Rückschau: 50 Jahre Rolling Stones
Dieter Moor auf Spurensuche
Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 8. Januar 2012
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Seit 50 Jahren sind sie eine der erfolgreichsten Bands der Welt: The Rolling Stones. Noch immer bringen sie regelmäßig CDs heraus. Ihr letztes großes Konzert war vor fünf Jahren. Ob sie noch einmal auf der Bühne stehen werden, ist bislang ungewiss.
Jagger und Richards in Dartford

Bildunterschrift: Damals ein eingeschworenes Duo: Mick Jagger (l.) und Keith Richards. ]
Mick Jagger und Keith Richards sind von jeher ein eingeschworenes Duo. Beide verbrachten ihre Kindheit in Dartford, 30 Meilen von London. "Ich war neulich erst in Dartford auf den Spuren meiner Jugend", erzählt Richards. "Es ist nicht gerade die Stadt, die man vermisst. Eigentlich will man da nur noch weg." Seine Vorstadtjugend beschreibt Keith Richards in der Autobiografie "LIFE" in düsterer Schwarzmalerei.
Richards wurde mit fünf Monaten Abstand in derselben Klinik geboren wie der kleine Michael Phillip Jagger. Beide kamen aus ordentlichen bürgerlichen Familien. Keiths Vater arbeitete in einer Glühbirnenfabrik, Mikes war Lehrer. Sein Sohn besuchte die Dartford Grammar School, während Keith eine andere Schule vorzeitig verlassen musste. Unter seinem Zeugnis standen 1959 sechs Worte: Er hat das niedrige Niveau gehalten.
Was Mick und Keith zusammenschweißt, ist die Liebe zur Bluesmusik. Am Bahnhof von Dartford haben sich die beiden zum ersten Mal getroffen. Mick hatte eine Chuck Berry Platte dabei. Das war für Keith wie ein geheimes Zeichen. Denn die Rock’n’Roll und Blues Fans waren wie die ersten Christen: Sie erkannten sich und trafen sich im Geheimen, und dort übten sie die Gitarrengriffe ihrer amerikanischen Helden.
Treffen mit Watts, Stu und Wyman

Bildunterschrift: Charlie Watts ist seit 1963 der Schlagzeuger der Rolling Stones. ]
Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie in den Vorortzug steigen und bei den Londoner Blues-Sessions mitspielen. Dort treffen sie Carlie Watts. "Ich lernte Keith und Mick - und Brian - über Alexis Korner kennen, den Bandleader von Blues Incorporated. Dann traf ich Stu. Er wurde unser Klavierspieler."
Ian Stewart, kurz "Stu", spielt eine wichtige Rolle in den Anfangstagen der Band. Er lässt nichts anderes gelten als die amerikanischen Boogie Woogie Pianisten. Stus musikalische Sturheit trägt dazu bei, dass er kein echter Stone wird. Wie Keith, Brian, Charlie, Mick und - Bill. Der hat sein musikalisches Erweckungserlebnis bei der Army in Deutschland: "Wir haben alle diese fantastischen Songs im Soldatensender gehört. Es klang so unglaublich neu und authentisch. Ich rannte in die Stadt und kaufte mir eine Gitarre. Das war der Moment, in dem ich mich für die Musik entschied."
Der erste Gig und ein neues Image

Bildunterschrift: Die Rolling Stones 1964 (v.l.n.r.): Bill Wyman, Brian Jones, Charlie Watts, Mick Jagger, Keith Richards. ]
Ihren ersten Auftritt haben die Rolling Stones am 12. Juli 1962 im Londoner Marquee Club. "Ich gab den Rolling Stones nicht mehr als drei Jahre", erzählt Charlie Watts. Dass aus ihnen mehr als eine Kneipenband wird, dafür sorgt Manager Andrew Oldham. Er verpasst ihnen gleich ein neues Image. Weg mit den braven Tanzmucker-Jacken - sie sollten wild und ungezogen aussehen.
Oldham findet, fünf Bandmitgleider seien genug. Pianist Ian Stewart wird zum Mädchen für alles und zum Aushilfsmusiker degradiert. Mick, Keith und Brian ziehen in London in eine WG. Total versifft, finden selbst die Beatles. Nudeln werden aus der Teetasse geschlürft. Inzwischen benehmen sich die Stones so, wie es das neue Image von ihnen verlangt.
"Selbst Großeltern standen ja schon auf die Beatles, und folgerichtig verwandelte Manager Andrew Oldham eine Handvoll ernsthafter Bluesmusiker in böse Anti-Beatles. Verrucht und gefährlich sollt ihr wirken, sagte er, dann verdient ihr viel Geld. Besonders Mick wollte viel Geld und sagte: Okay, dann bin ich eben böse", erzählt Philip Norman, Biograf von Jagger.
Fanatische Fans und Drogenexesse

Bildunterschrift: 1965 in Münster: Die Polizei hält jubelnde Fans vor einem Stones-Konzert zurück. Immer wieder kommt es zu Tumulten. ]
Die Stones erobern die Pop-Welt. Auch in Deutschland spielen sie in mehreren Hallen und bringen die Fans zum Ausrasten. Wenig später posieren sie in der BRAVO-Redaktion - handzahm und bester Laune, denn es geht um Wiedergutmachung: Ein paar Monate zuvor gab es Randale in der Berliner Waldbühne. Angeblich, weil die Stones viel zu kurz gespielt hatten.
Weiter geht's mit Sex and drugs and Rock’n’Roll. Die Polizei macht Razzien, die Medien knipsen die Scheinwerfer an, und die Justiz straft öffentliches Pinkeln und Drogenexzesse. Während Leadsänger Jagger sich zumindest in einem Interview von Drogen distanziert, steckt Brian Jones immer tiefer drin. "Wir hatten einfach keine Zeit, uns um Brians Problem zu kümmern. Es war schwierig - er war ein komischer Vogel", so Richards.
Die Stones ersetzen Jones durch Mick Taylor. Wenige Wochen später starb Brian Jones in einem Pool - im Verlauf einer außer Kontrolle geratenen Rangelei mit einem anderen, bei der er unter Wasser geriet.
Drama in den USA

