SENDETERMIN Sa, 21.03.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Macht Zucker süchtig?

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Macht Zucker süchtig? | Video verfügbar bis 19.03.2020

Eine sehr übergewichtige Frau neben ihrem Einkaufswagen

In New York sterben jährlich 6.000 Menschen an den Folgen von Übergewicht.

Seit mehreren Jahren warnt die Gesundheitsbehörde in New York in Aufklärungsvideos davor, stark zuckerhaltige Getränke zu konsumieren. Da heißt es: "Das kann Diabetes auslösen, Herzkrankheiten und sogar Krebs. Trink dich nicht krank!" Zu sehen sind Bilder von Herzinfarktpatienten, fetten Menschen, die nicht mehr laufen können und von Diabetikern, denen Zehen abfaulen. Es sind drastische Aufnahmen - aber der Umsatz der süßen Getränke ist durch die Videos nicht zurückgegangen. Und weiterhin sterben jährlich etwa 6.000 New Yorker an den Folgen ihres Übergewichts.

Auch Prof. Robert Lustig, Übergewichtsforscher an der Universität San Francisco, warnt davor, es jedem selbst zu überlassen, wie viel Zucker er konsumiert: "Dann wird sich nie etwas ändern" sagt Lustig, "wnn Zucker süchtig macht und wenn er überall verfügbar ist - werden Menschen zu viel davon essen. Genau so, wie sie es jetzt tun."

Zucker aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn

Die MRT-Aufnahmen eines Gehirns

Was bewirkt Zucker bei uns im Gehirn?

Macht Zucker wirklich süchtig? Auch deutsche Suchtforscher beschäftigt diese Frage. An der Universität Heidelberg schaut Prof. Falk Kiefer übergewichtigen Patienten ins Gehirn. Die Studienteilnehmer sehen Bilder von verschiedenen Speisen. Ein Magnetresonanztomograf (MRT) zeichnet auf, was der Anblick in ihrem Gehirn auslöst.

Deutlich wird: Auf Äpfel reagiert das Gehirn ganz anders als auf Eiscreme. Nur stark zuckerhaltige Speisen aktivieren das Belohnungssystem. Das Gehirn reagiert auf Zucker ähnlich wie auf Alkohol oder andere Suchtstoffe und schüttet vermehrt Dopamin aus.

"Dieses dopaminare Belohnungssystem führt dazu, dass alles, was mit dem Konsum von Süßigkeiten zu tun gehabt hat, als etwas Wichtiges, die Aufmerksamkeit Erregendes markiert wird", sagt Prof. Kiefer. Die Folgen: "Wenn ein adipöser Mensch durch die Stadt geht, wird er einem Eisladen oder einem McDonalds-Restaurant mehr Aufmerksamkeit schenken als ein nicht Adipöser."

Zucker aktiviert die gleichen Hirnareale wie Alkohol und andere Drogen. Von "Sucht" will Prof. Kiefer trotzdem nicht sprechen. Aber es steht für ihn außer Frage, dass Zucker "suchtähnliches Verhalten" auslösen kann. Kiefer: "Die Vorliebe für Süßigkeiten hat viel mit der Vorliebe für Drogen zu tun, nur das Ausmaß dieses Problems ist bei Drogenabhängigen in aller Regel viel höher. Wir kennen natürlich auch die schwer geschädigten adipösen Menschen, die trotz der schweren Folgeschäden gar nicht von Zucker lassen können."

Im Tierversuch verändert Zucker das Gehirn

Eine Ratte in einem Käfig

Das Gehirn der Ratte wird auf Zucker "geeicht".

Auch Kiefers Kollege Prof. Rainer Spanagel untersucht das extreme Verlangen nach Süßem - an Ratten. Seine Forschergruppe hat herausgefunden, dass der hohe Zuckerkonsum zu molekularen Umbauten an den Synapsen führt. "Das sind dann nicht nur kurzfristige Veränderungen, sondern das Gehirn erinnert sich daran und kann auch später noch ein Verlangen nach Zuckerlösung auslösen", erklärt Spanagel.

Bisher sind diese Veränderungen im Gehirn nur im Tierversuch belegt, aber die Wissenschaftler halten es für wahrscheinlich, dass sie auch beim Menschen stattfinden. Das Gehirn wird also geradezu auf Zucker geeicht. Sehr ungesund in einer Zeit, in der Zucker jederzeit und überall verfügbar ist. "Die Evolution hat nicht damit gerechnet, dass Menschen mal in einem Paradies leben würden, und das tun wir ja heute, wenn es um Nahrung geht", sagt Spanagel.

Autorin: Christine Buth (NDR)

Stand: 21.03.2015 15:21 Uhr