Christian Granderath über den Film

Leiter der NDR-Abteilung Film, Familie & Serie

»Wir erzählen in der Prime Time im Rahmen eines Doku-Dramas von einer Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte, bei der zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg auf Befehl eines deutschen Soldaten mehr als hundert Zivilisten, darunter auch Frauen und Kinder, ihr Leben verloren haben.«

Christian Granderath PB Fiktion & Unterhaltung / Film, Familie und Serie
Christian Granderath

Krieg "geht nicht" – diese Erkenntnis ist wohl Allgemeingut unter deutschen Fernsehfilmredakteuren, gleich ob öffentlich-rechtlich oder privat. Darin drückt sich zunächst weniger eine moralische oder ethische Haltung aus. Es ist berufliches Know-How, in der Prime-Time kann man mit dem Geschichten-Erzählen über die Kriege von heute in der Regel nicht wirklich Quote machen. Zu dunkel, zu düster, zu gewalttätig und nicht wirklich frauenaffin.

Abgesehen vom schleswig-holsteinischen FDP-Landesvorsitzenden Wolfgang Kubicki, der nachts vor dem Fernseher gerne Kriegsfilme nachspricht und -spielt, wollen Zuschauerinnen und Zuschauer Geschichten über die Auslandseinsätze der Bundeswehr und ihre Folgen in der Mehrheit wohl lieber nicht sehen. Dies ist mitverantwortlich dafür, dass es im deutschen Kino und Fernsehen eher selten Spielfilme über Bundeswehr-Auslandseinsätze und ihre Folgen gibt. Die Zögerlichkeit von Auftraggebern und Publikum ist aber nur eine Seite der Medaille.

"Der Krieg, er ist nicht tot der Krieg / Der Krieg, er ist nicht tot, er schläft nur / Er liegt da unterm Apfelbaum und wartet, wartet / auf mich, auf dich. Er ist nicht tot, der Krieg", hatte Rio Reiser 1991 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende des Kalten Krieges zu Beginn der Balkankriege gesungen. Davon haben deutsche Autoren und Regisseure offenbar wenig gespürt. Zumindest scheint sie diese gravierende Veränderung nach einer der längsten Friedensperioden der deutschen Geschichte nicht näher zu interessieren oder zu inspirieren. Tatorte, Polizeirufe und Militärklamotten eingeschlossen kommt man auf kaum mehr als rund ein Dutzend Bundeswehrspielfilme insgesamt in den vergangenen 20 Jahren, obwohl in dieser Zeit mehrere Hunderttausend Soldatinnen und Soldaten mit unterschiedlichen Begründungen wieder mit der Waffe ins Ausland geschickt wurden und an Kriegen teilgenommen haben oder teilnehmen, manchmal, ohne dass der Krieg "Krieg" genannt werden darf.

Trotz einem Einsatz in Somalia vor zwanzig Jahren, der Kriege auf dem Balkan oder in Afghanistan ist in deutschen Filmen kaum zu spüren, dass in der Auseinandersetzung mit dem "Vater aller Dinge" in Charakteren, Konflikten und Geschichten ein künstlerischer Ausdruck gesucht worden ist, der mit der nötigen Wucht und Leidenschaft ans Licht, auf die Leinwand oder auf den Bildschirm drängt. Bis heute gilt der Arbeit und den Konflikten von Bundeswehrsoldaten maximal freundliches Desinteresse der deutschen Filmemacher. Wenn von deutschen Soldaten erzählt wird, dann häufig als traumatisierten Opfern des Kriegs, als Täter scheinen sie selten zu taugen.

"Die Deutschen müssen das Töten lernen" lautete ein Spiegel-Titel zum Afghanistan-Konflikt im Jahr 2006. Drei Jahre später hatte sich dies in Kunduz mit der Tötung von mehr als 100 Zivilisten geändert. Es ist sicher grober Unfug, von Filmemachern auf Knopfdruck Filme zu welchem Thema auch immer verlangen zu wollen. Die guten Absichten stehen dem guten Erzählen dann im Weg, Kunstwerke entstehen anders und einen verfilmten Leitartikel braucht niemand. Aber es ist irritierend, wenn eine solch gravierende Veränderung des Landes, in dem man lebt, die Künstler nicht neugierig macht, nicht inspiriert – und wenn niemand von den Grafs und Geschonnecks, den Dresens und Petzolds, den Wortmanns und Bucks, den Tykwers und Henckel von Donnermarcks das für sehens – und erzählenswert hält.

