Brigitte Maria Bertele (Regie)

Drehstart für neuen Tatort aus Münster „Unter Gärtnern“ (AT)
Drehstart für neuen Tatort aus Münster „Unter Gärtnern“ (AT) | Bild: WDR / Taimas Ahangari

Nach „Rhythm and Love“, der eine Kommune mit freier Liebe beleuchtet, blicken sie hier ausgehend vom kleinen Schrebergarten in die Weltgeschichte. Ist das ein Fall, den Sie so nur im Münster-„Tatort“ erzählen könnten?

Ich würde es vielleicht nicht ganz so generalisierend formulieren, aber was ich persönlich an den Tatorten aus Münster schätze, ist, dass immer wieder versucht wird, die Grenzen des bisher Dagewesenen ein kleines Stückchen weiter zu dehnen. Das Format war und ist ein Pionier in der Crime Comedy in Deutschland und hat sich immer wieder auf umstrittenes Terrain begeben. Ich denke, ohne Risiko gibt es keine Entwicklung – deswegen hat es mich gefreut, in der Drehbuchautorin Regine Bielefeldt, dem Produzenten Jan Kruse, der Redakteurin Sophie Seitz und dem wunderbaren Münsteraner Ensemble Partner:innen zu haben, die nicht versucht sind, Konventionen zu reproduzieren, sondern von Neugier, Entwicklungsfreude und Mut getrieben sind. Humor ist in meinen Augen eines der unterschätztesten Genres im deutschsprachigen Film und es lohnt sich radikal, darüber in einen intensiveren und vor allem angstfreieren Austausch zu kommen – ganz im Sinne dessen, was John Vorhaus als „Gedankenmüll“, den es über Bord zu werfen gilt, bezeichnet: „Machen Sie Ihrem scharfen inneren Zensor den Garaus."

Sabine Schmidt hat scheinbar die meisten Menschen in ihrem Umfeld getäuscht. Würden Sie sagen, sie war eine gute Regisseurin ihres eigenen Lebens?

Metaphorisch gesprochen könnte man manche Parallele entdecken – konkret gedacht komme ich allerdings, was meine persönliche Regieauffassung betrifft, zu einem Nein.

Sabine Schmidt hat eine Vision für ihr Leben entwickelt, nach der sie lebt und die ihrem Wesenskern zu entsprechen scheint. Ihre persönliche(n) Identität(en) sind untrennbar mit ihrem Beruf verwoben und ich stelle mir vor, dass sie das freiwillig so gewählt hat. Sie versucht eine Art Hoheit darüber zu behalten, was ihre Umgebung für ein Bild, für ein Narrativ von ihr hat. Aber das Leben bzw. die sie umgebenden Figuren gehen ihre eigenen Wege. Sie sind autonom, folgen ihrem Gespür und ihrer jeweiligen inneren Notwendigkeit – weswegen Kontrolle letztendlich eine Illusion bleibt.

Die Tätigkeit des Regisseurs/ der Regisseurin ist in meiner subjektiven Betrachtung keine, die Dinge kontrolliert, sondern vielmehr ein Biotop dafür schafft, dass Visionen auf fruchtbaren Boden fallen können, sich miteinander verweben und Gestalt annehmen. Im Französischen gibt es dafür das schöne Wort Réalisateur / Réalisatrice. Das impliziert auch, bestmöglichst mit allen im Kontakt zu sein, im kreativen, ehrlichen und diskursiven Austausch mit den Mitschöpfenden zu sein und auf Manipulation, Täuschung und Kontrolle zu verzichten.

Was war die größte Herausforderung für Sie bei diesem Fall?

Es gab weniger eine herausstechende Herausforderung, aber die Summe der vielen kleinen, oft versteckten, aber anspruchsvollen oder verzwickten Details der Filmerzählung in knapp bemessener Zeit balanciert zu gewichten, erforderte einiges Kopfzerbrechen. Eine gute Auslotung zwischen Spannung, komödiantischen Arabesken und Erzähldichte zu finden, bei der alle unterschiedlichen Anforderungen im Drehplan ihre Zeit bekommen, war durchaus anspruchsvoll. So bringt beispielsweise eine Erzählweise über situativen oder visuellen Humor höhere zeitliche und finanzielle Aufwände für Szenenbild, Requisite, Kamera und Licht mit sich als eine auf verbale Pointen fokussierte Erzählung. Trotzdem wollten wir auch diese Arten von Humor einflechten – was allerdings in den Momenten, während derer man tief über den Drehplan gebeugt ist, einer Quadratur des Kreises nahe kommt :)

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