überlassen, wie viel Zucker er konsumiert: "Dann wird sich nie etwas ändern," sagt Lustig, "wenn Zucker süchtig macht und wenn er überall verfügbar ist - dann werden Menschen zu viel davon essen. Genau so, wie sie es jetzt tun."

Zucker unter Verdacht

Die MRT-Aufnahmen eines Gehirns

Macht Zucker süchtig?

Macht Zucker wirklich süchtig? Auch deutsche Suchtforscher beschäftigt diese Frage. An der Universität Heidelberg schaut Professor Falk Kiefer übergewichtigen Patienten ins Gehirn. Die Studienteilnehmer sehen Bilder von verschiedenen Speisen. Ein Magnetresonanztomograph (MRT) zeichnet auf, was der Anblick in ihrem Gehirn auslöst.

Deutlich wird: Auf Äpfel reagiert das Gehirn ganz anders als auf Eiscreme. Nur stark zuckerhaltige Speisen aktivieren das Belohnungssystem. Das Gehirn reagiert auf Zucker ähnlich wie auf Alkohol oder andere Suchtstoffe und schüttet vermehrt Dopamin aus.

"Dieses dopaminare Belohnungssystem führt dazu, dass alles, was mit dem Konsum von Süßigkeiten zu tun gehabt hat, als etwas Wichtiges, Aufmerksamkeit-Erregendes markiert wird", sagt Professor Kiefer. Und das hat Folgen: "Wenn Sie als adipöser (fettleibiger) Mensch durch die Stadt gehen, dann werden Sie wahrscheinlich dem Eisladen, dem McDonalds mehr Aufmerksamkeit schenken, als wenn Sie als nicht Adipöser ganz neutral auf viele Reize gucken, die da sind."

Zucker aktiviert die gleichen Hirnareale wie Alkohol und andere Drogen. Von "Sucht" will Professor Kiefer trotzdem nicht sprechen. Aber es steht für ihn außer Frage, dass Zucker "suchtähnliches Verhalten" auslösen kann. Kiefer: "Die Vorliebe für Süßigkeiten hat viel mit der Vorliebe für Drogen zu tun, nur das Ausmaß dieses Problems ist bei Drogenabhängigen in aller Regel viel höher. Wir kennen natürlich auch die schwer geschädigten adipösen Menschen, die trotz der schweren Folgeschäden gar nicht von Zucker lassen können."

Zucker verändert das Gehirn

Eine Ratte in einem Käfig

Das Gehirn der Ratte wird auf Zucker "geeicht".

Auch Kiefers Kollege Professor Rainer Spanagel untersucht das extreme Verlangen nach Süßem - an Ratten. Seine Forschergruppe hat herausgefunden, dass der hohe Zuckerkonsum zu molekularen Umbauten an den Synapsen führt. "Das sind dann nicht nur kurzfristige Veränderungen, sondern das Gehirn erinnert sich daran und kann auch später noch ein Verlangen nach Zuckerlösung auslösen," erklärt Spanagel. Bisher sind diese Veränderungen im Gehirn nur im Tierversuch belegt, aber die Wissenschaftler halten es für wahrscheinlich, dass sie auch beim Menschen stattfinden. Das Gehirn wird also geradezu auf Zucker geeicht. Sehr ungesund in einer Zeit, in der Zucker jederzeit und überall verfügbar ist. "Die Evolution hat nicht damit gerechnet, dass Menschen mal in einem Paradies leben würden, und das tun wir ja heute, wenn es um Nahrung geht," erklärt Spanagel.

Christine Buth (NDR)

Adressen
Klinik für abhängiges Verhalten und Suchtmedizin
Prof. Falk Kiefer
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
J 5
68159 Mannheim

Institut für Psychopharmakologie
Prof. Rainer Spanagel
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
J 5
68159 Mannheim

Stand: 20.06.2013 16:57 Uhr