Eine seltsame Ironie, dass als einer der wenigen Filmemacher ausgerechnet Til Schweiger, natürlich über eine Heldenfigur, im Rahmen eines Action-Films den Afghanistan Konflikt aufgegriffen hat – und dann keinen Respekt, sondern nur die Häme und den Spott der deutschen Filmkritik erntet. Die Artisten in der Zirkuskuppel – ratlos, harmlos, teilnahmslos und Spiegelbild, nicht Seismograph einer Gesellschaft, die ihre neuen Kriege mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis nimmt? Das Zurückscheuen vor der erzählerischen Auseinandersetzung mit dem Sujet ist nicht auf das Kino und den Fernsehfilm beschränkt – auch in der deutschen Gegenwartsliteratur finden sich kaum Spuren einer Veränderung, die schleichend zu immer stärkeren Verschiebungen in der deutschen Gesellschaft führt.

Ausnahmen wie Dirk Kurbjuweit mit seinem Roman "Kriegsbraut" oder Linus Reichlin mit "Das Leuchten in der Ferne" untermauern diesen Eindruck. Spiegel-Redakteur Kurbjuweit, der schon 1994 beim Bundeswehr Einsatz in Somalia mit der Reportage "Lucky zieht in den Krieg“ sensibel die sich anbahnenden Veränderungen dokumentierte, befürchtet spätestens seit den ungesühnten Bomben von Kunduz mit mehr als 100 toten Zivilisten den allmählichen Aufbau einer Kriegsgesellschaft – mit Geschöpfen, die der Krieg schuf und mit denen der Krieg mehr und mehr in den deutschen Alltag einsickert. Kein Stoff für eine, zwei, drei, vier, viele Filmgeschichten – in welchem Genre und in welcher Form auch immer ?

Das Phänomen Krieg gilt seit Heraklits berühmten Sätzen als "Vater aller Dinge, aller Dinge König. Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien" – wie geschaffen für die großen Stoffe in Literatur und Film, einem Medium, in dem von Schuss und Gegenschuss die Rede ist und das der Regisseur Samuel Fuller in Jean Luc Godards "Pierrot Le Fou" mit einem Schlachtfeld verglichen hat, auf dem Liebe und Hass, Action, Gewalt und Tod toben. Kino- und Fernsehfilme wie "Black Hawk down", "Wag the dog", der BBC-Zweiteiler "Warriors" und Kathryn Bigelows "The Hurtlocker" und "Zero dark Thirty" zeugen stellvertretend für viele andere davon.

Und natürlich ist Krieg auch immer die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln. Godards Satz "Es gilt keine politischen Filme zu machen, sondern Filme politisch zu machen" hat vielleicht bei manchen Filmemachern zu der Sorge geführt, dass Film auf ein Agitationsmittel reduziert wird und als Mittel zum Zweck dienen soll, als Werk, das mit purer Ideologievermittlung zu unmittelbarem Handeln aufruft. Das Erzählen einer Geschichte dient dann nur als Transmissionsriemen für die Übermittlung einer politischen Botschaft, die jederzeit genau weiß, wo Gut und Böse verortet sind, wie die Welt geordnet sein muss und wie der Kampf dafür auszusehen hat.

All das hat Autor und Regisseur Raymond Ley, Produzent Ulrich Lenze und die Redakteure des Films "Eine mörderische Entscheidung" nur am Rande interessiert. "Mörderisch" ist in unserem Zusammenhang keine Wertung im Rechtssinn, neben der juristischen hat der Begriff auch eine umgangssprachliche Bedeutung. Es ging uns nicht darum, einen Kriegsfilm oder einen Antikriegsfilm zu produzieren oder Film als die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln zu nutzen.

Wir erzählen in der Prime Time im Rahmen eines Doku-Dramas von einer Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte, bei der zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg fünftausend Kilometer von Deutschland entfernt auf Befehl eines deutschen Soldaten mehr als hundert Zivilisten, darunter auch Frauen und Kinder, ihr Leben verloren haben. Ein bis heute ungesühnter Vorgang, da alle Verfahren gegen den dafür verantwortlichen Bundeswehrsoldaten eingestellt bzw. erst gar nicht eröffnet wurden.

Ohne Denunzierung der Täter, ohne Feindbilder und ohne billige politische Parolen, aber mit der nötigen Offenheit und Unentscheidbarkeit wollen wir dem Zuschauer die Antwort auf die Fragen überlassen, wie er möglicherweise an Oberst Kleins Stelle entschieden hätte und welche Schlüsse er aus dem Geschehen zieht. Und ob, wie und wo Krieg "geht".

Christian Granderath
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