Bildunterschrift: Die Rolling Stones stellen 1969 ihren neuen Gitarristen Mick Taylor (weiße Jacke) vor. ]
1969 gehen die Rolling Stones auf Tour in den USA. Beim Free Concert von Altamont gerät das Publikum außer Kontrolle. Ein junger Schwarzer wirde von einem Hell’s Angel erstochen. Es ist der schwärzeste Tag in der Bandgeschichte. "Das war alles mehr als genug, um eine Band auseinander fliegen zu lassen. Einzig und allein Mick hielt alles am Laufen. Unter Keith wäre die Geschichte der Stones damals zu Ende gewesen", berichtet Norman.
Es bleibt turbulent. Die Stones haben gigantische Steuerschulden und sich ausnehmen lassen - vom selben Manager wie die Beatles. 1971 schlägt ein Steuerberater vor, das Land zu verlassen. In Südfrankreich, im Keller der Villa von Richards nehmen sie ein neues Album auf. "Jedes Album hat eine bestimmte Stimmung, eine innere Haltung - bei 'Exile on Main Street' die einer Verbannung, und der musste man gerecht werden", so Jagger.
The Rolling Stones im Pop-Establishment
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Nach dem ruppigen Album "Exile on Main Street" ist "Angie" wie ein kuschelweiches Hinübergleiten in eine andere Ära. Auf einmal ist klar: Sie gehören zum Pop-Establishment. Die Rock-Rebellen werden zu Gecken, zu gestopften Paradiesvögeln. Das finden selbst die arrivierten Medien und berichten kritisch.
"Obwohl die Stones ein Jahrzehnt lang gutbürgerliche Eltern erschreckt haben, führen sie, selbst vielfache Millionäre, ein fürstliches Leben. Limousinen mit Chauffeur, feine Partys und Geburtstagsgeschenke im Wort von über 25.000 Mark gehören dazu", heißt es 1973 im NDR Fernsehen.
Große Bühnen und Solo-Karriere

Bildunterschrift: In den 80ern startete Mick Jagger neben den Rolling Stones eine Solo-Karriere. ]
Im dritten Stones-Jahrzehnt - inzwischen hat Ron Wood Mick Taylor an der Gitarre abgelöst - geht es hoch hinaus, vor allem bei den Bühnenarbeiten für die großen Tourneen - wie 1982 bei der "Tattoo you"-Tournee, zum ersten Mal in einem Fussballstadion. Mit der Größe der Bühnen wächst auch der Abstand zueinander.
Vor allem Jaggers Ego gerät für die anderen zum Monster. Ein Glück für die Fans, dass seiner Solo-Karriere nach und nach die Luft ausgeht. Ein paar Jahre herrscht Funkstille zwischen den Glimmer Twins Jagger und Richards, erst Ende der Achtziger geht es wieder auf Tour.
Man wird gefeuert oder man verlässt die Band im Sarg, soll Keith einmal gesagt haben. Bill Wyman geht 1993 freiwillig.
Musik machen jenseits der Stones

Bildunterschrift: 1993 hat Bill Wyman die Band verlassen. ]
Inwischen 75, präsentiert Wyman zusammen mit seinen "Rhythm Kings" von Zeit zur Zeit einfach nur seine Lieblingsstücke mit alten Freunden. "Wir spielen nicht für die Karriere, nicht für Plattenfirmen, nicht für die Charts, nicht für Ruhm und Selbstbeweihräucherung", erklärt er. "Einfach nur gute Musik, viel Spaß haben, und wir machen das Publikum glücklich."
Seinen Spaß hat auch Charlie Watts, wenn er mit dem ABC&D of Boogie Woogie unterwegs ist, zu dem auch der deutsche Pianist Axel Zwingenberger gehört. "Wenn man Zeit und Energie hat, dann macht das Spaß. Wenn es zuviel wird, ist der Spaß vorbei", sagt er.
Stones-Museum in Lüchow-Dannenberg

Bildunterschrift: Ulrich Schröder hat das "Stones Fan Museum Lüchow" ins Leben gerufen. ]
Wer die Helden verehren will, sollte ins Wendland nach Lüchow fahren. Im weltweit ersten Stones-Fan-Museum steht sogar der Billardtisch, den die Jungs auf Tourneen mitschleppten, samt Unterschriften und Original-Stoßspuren von "Keith’s Queue". Übrigens - gäbe es DAS Museum der Popmusik, wer würde den besten Raum bekommen – die Beatles oder die Stones?
Literatur
"Life"
Autobiografie von Keith Richards
Heyne Verlag (26. Oktober 2010)
736 Seiten
ISBN: 978-3453163034
Preis: 26,99 Euro
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"Mick Jagger: Die Biographie"
von Philip Norman
Droemer Verlag
560 Seiten
ISBN: 978-3426275429
Preis: 24,99 Euro
Dieses Buch wird am 1. September 2012 erscheinen.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 08.01.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

