„Die Spannung sollte aus der Psychologie der Figuren und ihrer Konstellation zueinander entstehen."

Interview mit dem Drehbuchautor Christian Jeltsch

Der Autor Christian Jeltsch wurde 1958 in Köln geboren und lebt in München. Im Jahr 2001 bekam Christian Jeltsch für den Fernsehfilm "Einer geht noch" den Grimme-Preis, 2006 gewann er für "Bella Block – Das Glück der anderen" 2006 den Deutschen Fernsehpreis. "Er wird töten" ist der fünfte "Tatort", den Jeltsch für Radio Bremen geschrieben hat.

Marie Schemer, Dr. Katzmann und Polizistin
Szene aus "Er wird töten": Gerichtsmediziner Dr. Katzmann prüft, ob Marie Schemer Drogen genommen hat.

Herr Jeltsch, Sie haben gleich zwei "Tatort"-Folgen hintereinander geschrieben. In "Er wird töten" geht es um die Aufklärung des Mordes an Inga Lürsens neuem Kollegen, mit dem sie in der Folge zuvor, in "Puppenspieler", eine Liebesbeziehung begonnen hat. Was hat Sie dazu bewogen, eine Figur zu entwickeln und sie bald darauf wieder sterben zu lassen, die man als Zuschauer gerade erst kennen gelernt und liebgewonnen hat?

Am Anfang des "Tatorts" stand die Idee, eine Geschichte in Kammerspielform zu erzählen. Die Spannung sollte aus der Psychologie der Figuren und ihrer Konstellation zueinander entstehen. Dazu wollte ich über ein Thema schreiben, das mich sehr reizt und das meiner Meinung nach perfekt zu der Kammerspielform passt: das Thema Verlust. Jede der Figuren in diesem Tatort muss mit dem Verlust eines Menschen umgehen – die Tochter, der Freund, der Kollege. Im Falle von Inga Lürsen wollte ich es der Kommissarin besonders schwer machen. Sie verliert nicht nur den Kollegen, sondern mit ihm auch den Geliebten. Dass viele Zuschauer den Tod von Oberkommissar Leo Uljanoff sicherlich bedauern werden, ist für mich ein Zeichen, dass die Figur stimmig ist und man ihn schnell liebgewinnen konnte. Wichtiger aber war mir zu erzählen, wie Inga Lürsen mit einer solchen Extremsituation umgeht. Und ehrlich gesagt, der Bremer Tatort ist dann eben doch vor allem Lürsen und Stedefreund.

Was waren für Sie beim Schreiben die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung war, dem Anspruch des Kammerspiels gerecht zu werden und gleichzeitig die äußere und die innere Spannung zu halten. Die äußere Spannung der Suche nach dem Mörder und die innere Spannung, die von den Figuren ausgeht. Dass das so gut gelungen ist, ist ein Verdienst der Schauspieler, der Regie, der Kamera und des Schnitts. Hinzu kam die schöne Herausforderung, in dem Umfeld der angespannten Polizeiarbeit die vorsichtige Wiederannäherung von Lürsen und Stedefreund zu erzählen. Die ja erst gelingt, als sie sich dabei nicht in die Augen schauen müssen und nur über die Gegensprechanlage kommunizieren. Eine – wie ich finde – großartig gespielte Szene.

Sie sind bekannt für Ihre Krimis, in denen politische Themen im Vordergrund stehen, beispielsweise Wasserknappheit oder die Weservertiefung. Dieses Mal jedoch haben Sie den Fokus auf die emotionalen Facetten der Figuren gerichtet. Worin liegt für Sie beim Schreiben der größte Unterschied?

Ich möchte gar nicht zwischen "Themen-Filmen" und "Emotions-Filmen" unterscheiden. Es ist mir in beiden Fällen wichtig, wahrhaftige Charaktere zu zeigen. Ob Thriller, Komödie, Krimi oder Drama – ich versuche immer die Emotionen meiner Figuren ernst zu nehmen. In einer Geschichte wie "Er wird töten" ist man als Autor allerdings gefordert, sich vor allem mit den Abgründen der Figuren auseinander zu setzen, mit ihren Reaktionen in Extremsituationen. Hier speziell mit der gerade erwähnten Frage: Wie gehen meine Figuren mit dem Verlust eines Freundes, eines Kollegen, eines Kindes, eines Geliebten um? Dazu ist natürlich – wie immer im Krimi – auch Schuld ein Thema. Gerade in der Figur von Stedefreund und in der Beschreibung seines Traumas ist Schuld ein wichtiger Bestandteil. Es geht um die von Stedefreund empfundene Schuld, den Kollegen nicht erlöst zu haben. Das mit wenigen Szenen, möglichst wenig Dialog und dennoch hochemotional zu erzählen, war mir wichtig.

Wie lange haben Sie an dem Drehbuch gearbeitet?

Das ist immer schwierig zu bestimmen, da man ja immer in Etappen arbeitet – erst eine Idee, dann ein Exposé, ein Treatment und dann die Drehbuchfassungen. Letztendlich läuft es mehr oder weniger immer auf ein Jahr Arbeit hinaus. Die ersten Überlegungen zu "Er wird töten" gab es mit der Radio-Bremen-Redakteurin Annette Strelow und dem Regisseur Florian Baxmeyer schon nach unserer schönen Zusammenarbeit bei der "Tatort"-Folge "Der illegale Tod".

Wie schaffen Sie es als Autor, sich so lange mit einer über die Maßen beklemmenden und düsteren Geschichte zu befassen?

Indem ich alle meine Figuren, ob gut oder böse, ganz einfach liebe.

Herr Jeltsch, vielen Dank für das Gespräch.

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