Rückschau: "Taste the Waste"
Ein Dokumentarfilm fordert: Schluss mit der sinnlosen Vernichtung von Lebensmitteln!
Sendeanstalt und Sendedatum: HR, Sonntag, 4. September 2011

Bildunterschrift: Essen wandert in den Müll - Szene aus "Taste The Waste" (Bild: W-Film) ]
Autor: Peter Gerhardt
Joghurts und Käse werden aus Supermarktregalen aussortiert, obwohl das Mindesthaltbarkeitsdatum noch gar nicht erreicht ist. Bauern lassen jede zweite Kartoffel auf dem Feld verrotten, weil die Größe nicht stimmt, und in unseren Kühlschränken vergammelt überflüssiges Essen. Über 50 Prozent aller Lebensmittel in Europa landen auf dem Müll, in Deutschland allein 20 Millionen Tonnen im Jahr.
Der Dokumentarfilm "Taste the Waste"("Schmecke den Müll") des Regisseurs Valentin Thurn zeigt den täglichen Wahnsinn. In prägnanten Bildern und ohne erhobenen Zeigefinger deckt Thurn einen Essens-Skandal nach dem anderen auf, bis dem Zuschauer der Bissen im Hals stecken bleibt. Mit der Menge der jährlich weggeworfenen Lebensmittel in der westlichen Welt könnten alle Hungernden der Welt ernährt werden, nicht nur einmal sondern dreimal!
Und die sinnlose Vernichtung von Lebensmitteln ist nicht nur ein ethisches Problem…
ttt fragt den Regisseur Valentin Thurn wie dieses "Müllsystem" verändert werden und wie sich jeder Einzelne daran beteiligen kann.
Text des Beitrags:
Bildunterschrift: ]
Lebensmittel wie gemalt. Keine Macken. Ständig und überall verfügbar. So wünschen wir uns den täglichen Einkauf. Die ekelhafte Kehrseite dieses Wunsches: Fast die Hälfte aller Lebensmittel wird nie gegessen. Sie landet auf dem Müll. Obwohl die Produkte eigentlich tadellos sind. Vernichtet, weil sie ersetzt werden durch noch Frischere, noch Schönere.
Regisseur Valentin Thurn: "Das System ist pervers. Eindeutig. Weil wir haben einen Punkt erreicht, wo Lebensmittel vom Handel völlig entwertet werden."
"Taste the Waste" - "Schmecke den Müll": Drei Jahre lang hat Regisseur Valentin Thurn für seinen Dokumentarfilm die Hintergründe dieses Systems recherchiert: "Ich war wirklich geschockt über diese Ausmaße. Wenn man das mal unter dem Strich zusammenfasst: Wir schmeißen ungefähr genau so viel weg wie wir essen."
In seinem Dokumentarfilm zeigt Valentin Thurn die Gründe dafür: In diesem Supermarkt zum Beispiel räumen die Mitarbeiter jeden Abend das Joghurt-Regal leer. Alles, was in weniger als einer Woche abläuft, fliegt raus. Die Kunden wollen das so. Das ist Wahnsinn. Denn: Der gesetzlich vorgeschriebene Begriff: "Mindesthaltbarkeitsdatum" führt in die Irre. Joghurts können noch Wochen danach bedenkenlos gegessen werden. Doch so verschwinden tausende Tonnen genießbarer Lebensmittel sang- und klanglos im Müllcontainer. In den Supermärkten und auch bei uns zuhause.
Völlig unnötig findet Thurn: "Man sollte seinen Sinnen wieder trauen. Aufmachen, dran riechen, schmecken. Wenn er um ist, dann kriegt man das mit und man kriegt, auch wenn das schlecht ist, - dann ist damit keine Gesundheitsgefährdung verbunden. Also das ist eigentlich so eine Geschichte, wo Politik und Handel in der Vergangenheit völlig versagt haben."
Der Irrsinn fängt schon vor den Supermärkten an. Kaum ein Landwirt spricht offen darüber. Regisseur Thurn hat Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf gefunden, der freimütig erzählt, dass er Kartoffeln auf dem Feld verrotten lassen muss, weil sie zu groß sind oder zu klein. Oder einfach nicht "formschön" genug.
Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf: "Dann gibt es auch Kartoffeln, die haben Macken wie diese hier. Und dann sind sie nicht mehr verkaufsfähig. Die werden dann weggeschmissen."
Schuld daran sind nicht alleine die Verbraucher, so zeigt der Film, die "schöne" Kartoffeln fordern. Landwirt Graefe zu Baringdorf erzählt, dass auch hier die Politik die Hände im Spiel hat: Er darf nur Kartoffeln verkaufen, die optisch bestimmten Normen entsprechen und sich in fest definierte Handelsklassen einordnen lassen. Fast jede zweite Kartoffel bleibt deshalb auf dem Acker liegen. Wird später untergepflügt.
Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf: "Einem alten Bauern tut das weh. Das ist nicht nur Geld, sondern das ist auch nicht richtig."
"Taste the Waste" führt uns um die gesamte Welt und zeigt: Brauchbare Lebensmittel werden vernichtet, weil die Kunden zu jeder Zeit die allerfrischeste Ware erwarten. Deshalb wird weggeschmissen, was das Zeug hält. Überall. Es hat aber auch einen ganz praktischen Grund, weshalb große Teile des Films im Ausland spielen. In Deutschland bekam Valentin Thurn fast nirgendwo eine Drehgenehmigung.
Valentin Thurn: "Ich kann mir das nur mit einer Erklärung zurechtbiegen: Das Thema wurde verdrängt. Wir werfen täglich weg, aber wir tun es so ungern, dass wir es möglichst aus dem Gedächtnis verdrängen."
Kein Wunder: Das System stinkt zum Himmel. "Taste the Waste" - "Schmecke den Müll". Der Dokumentarfilm stößt uns mitten hinein. Und er zeigt, dass die Lebensmittelvernichtung nicht nur ein ethisches Problem ist der Verschwendung, sondern auch ein massives Umweltproblem. Beim Verrotten setzt der Abfall Methan frei. Ein Gas, das noch um ein vielfaches schädlicher ist, als der Klimakiller Kohlendioxid.
Valentin Thurn: "Wenn wir es schaffen würden, unseren Lebensmittelmüll zu halbieren. Das wäre gar nicht so schwer. Dann hätte das aufs Klima ungefähr die gleiche Auswirkung, wie wenn jedes zweite Auto stillgelegt würde."
Doch wie schaffen wir das? Es reicht nicht, auf die Politik zu warten. Wir als Verbraucher müssen umdenken. Valentin Thurn zeigt, wie das gelingen kann: Mit einem Gemüse-Abo zum Beispiel wie hier in den USA, wo Kunden immer gerade das bekommen, was die Farmer frisch geerntet haben. Nicht alles muss immer verfügbar sein. Auch Supermärkte müssten längst nicht so viel wegschmeißen, wenn wir es akzeptieren würden, dass nicht bis Ladenschluss alle einhundert Joghurtsorten vorrätig sind.
Valentin Thurn: "Wenn die Märkte mitkriegen, ja, der Kunde akzeptiert das, obwohl er das nicht gewohnt war, aber er akzeptiert das, wenn wir es ihm positiv verkaufen und sagen: Wir machen das, damit wir weniger Müll erzeugen, dann werden sie es auch tun. Aber nur dann."
"Taste the Waste" - ein Dokumentarfilm, der aufrüttelt. Die Menge der Lebensmittel, die wir im Westen jedes Jahr wegwerfen, reicht aus, um ALLE Hungernden dieser Welt DREIMAL satt zu bekommen. Es ist an der Zeit, dass dieser Wahnsinn ein Ende hat.
Filminfos
"Taste The Waste"
Die globale Lebensmittelverschwendung
Ein Film von Valentin Thurn
HD, 88 Minuten
Kinostart: 8. September 2011
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 04.09.2011. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

